11. Jänner 2010 14:08
Als an diesem Wochenende in nord-kalifornischen Kleinstadt Eureka die Erde
bebte, machte die Nachricht zuerst beim Micro-Blogging-Dienst Twitter
die Runde. Kaum waren die Stöße abgeklungen, vermeldeten die Bewohner die
Katastrophe. Nur wenig später lieferten sie Fotos von zerbrochenen
Schaufenstern und umgeworfenen Möbeln. Der Kurzmeldungsdienst hat seinem Ruf
als Turbo für Nachrichten und Gerüchte im Netz bestätigt. Neuerdings
beschleunigt er damit auch Suchmaschinen: Wie berichtet integrieren Google
und Bing seit kurzem die "Tweets" in ihre Ergebnisse auf den US-Seiten.
So tauchte Eureka binnen weniger Minuten auch dort auf.
Grund für die Implementierung
Dass Schwergewichte wie Google
und Microsoft auf Twitter setzen, hat auch mit einem anderen Ereignis vor
ziemlich genau einem Jahr zu tun. Als Mitte Jänner 2009 ein Flugzeug auf dem
Hudson River notwasserte, war bei ihren Suchmaschinen lange Zeit nichts
darüber zu finden. Anders beim populären Kurzmeldungsdienst: Nutzer
berichteten nur Minuten nach der Beinahe-Katastrophe in New York von einer
Fähre aus, wie sie die Rettung der unverletzten Passagiere erlebten,
garniert mit Fotos.
Suchmaschinen arbeiten anders
Die Langsamkeit von Google, Bing
und Co. im Vergleich zum Zwitscherdienst, hat mit ihrer Suchmethode zu tun.
Sie verschaffen sich ihren Datenfundus, indem sie Armeen von Such-Robotern
durch den Cyberspace schicken. Die Programme durchkämmen automatisch eine
Website nach der anderen und fügen ihre Funde dem Index zu. Veränderungen
erscheinen erst in den Ergebnissen, wenn der Suchtrupp wieder da war. Das
kann dauern - selbst die Nachrichtenrubrik Google News und die Blogsuche
werden nur nur alle 15 Minuten aktualisiert.
Twitter und seine Nachahmer sind anders: Spontaner, aber auch chaotischer.
Jeder kann sich zu Wort melden, dank Internet-fähiger Handys sofort und von
überall, wie die Bewohner des Erdbebengebietes oder die Zeugen der
Notwasserung.
Damit verbreiten sich Meldungen binnen Minuten um die Welt, ehe Journalisten
und Blogger auch nur eine Zeile geschrieben haben und die Suchmaschinen
diese finden können. "In dieser schnelllebigen Zeit können 15 Minuten viel
ausmachen", erklärt Google-Sprecher Stefan Keuchel das Interesse seines
Unternehmens.
Die wichtigste Quelle ist Twitter. "Dort wird von so vielen Leuten so viel
Material veröffentlicht, dass Echtzeitsuche im Großen und Ganzen das Gleiche
bedeutet wie die Suche in Tweets", meint Danny Sullivan, Chefredakteur des
Blogs "Search Engine Watch". Google und Bing haben deswegen mit Twitter
vereinbart, dass sie über eine Standleitung alle Tweets in Echtzeit
erhalten. Das wird die Konzerne einiges kosten - und verschafft dem Startup
ohne Geschäftsmodell ordentliche Einnahmen.
Social-Networks ebenfalls wichtig
Deshalb ist es auch nicht
überraschend, dass Facebook
mit seinen 350 Millionen registrierten Mitgliedern immer wichtiger wird. In
dem Online-Netzwerk können Nutzer ihr Profil um launige Kommentare
(Statusmeldungen), Fotos oder Links anreichern - ähnlich wie man es von
Twitter kennt. Die Zielgruppe lässt sich zwar auf die eigenen Freunde
beschränken. Mit der jüngsten Änderung der Datenschutz-Einstellungen legt
das Unternehmen aber nahe, seine Äußerungen alle Internetnutzern zugänglich
zu machen. Google und Bing können darauf zugreifen.
Suchmaschinen profitieren von der Aktualität
Von den
Kurzmeldungen - den Tweets - können die Suchmaschinen doppelt profitieren.
Die persönlichen Kommentare der Nutzer geben den Lesern das Gefühl, dabei zu
sein - in Echtzeit und dank verlinkter Bilder und Videos auch in Farbe.
Auch die vielen Links, die sich in der Twitter-Welt verbreiten, sind ein
wertvoller Datenschatz: "Die Suchmaschinen entdecken darüber Dokumente, die
noch nicht erfasst sind", sagt Prof. Dirk Lewandowski von der Hochschule für
Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Und wenn viele Twitterer eine Seite
empfehlen, wird deutlich, was gerade im Web angesagt ist.
Enorme Herausforderung
Allerdings dürften die Millionen von
Tweets und Statusmeldungen selbst den Giganten Google vor technische
Herausforderungen stellen. "Die Betreiber müssen binnen kürzester Zeit die
Meldungen filtern und deren Relevanz bewerten", sagt Suchmaschinen-Experte
Lewandowski. Wie schwierig das ist, zeigen die Einträge zum Erdbeben in
Kalifornien: Tweets wie "Whooo, earthquake in Northern Cali!" dürften
Nutzern wenig wertvolle Informationen bieten - außer, dass dort die Erde
bebt.
Die Echtzeit-Suche ist nach Lewandowskis Auffassung "mit heißer Nadel
gestrickt", die Anbieter experimentieren noch. Der Erfolg wird davon
abhängen, wie gut sie mit den Meldungsmassen klarkommen. So schnell
verzichten werden sie darauf sicherlich nicht - noch einmal lassen sie
Twitter nicht den Vortritt. (Quelle: dpa)