13. Jänner 2010 15:29
Mit Blumen beglückwünschten Internetnutzer die Entscheidung
von Google, sich nicht länger der chinesischen Zensur beugen zu wollen. "Google:
echte Kerle", stand auf einem Zettel neben den bunten Sträußen, die am
Mittwoch vor dem Pekinger Büro des Internet-Konzerns im Universitätsbezirk
Haidian abgegeben wurden. Chinesische Blogger hatten zu der Aktion
aufgerufen, um Google im Kampf gegen Chinas Zensoren zu unterstützen.
Google droht mit Rückzug
Die Blumen demonstrierten auch
Sympathie mit den rund 700 chinesischen Mitarbeitern des US-Unternehmens,
deren Arbeitsplatz jetzt bedroht ist. Google hatte angekündigt, heikle
Internet-Inhalte nicht mehr ausfiltern zu wollen und sich notfalls nach vier
Jahren am Markt auch aus China zurückzuziehen.
"Respekt für Google: Erstens zu tun, was sie tun sollten, selbst wenn
es nicht leicht ist, zweitens dafür, dass sie ihr Herz und ihre Kunden
beschützen", kommentierte ein Nutzer bei Twitter. Der
Kurznachrichtendienst ist in China eigentlich auch gesperrt, wird aber
zumindest von findigen Chinesen auf Umwegen etwa über Proxyserver oder
kostenpflichtige Tunnel benutzt. "Fanqiang", über die "Große
Firewall" klettern, ist das Losungswort der Aktivisten in der mit 340
Millionen Nutzern größten Internetgemeinde der Welt.
China schlittert in die Internet-Isolation
"Nicht Google
tritt den Rückzug aus China an, sondern China zieht sich von der Welt zurück",
warnte ein Kommentar vor weiterer Isolation. Internetnutzer konnten am
Mittwoch nicht einmal lesen, was Google tatsächlich erklärt hatte. Gesperrt
war selbst der Blog, wo Google-Justiziar David Drummond angekündigt hatte,
die Suchergebnisse in China künftig nicht mehr filtern zu wollen und dafür
notfalls das lukrative, wachsende China-Geschäft aufzugeben.
Es ist eine Kampfansage an die Zensoren - doch wird Google diesen Kampf wohl
verlieren, wie chinesische Experten voraussagen. "In Sachen Ideologie
wird die Regierung niemals nachgeben", sagte der Professor für
Kommunikation, Guo Ke, vom Shanghaier Institut für Internationale Studien
laut amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua. "Es ist der Regierung egal,
ob sich Google aus China zurückzieht."
Google ist in China nicht Marktführer
Richtig
schmerzen wird der Verzicht auf den chinesischen Markt Google zur Zeit
allerdings nicht. Der Internetriese mit der meist benutzten Suchmaschine
weltweit liegt in China weit abgeschlagen nur auf Rang zwei. Platzhirsch ist
das chinesische Unternehmen Baidu.cn mit 77 Prozent aller Suchanfragen. Wie
viel das China-Geschäft zum weltweiten Umsatz von Google beiträgt, ist
unklar, doch sprechen Experten von gerade einmal zwei Prozent. Dennoch
wächst das Geschäft nirgendwo schneller als in China.
Den Wachstumsmarkt vor Augen hatte Google vor vier Jahren seinen ethischen
Grundsatz "Tue nichts Böses" aufgegeben und sich mit der
chinesischen Zensur ins Boot begeben. Der hohe Preis der Selbstzensur hat
sich nicht wirklich ausgezahlt. Chinas Behörden haben stets das heimische
Unternehmen Baidu.cn bevorzugt. Im zurückliegenden Sommer wurde Google noch
Ziel öffentlicher Kritik in Chinas Staatsmedien, pornografische Inhalte
zuzulassen, obwohl die Suche bei Baidu.cn ähnliche Bilder hervorbrachte. Zur
Strafe wurden Google.cn und Gmail kurzfristig gesperrt.
Es ging immer weiter. Die Behörden forderten von Google weitere
Einschränkungen, während die "Firewall" um China immer
höher gezogen wurde. Das Maß war für Google endgültig voll, als
Hacker-Angriffe aus China im Dezember wichtige Programmcodes klauten, um
sich künftig Zugang ins Google-Reich zu verschaffen. Auch wurden die
Mailkonten chinesischer Menschenrechtsaktivisten ausspioniert. Der Verdacht
liegt nahe, dass hinter den Hack-Angriffen offizielle Stellen in China
stecken.
Zahlreiche gezielte Cyber-Attacken aus China
Chinesische Hacker
haben in den vergangenen Jahren immer wieder Computer von Unternehmen,
Regierungen und Streitkräften in Ländern wie Deutschland und die USA
angezapft. Chinesische Spionage wird als immer größere Gefahr betrachtet.
US-Präsident Barack Obama sieht in Cyber-Attacken "eine der
größten Herausforderungen für die Wirtschaft und die nationale Sicherheit".
Die amerikanische Spionageabwehr "hat China als Ausgangspunkt für
umfassende bösartige Cyber-Aktivitäten ausgemacht, die auf die USA abzielen",
wie aus einem Kongressbericht hervorgeht. Umfassende Beweise deuteten auf "eine
Verwicklung des chinesischen Staates in solche Aktivitäten hin".
(Quelle: dpa)