Noteingriffe zur Netzstabilisierung steigen

Strom am Limit

Noteingriffe zur Netzstabilisierung steigen

Kraftwerke werden angesichts der zunehmenden volatilen Stromerzeugung aus Wind und Sonne auch in Österreich immer öfter zur Stabilisierung der Stromnetze eingesetzt. "Die Eingriffe zur Stabilisierung des Stromnetzes steigen kontinuierlich an", sagte ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers APG zur APA.

Im Vorjahr beliefen sich die Gesamtkosten zur Stromnetz-Stabilisierung auf 157,6 Mio. Euro. Heuer ist der Vorjahreswert bereits übertroffen - laut APG sind es bisher rund 170 Mio. Euro (Stand 28. Juni). Darin enthalten sind sowohl die von der APG als auch von benachbarten Übertragungsnetzbetreibern benötigten Abrufe.

Bei der Wien Energie beispielsweise hat sich wegen des kalten und windreichen Jänners und der zunehmenden volatilen Erzeugung von Solar- und Windenergie die Zahl der Einsätze der Gaskraftwerke heuer im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, heißt es aus dem Unternehmen zur APA. Auch EVN, Verbund und Energie Oberösterreich sehen eine steigende Tendenz.

Hintergrund ist, dass die Netzbetreiber wegen der unzureichenden Netzkapazitäten in Europa bei gleichzeitigem massiven Ausbau der erneuerbaren Energie immer mehr ins Netz eingreifen müssen. Mit diesen sogenannten Redispatch-Maßnahmen sollen Netzengpässe beseitigt und das Stromnetz stabilisiert werden. Dafür werden Kraftwerkskapazitäten, vor allem thermische Anlagen, aber auch Pumpspeicherkraftwerke, vorgehalten, die in Engpasssituationen von Netzbetreibern abgerufen werden. Die EVN und die Energie AG Oberösterreich etwa haben für den Winter auch diesbezügliche Verträge mit einem deutschen Netzbetreiber abgeschlossen.

Die Wien Energie hat der APG heuer bis Ende Juni 75 Mal und 447 Stunden bei der Netzstabilisierung geholfen, heißt es aus dem Unternehmen zur APA. Die Zahl der Einsätze durch die Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) habe sich seit 2013 von 15 Einsätzen auf bis zu 150 Einsätze pro Jahr vervielfacht. Auch für den heurigen Sommer wurde mit der APG eine Reserveleistung von 800 Megawatt (MW) vereinbart.

Aus dem Verbund heißt es, dass flexible Erzeugungseinheiten wie Pumpspeicher bzw. thermische Kraftwerke für die Integration der stetig wachsenden Anteile an volatiler Wind- und Sonnenenergie in das Stromsystem unabdingbar seien. Während der Kälteperiode zu Jahresbeginn seien die thermischen Kraftwerke zur Netzstützung in Österreich auf Hochtouren gelaufen, das Gaskraftwerk in Mellach beispielsweise habe in dieser Phase bis zu 800 MW eingespeist.

Bei der EVN sind die thermischen Kraftwerke im seit 1. Oktober laufenden Geschäftsjahr bisher jeden zweiten Tag zur Netzstabilisierung abgerufen worden. Die Tendenz der Einsätze sei steigend, in den letzten Monaten sei dies fast täglich erfolgt, so ein Sprecher.

Die Energie AG Oberösterreich hat ihr Gaskraftwerk in Timelkam im aktuellen Geschäftsjahr im Zeitraum 1. Oktober bis Ende März rund 2.600 Stunden und damit etwas mehr als im Vorjahreszeitraum eingesetzt. April und Mai seien auf Vorjahresniveau gelegen, der Juni werde leicht darüber liegen, so ein Sprecher zur APA.

Zu schaffen macht Kraftwerken auch die aktuelle Hitzewelle. So können beispielsweise bei der Wien Energie die Gaskraftwerke wegen der hohen Temperaturen nicht auf vollen Touren fahren. Grund dafür sind die höheren Temperaturen des für die Kühlung benötigten Wassers aus dem Wiener Donaukanal.

Zum Thema Wasserkrafterzeugung heißt es aus dem Verbund, dass man derzeit im Bereich der langfristigen Schwankungsbreite sei. Weniger Wasser in den Flüssen bedeute generell nicht 1:1 weniger Stromerzeugung, für die das Gefälle zwischen Ober- und Unterwasser wichtig ist. Genutzt werde die Periode auch für Überprüfung, Wartung, Instandhaltung und Reparatur der Anlagen.

Auch in Deutschland wurden heuer bereits deutlich mehr Noteingriffe zur Netzstabilisierung vorgenommen. So hat etwa der Netzbetreiber Tennet kürzlich erklärt, dass die Kosten auch wegen des windreichen Jänners im Vorjahresvergleich um mindestens 50 Prozent gestiegen seien. "Die Anspannung im Netz ist hoch, und sie wird mit der Abschaltung weiterer Kernkraftwerke noch zunehmen", so Tennet-Deutschland-Chef Urban Keussen zur dpa. Laut Bundesnetzagentur könnten die Eingriffskosten nach Abschaltung der letzten Atomkraftwerke 2022 auf bis zu 4 Mrd. Euro im Jahr steigen, 2015 war es 1 Mrd. Euro. Solange Leitungen fehlen, um Windstrom vom Norden Deutschlands in den Süden zu transportieren, müssen vor allem im Herbst und Winter immer wieder Windparks gegen Kosten abgeschaltet und Reservekraftwerke im Süden Deutschlands oder in Österreich hochgefahren werden.

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