01. Februar 2010 09:57
Es hört sich harmlos und idyllisch an: Beim Internet-Spiel Farmville
pflanzen die Spieler Erdbeeren und Bäume an, melken Kühe und bauen sich ein
Bauernhaus. Im Online-Netzwerk
Facebook ist das Spiel in kürzester Zeit zu einem Massenphänomen
geworden. Knapp 75 Millionen virtuelle Bauern aus allen Teilen der Welt
beackern ihr kleines Stück Internet-Land - Tendenz steigend.
Problembereiche
Doch in der Farmville-Welt ist nicht alles eitel
Sonnenschein: Konsumentenschützer warnen vor der Datensammelwut des
Anbieters, einige Spieler berichten von unerlaubten Konto-Abbuchungen.
Die amerikanische Internet-Firma Zynga zeigt sich überrascht von dem Erfolg
des im Juni 2009 gestarteten Spiels. Er habe für Ende des Jahres vielleicht
um die fünf Millionen Nutzer erwartet, sagte Gründer Marc Pincus in einem
Interview. Aber Spiele wie Farmville dieser Art erleben in Online-Netzwerken
gerade einen Boom. Mit Zynga kann man sich ein Aquarium basteln (Fishville),
Haustiere pflegen (Petville), eine Gaststätte führen (Cafe World) oder sich
durch die Unterwelt kämpfen (Mafia Wars).
"Payfish" hat ähnliches Angebot
Konkurrent
Playfish ist mit ähnlichen Spielen wie Gangster City, Pet Society oder
Country Story am Start. Im November übernahm der Computerspiele-Entwickler
Electronic Arts Playfish. Neben dem Kaufpreis von rund 275 Millionen Dollar
(197 Mio. Euro) zahlte EA noch etwa 25 Millionen Dollar (17,9 Mio. Euro)
sonstige Aktiva und stellte weitere Zahlungen von bis zu 100 Millionen
Dollar (71,6 Mio. Euro) bei bestimmten Ergebnissen in Aussicht.
Spielen geht ins Geld
Die virtuellen Welten bringen den
Betreibern durchaus reales Geld. Bei Farmville zum Beispiel kann man zwar
zunächst kostenlos mit Fleiß "Erfahrungspunkte" sammeln
und virtuelles Geld verdienen, um sich Saatgut und Tiere kaufen zu können.
Dafür muss der Farmer regelmäßig nach seinen Pflanzen sehen, denn sonst
gehen sie ein. Begehrte Elemente wie ein Haus kriegt man schneller, wenn man
um echtes Geld sein Farmville-Konto auffüllt, per Kreditkarte oder über den
Bezahldienst Paypal.
Auch wenn die meisten Spieler nur kleine Beträge ausgeben, es kommt einiges
zusammen. Zynga hat nach eigenen Angaben insgesamt mehr als 230 Millionen
Spieler an sich gebunden. Laut "New York Times" nimmt das
Unternehmen pro Jahr rund 250 Millionen Dollar (179 Mio. Euro) ein und
wächst schnell. Der russische Investor Digital Sky Technologies - unter
anderem bei Facebook engagiert - steckte jüngst 180 Millionen Dollar in das
Start-up. Böse Zungen spotteten, das müsse an der Begeisterung für "Mafia
Wars" liegen.
Der gesamte Markt für virtuelle Spiel-Utensilien wird allein in den USA auf
eine Milliarde Dollar (716 Mio. Euro) geschätzt - und könnte laut Experten
bis 2013 auf fünf Milliarden Dollar wachsen. In Asien sollen es jetzt schon
um die fünf Milliarden sein.
Dubiose Praktiken
Kritiker zweifeln allerdings daran, ob alles
sauber zugeht in den niedlichen Online-Welten. So sollen Partner von Zynga
dubiose Geschäftspraktiken angewandt haben. Sie boten Nutzern Farmville-Geld
an, wenn diese Software oder Handy-Klingeltöne kauften. Kritiker wie das
IT-Blog TechCrunch sahen dahinter eine Abo-Falle. TechCrunch-Gründer Michael
Arrington prägte für das System den Begriff "ScamVille"
- Betrugs-Stadt. In den USA läuft eine Sammelklage gegen Facebook und Zynga.
Der Spiele-Anbieter stoppte die Abo-Praktiken daraufhin.
Mängel beim Datenschutz
Spannend wird es auch beim Thema
Datenschutz. Wer sich das Spiel auf sein Facebook-Profil lädt, erlaubt
Zynga den Zugriff unter anderem auf die eigenen Profilinformationen, Fotos
und Informationen über Freunde. "Die Datenschutzerklärung ist
teilweise sehr vage und der Anbieter behält sich vor, so gut wie alles
abzurufen", sagt Henry Krasemann vom Unabhängigen Landeszentrum für
Datenschutz Schleswig-Holstein.
Das Unternehmen erstellt ein Profil der Nutzer, für das es Daten aus
etlichen Quellen zusammensetzt: Etwa "Zeitungen, Internetquellen wie
Blogs, Kurzmitteilungsdiensten, Zynga-Spielen und von anderen Zynga-Nutzern",
wie es auf der Website des Unternehmens heißt. Zusammen mit
Browser-Informationen über die besuchten Websites werden diese Daten für
gezielte Werbung genutzt. Nach deutschem Recht ist das fragwürdig, wenn
nicht gar unzulässig, sagt Krasemann, genauso wie die dauerhafte Speicherung
der Daten durch Zynga.
Die 25-jährige Münchnerin Anna Tschochner war anfangs eine fleißige
Farmerin. Viele ihrer Facebook-Freunde machten mit, durch die ständig
nötigen Aktivitäten und Statusmeldungen war das Spiel immer auf der
Startseite ihres Netzwerks präsent. Dann buchte Zynga von ihrem Paypal-Konto
dreimal Geld ab, obwohl sie nie ihre Zustimmung dazu gegeben hatte.
Vielleicht ein Versehen. Zynga äußerte sich dazu auf Anfrage der deutschen
Nachrichtenagentur dpa nicht. Tschochner hat nun ihre Facebook-Freunde vor
dem Spiel gewarnt. Ihr Geld hat die junge Frau zwar wiederbekommen, die Lust
an Farmville ist ihr jedoch gründlich vergangen. (dpa)