Österreich auf der Suche nach Verteidigern

Ein Problem, das nicht nur Österreich hat. "In jedem Land gibt es zu wenig ausgebildete Verteidiger, wir sind da nicht allein", sagte Österreichs Teamchef Bill Gilligan, der langfristig ein Umdenken fordert und kurzfristig Umschulungen anregt. So eklatant allerdings wird es wohl selten in anderen Ländern sein. Denn seit einem ganzen Jahrzehnt hat kein von einem österreichischen Club ausgebildeter Verteidiger den Sprung zum Stammspieler im Nationalteam geschafft. Der letzte war Robert Lukas (1999), danach waren zu Hause ausgebildete Verteidiger nur noch für das eine oder andere WM-Turnier im Kader, nicht aber regelmäßig oder als Leistungsträger.

Gilligan hat sich daher vor allem bei der Besetzung der acht Verteidiger-Position für die laufende B-WM in Tilburg den Kopf zerbrechen müssen. Im aktuellen Kader füllen zwei umgelernte Stürmer und zwei eingebürgerte 36-Jährige die entstandene Lücke. Darcy Werenka und Mickey Elick sind erfahren, aber nicht mehr die schnellsten. Für diese B-WM, so hofft Gilligan, soll es reichen.

Da kommen umgelernte Stürmer wie Thomas Pöck und Matthias Trattnig gerade recht. Dass Pöck umfunktioniert wurde, daran hat auch Gilligan großen Anteil. Der US-Amerikaner war Assistant-Coach der University Massachusetts-Amherst und ebnete Pöck vor zehn Jahren den Weg dorthin. Der ehemalige Torjäger wurde unter Gilligan zum Verteidiger ausgebildet und schaffte so sogar den Sprung in die NHL, in der er 122 Spiele absolviert hat. Matthias Trattnig erhielt seine neue Position im Vorjahr von Pierre Page in Salzburg.

Ein Weg, den der Teamchef als kurz- bis mittelfristige Lösung sieht, wohl wissend, dass die talentierten Spieler im Nachwuchs meist "Tore schießen wollen und als Stürmer aufgestellt werden". Aber "Österreich muss eine Breite schaffen, man muss gezielt und bewusst dieses Problem (Anm: bei den Verteidigern) angehen. Aber das dauert sehr lange", macht sich Gilligan nichts vor.

Daher: "Wir müssen wahrscheinlich Leute umstellen. Was Page gemacht hat oder wir mit Thomas gemacht haben, müssen Clubs früher forcieren. Zwischen 15 und 20 Jahren eine oder zwei Saisonen nur Verteidiger spielen lassen. Einige werden sagen, das gefällt mir. Zusätzlich muss man ein paar Camps organisieren, das haben sie in der Schweiz eingeführt. Es ist nicht schlecht, dass wir derzeit Vorbilder wie Thomas oder Matthias haben."

Überlegungen von Gilligan in diese Richtung gibt es bei den Harand-Brüdern, die bei den Graz 99ers und im Team unter Gilligan spielen. Sowohl Patrick als zuletzt auch Chris wurden in der Abwehr getestet und hätten laut Teamchef dort auch eine Zukunft. Beide würden auch dem neuen Typus Verteidiger entsprechen, der nicht mehr nur groß und hart sein muss. "Das Spiel hat sich seit der Einführung der neuen Regeln geändert", sagte Gilligan. "Verteidiger kann man nicht mehr spielen, wenn man unbeweglich ist. Man braucht Verteidiger die beweglich und technisch gut sind. Das ist ein ganz neues Eishockey."

Aber auch ein intensiver Lernprozess, den Pöck hinter sich hat und in dem sich Trattnig noch befindet. "Matthias hat unwahrscheinliche Qualitäten, man sieht aber immer wieder, dass er kein gelernter Verteidiger ist. Das Stellungsspiel hat auch Tommy Pöck in der NHL zu schaffen gemacht. Das Spiel ist so schnell, wenn du ein paar Meter in der falschen Position bist, bist du weg", erklärte Gilligan, der hofft, dass in den Abwehrreihen der österreichischen Vereine künftig weniger Legionäre und mehr einheimische Spieler zum Zug kommen. Auch in Graz, "wir sind nicht befreit davon".

Als Alternativen für das nächste Jahr gibt es in erster Linie Andre und Philippe Lakos sowie den von Nordamerika nach Lugano gewechselten Stefan Ulmer, das wohl größte heimische Verteidigertalent.

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