24. März 2010 14:51
Nun geht es ans Eingemachte. Die Fronten zwischen der chinesischen Regierung
und dem IT-Riesen Google haben sich in den letzten Tagen massiv verhärtet.
Mit gegenseitigen Vorwürfen wollen sich die beiden einflussreichen
Kontrahenten nun gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben.
Krieg zweier Giganten
Nach dem der Suchmaschinen-Weltmarktführer
seine Drohung in die Tat umsetzte und die chinesische Suchseite "google.cn"
offline gestellt hat, sprechen Brancheninsider von einem Krieg zweier
Giganten. Angefangen hatte alles im Dezember 2009 mit den chinesischen Hacker-Attacken
gegen Google und 20 weiteren großen westlichen Unternehmen. Dabei sollen vor
allem Konten von chinesischen Usern und ausländischen Journalisten des
Google E-Mail-Dienstes
Gmail ausspioniert worden sein. Laut den jüngsten Vorwürfen soll die
Aktion von chinesischen Elite-Universitäten
gemeinsam mit der Regierung initiiert worden sein. Google reagierte auf
die Angriffe mit einer Aufhebung der von China vorgegebenen Zensur von
Suchergebnissen und der Rückzugsdrohung. Derzeit werden die chinesischen
Google-User auf die unzensierte Google-Seite
Hongkongs (google.com.hk) umgeleitet. Zugriffe auf die Rechner dort vom
Kernland aus werden jedoch mittlerweile von der chinesischen Regierung
gefiltert. Viele internationale Google-Seiten wie google.com oder
google.co.uk konnten am Mittwoch in China nur zeitweise geöffnet werden oder
zeigten keine Suchergebnisse an.
Außerdem reagierte China auf die Aktion mit Drohungen
und wirft dem IT-Riesen vor, mit dem US-Geheimdienst
unter einer Decke zu stecken. "In der Tat, was Werte angeht, ist Google
kein Unschuldslamm. Seine Zusammenarbeit und sowie das Zusammenspiel mit
US-Geheim- und Sicherheitsdiensten ist weithin bekannt", hieß es in
einem Kommentar der kommunistischen "Volkszeitung". Und auch von
der vorherrschenden Zensur will sich China nicht verabschieden. Laut einem
Regierungssprecher seien Pornografie, Hacker-Angriffe und Online-Betrug die
größten Gefahren im Netz und deshalb bedarf es einer strikten Zensur.
Rückzug: Fehltritt oder Segen?
Google ließ sich diese
Vorwürfe nicht gefallen und beendet nun auch die Zusammenarbeit mit weiteren
Partnerunternehmen. Letztendlich werde es keine Partnerschaftsabkommen mehr
geben, die auf eine zensierte Suche im Internet hinausliefen, erklärte der
US-Konzern am Mittwoch. Die laufenden Verträge würden jedoch erfüllt. Die in
China weit verbreitete, englischsprachige "Global Times" bewertete
Googles Rückzug vom chinesischen Markt als "großen strategischen
Fehltritt". Immerhin ist China schon derzeit mit rund 400 Millionen
Inernet-Nutzern der weltweit größte Markt. Und in den kommenden Jahren
werden die Nutzerzahlen noch einmal enorm zulegen. Da Google den Großteil
seiner Einnahmen über Internet-Werbung lukriiert, geht mit dem Rückzug ein
enormer Wachstumsmarkt verloren.
Doch in Wahrheit hat Google den Durchbruch in China nie richtig geschafft.
Auch wenn sich das Unternehmen den Zugang zu einem der wichtigsten
Zukunftsmärkte verbaut: Selbst einen kompletten Rückzug dürfte der Konzern
zumindest mittelfristig leicht verschmerzen. Denn bis heute hatte der
weltweit führende und erfolgsverwöhnte Anbieter in China nur wenig Erfolg.
Gerade einmal ein bis zwei Prozent macht das dortige Geschäft am
Gesamtumsatz des Unternehmens aus, sagte Youssef Squali, Analyst bei
Jefferies, dem "Wall Street Journal". Mit einem Marktanteil von
rund 42 Prozent blieb Google nach Erhebungen der US-Marktforscher
GlobalStats auch noch im März deutlich hinter dem führenden chinesischen
Anbieter "baidu.com" (56 Prozent) zurück.
Google hatte im Jahr 2000 erstmals eine chinesisch-sprachige Suchmaschine
gestartet, sie in den ersten Jahren allerdings noch von Servern in den USA
betrieben. Nach der Anwerbung von Kai-Fu Lee, einem ehemaligen
Mircrosoft-Mitarbeiter und ausgewiesenen Kenner des chinesischen Marktes,
startete Google 2006 erstmals eine Suchmaschine google.cn in China. Mit
diesem Vorort-Start hatte Google auch seinen Leitsatz „Tue nichts Böses“
deutlich aufgeweicht und sich der Zensur gebeugt.
In den westlichen Ländern könnte sich der Rückzug für Google jedoch positiv
auswirken. Vor allem in Europa kämpft das Unternehmen gegen das gewachsene
Image einer "Datenkrake", die unersättlich Daten sammelt, es dabei
aber an Transparenz fehlen lässt. Zuletzt hatte auch der neue Dienst
StreetView, eine Erweiterung des Kartendienstes Google Maps, die Gemüter von
Nutzern europaweit erregt und eine heftige politische Debatte um Datenschutz
ausgelöst. Der Konflikt in China könnte Google nun zu einem besseren Image
verhelfen.
Gefahren für Google
Unterschätzen sollte Google den Schritt
jedoch nicht. Denn große (amerikanische) Unternehmen wie Motorola haben auf
den Rückzug bereits reagiert. So werden Motorola-Smartphones
nur noch mit der Suchmaschine Bing des Erzrivalen Microsofts angeboten.
Des Weiteren sagt der Harvard-Professor Ben Edelmann im Interview mit
"Technology Review", dass China zumindest technisch die Oberhand gegenüber
Google behalten wird. Denn die Zensoren können die Chinesischen User von
außerhalb Chinas komplett abschotten. Wie am Beispiel mit der Umleitung auf
Hongkong bereits klar wurde, ist es egal wo die Server stehen, China kann
deren Kommunikation mit dem riesigen Reich einfach blockieren. Google's
Aktion sei eher symbolischer Natur. Denn mit dem Rückzug legt der IT-Riese
nun die gesamte Verantwortung über die Internet-Zensur in die Hände der
chinesischen Regierung und kann sich dadurch frei(er) fühlen.
Rückzug wird zum Politikum zwischen China und den USA
China
sieht das natürlich anders und hat die Entscheidung für einen Rückzug aus
der Volksrepublik als isolierten Fall bezeichnet. Die Regierung werde den
US-Konzern nach Recht und Gesetz behandeln, erklärte ein Sprecher des
Außenministeriums. Die Entscheidung werde die Beziehungen zwischen China und
den USA nicht belasten, solange sie nicht von anderen zu politischen Zwecken
ausgenutzt werde. Das bleibt jedoch mehr als fraglich, denn bereits im
Jänner hatte der IT-Riese für sein Vorgehen von US-Präsident Barack Obama
sowie Außenministerin Hillary Clinton Unterstützung erhalten. Obama bestehe
darauf, dass auch in China das Recht auf Freiheit im Internet gelte, sagte
der Präsidialamtssprecher Robert Gibbs. Google hatte damals Obama noch vor
der Ankündigung von dem möglichen Rückzug aus der Volksrepublik informiert.
Auswirkungen für chinesische Nutzer und Unternehmen
Keine
Routenplaner mehr auf dem Handy, kein kostenloses Musikportal mehr und der
mögliche Wegfall eines Mobilfunkanbieters - ein Leben ohne Google dürfte die
chinesischen Internetnutzer noch weiter in die Isolation treiben. Und auch
chinesische Unternehmen müssten nach dem drohenden Rückzug des Konzerns
ironischerweise mit Einbußen rechnen. "Wenn Google geht, verlieren
beide Seiten, nicht nur Google", erklärte der Leiter des Pekinger
Forschungsinstituts Analysis International, Edward Yu.
Grund dafür ist, dass viele kleine und mittelständische Anbieter auf den
Google-Werbeserver AdWords, seinen E-Mail-Dienst Gmail und andere Leistungen
zurückgreifen. Diese sind nach der Abschaltung der Suchseite google.cn
ebenfalls unterbrochen.
Auch Handykunden betroffen
Millionen Handykunden drohen indes
ihren Zugang zum chinesischsprachigen mobilen Google-Map-Service zu
verlieren: China Mobile, der mit 527 Millionen Verträgen größte
Mobilfunkanbieter der Welt, nutzt Google für seine Suchfunktion und den
Routenplaner. Unsicher ist auch die Zukunft des beliebten
Gratis-Musikportals Top100.cn, auf das Nutzer nur über Google.cn zugreifen
können und das nach Ansicht von Experten maßgeblich zum Kampf gegen
Musikpiraterie beiträgt. Auch ob Google sein eigenes Handyunternehmen
weiterführen wird, ist fraglich.