Wolfgang Hesoun (Siemens)

Platz 10

Wolfgang Hesoun (Siemens)

Business live: Die Konjunktur zieht kräftig an, die Prognosen sind so gut wie lange nicht. Wie beurteilen Sie aus Sicht der Industrie die Situation in Österreich?
Wolfgang Hesoun: Österreich ist als Standort – auch als Industriestandort – attraktiv und auffallend stark im Hightechbereich. Wir verfügen über eine ­hohe Produktivität, zahlreiche hochwertige Forschungseinrichtungen und eine enge Verschränkung zwischen Wirtschaft und Forschung. Auch bei den für Standortentscheidungen wichtigen Soft-Faktoren, wie Lebensqualität, hohe Rechtssicherheit und politische Stabilität liegen wir ganz weit vorne. Ein Urteil, wie jenes zur 3. Piste am Flughafen Wien, führt jedoch leider zu großer Verunsicherung. Es schadet nicht nur dem Ansehen des Wirtschaftsstandortes Österreich im internationalen Vergleich, sondern gefährdet auch Arbeitsplätze.

Business live: Wie liegen wir hinsichtlich der Digitalisierung im internationalen Vergleich?
Hesoun: Im Europavergleich haben die Unternehmen in Österreich die Nase recht weit vorne. Es gibt fast kein Unternehmen mehr, das sich nicht zumindest gedanklich mit dem Thema beschäftigt. Ausgehend von dem hohen Automatisierungsgrad, den unsere Industrie schon heute hat, geht es nun um die nächsten Schritte, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen: Dafür werden der Produktionsprozess und die gesamte Wertschöpfungskette digitalisiert.

Business live: Wie verändert sich die Industrie durch die Digitalisierung?
Hesoun: Ich sehe vor allem Chancen in ­dieser Entwicklung. Nach Jahrzehnten, in denen der globale Wettbewerb über die Produktionskosten, also zu einem erheblichen Teil über Personalkosten, geführt wurde, können wir jetzt verstärkt mit Know-how und Innovationen punkten. Ändern werden sich Aufgabenbereiche und Anforderungsprofile an die Mitarbeiter, vor allem der Umgang mit Software und Programmierkenntnisse werden immer wichtiger. Ich halte es daher für sehr wichtig, junge Leute verstärkt für Mathematik, Informatik und Technik zu begeistern.

Business live: Können Sie ein Beispiel nennen, wie die Digitalisierung Produktionsprozesse bei Siemens Österreich beeinflusst?
Hesoun: Die Digitalisierung ist bei der Planung, Entwicklung und Umsetzung von Projekten im Konzern sehr weit fortgeschritten, auch in Österreich nutzen wir die Vorteile der neuen Technologien immer stärker. In unserem steirischen Werk Weiz, wo wir Spezialtransformatoren für die ganze Welt bauen, vereinen wir die Digitalisierung bei Entwicklung und Konstruktion mit dem klassischen Handwerk des Trafo-Baus. Im Werk Wien-Simmering entwickeln wir Reisezugwaggons, Straßenbahnen und U-Bahnen in einem virtuellen Labor oder mit 3D-Brillen, bevor es an die Fertigung geht. Dadurch können unsere Ingenieure und Kunden das Fahrzeug, das es real noch gar nicht gibt, in verschiedenen Baustadien in 3D ansehen, technisch beurteilen, Designs klären und Varianten testen. So wissen wir zu einem frühen Zeitpunkt, wie die Fahrgäste das gebaute Fahrzeug erleben werden.

Business live: Welche Vision hat Siemens für die Stadt der Zukunft – und welche Pilotprojekte gibt es da in der Seestadt Aspern?
Hesoun: Global gesehen werden in 15 Jahren knapp 60 Prozent der Menschheit in Ballungszentren leben. Diese Entwicklung stellt die Infrastruktur unserer Städte vor große Herausforderungen. Saubere Luft statt Smog, entspannte Mobilität statt verstopfter Wege, sauberes Trinkwasser statt Wasserquellen mit Krankheitserregern, verfügbarer und bezahlbarer Strom aus regenerativen Quellen. Der Weg zu den Lösungen führt in ein Zeitalter der Digitalisierung, in dem Städte wie große Computer funktionieren: Wir wollen Städte schlaumachen, wollen sie auf Basis von Daten zu Smart Cities entwickeln. In der Seestadt Aspern erproben wir in einem realen Umfeld neue Siemens-Technologien für die Optimierung von Gebäuden und Energiesystemen. Zum Energiesystem gehören intel­ligente Gebäude, intelligente Stromnetze und insgesamt ein smarter Markt. Viele der Lösungen stehen bereits zur Verfügung. In Aspern führen wir diese zu einem Gesamtsystem zusammen. Die bisherigen Ergebnisse sind erfolgsversprechend und finden internationale Anerkennung: Die Forschungsgesellschaft Aspern Smart City Research konnte sich beim Smart City Expo World Congress 2016 in Barcelona gegen mehr als 250 Projekte aus 45 Ländern durchsetzen und gewann einen der drei World Smart City Awards.

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