3. Gaddafi
Muammar al-Gaddafi wird durch einen angesetzten Kopfschuss ermordet. Von libyschen Rebellen. Wenige Stunden zuvor haben sie ihn auf der Flucht gestellt und lebend aus einem Kanalrohr gezogen: „Nicht schießen, nicht schießen“, ruft er. Sie drücken ab. Er stirbt genauso gnadenlos, wie er regiert hat.
Dann stellen sie die Leiche Gaddafis aus! Wie eine Trophäe. In einem schäbigen Kühlhaus am Fleisch- und Gemüsemarkt in der Stadt Misrata, 200 km östlich von Libyens Hauptstadt Tripolis. Und sie jubeln dabei. Ein schreckliches, beklemmendes Schauspiel. Bilder wie diese gab es weder von Mao, Stalin oder vom rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu.
Es ist gegen 11 Uhr, als ich das Marktgebiet außerhalb von Misrata an der Mittelmeerküste erreiche. Normalerweise werden hier Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch gelagert und gehandelt. Ein Kühlhaus aus Plattenbeton reiht sich ans andere. Dazwischen ein Ringelspiel, eine Hüpfburg.
Vorm Einfahrtstor zum Markt eine Menschenschlange. Hunderte Männer warten, Frauen, Kinder. Alle wollen Gaddafi sehen, das Monster bestaunen: „Er hat meine beiden Söhne getötet!“, schreit ein älterer Mann. „Ich möchte sehen, dass der Mörder meiner Kinder tot ist.“ Das schwere Eisentor geht auf, ich werde durchgeschoben. Mehrere Dutzend Rebellen mit Maschinengewehren und Kalaschnikows sind zu sehen. Es riecht süßlich, überall Fliegen.
Ich erreiche eine schmale Betonrampe, die zu einer offen Eisentür führt. Die Tür steht offen. Ein kahler, schäbiger, kalter Raum. Zuerst realisiere ich es gar nicht, aber auf einer schmutzigen Matratze am blanken Stahlboden des Kühlraumes liegt Oberst Muammar al-Gaddafi, 69. Direkt vor mir. Zu meinen Füßen. Er ist mit einer speckigen, bläulichen Decke zugedeckt. Sein nackter Oberkörper ist zu sehen. Der früher mächtigste Mann Nordafrikas, der exzentrischste Politiker der Welt, der Herr des Terrors, liegt tot am Boden eines Kühlhauses.
Manche haben ihre Kinder mit ins Kühlhaus gebracht, die Kleinsten sind erst drei, vier
Sein markantes Gesicht ist gelblich, das krause, schüttere Haar dunkel. Auf der Stirn ein schwarzer Fleck. Das Einschussloch. Um das Einschussloch Schmauchspuren. Einige Augenblicke kann ich in dem Raum bleiben. Ich weiß bis heute nicht, ob ich in diesem Moment Zeitgeschichte erlebe oder bloß Teil einer der widerwärtigsten Todesshows der Politgeschichte werde. Schließlich schieben die Rebellen mich hinaus. Vor dem Kühlraum eine endlose Menschenschlange. Manche haben Kinder mitgebracht. Die Kleinen sind kaum älter als drei, vier Jahre alt: „Allāhu akbar“ – Gott ist groß, rufen sie.
Gaddafi war ein Despot. Aber kein Monster. Nur Fidel Castro kam auf eine um zwei Jahre längere Amtszeit als er, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hatte gar keine offizielle Position. Er war weder gewählter Präsident, noch Staatschef. Er war bloß Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reichte.
Am 1. September 1969 putscht er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den unfähigen König Idriss. Gaddafi verkörpert damals jenen Geist islamischen Siegesbewusstseins, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlt Geheimnisvolles aus, sein brennend starrer Blick hat ständig etwas Gehetztes.
Beduinensohn Gaddafi wächst in der Sahara auf. Die Wüste ist sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloss. Als Schüler wird er missachtet. Daraus resultiert sein brennendes Bedürfnis nach Macht. Wohl deshalb stemmt er sich auch acht Monate lang gegen die Rebellen, lässt auf sein Volk schießen, will nicht wahrhaben, dass er verloren hat. Bis zuletzt glaubt er noch an den Sieg. Er hätte mit seinen Öl-Milliarden flüchten können. Er tut es nicht: „Allah ist mit den Standhaften“, lässt er wenige Tage vor seinem Tod in seiner Geburtsstadt Sirte verkünden.
Es ist seine letzte Botschaft.