25. November 2009 10:25
Kampf dem Vergessen. Er fragt nach seiner Mutter. Die müsse ja nur nach
nebenan in die Küche gegangen sein. Er würde so gerne noch mit ihr reden.
Die Mutter von Walter Roth ist seit vielen Jahren tot. Trotzdem erzählt er
seiner Frau jeden Tag so von ihr als würde sie noch leben. Walter Roth
leidet seit über vier Jahren an Morbus Alzheimer. Und lebt seit vier Jahren
in seiner eigenen Welt. Die Realität ist ihm fremd. Er hat sie schlicht
vergessen.
100.000 Betroffene
Das Schicksal von Walter Roth teilen derzeit
rund 100.000 Österreicherinnen und Österreicher. Sie leiden an Morbus
Alzheimer. Ihre Demenz beginnt mit Gedächtnisstörungen und
Orientierungsproblemen und endet mit dem völligen Abdriften in ein Leben mit
Vergessen. „Einige Menschen sterben derzeit in Österreich an der
Schweinegrippe. Wir haben aber hierzulande pro Jahr 2.000 bis 4.000
Todesfälle durch Morbus Alzheimer. Es ist die Pandemie des Alters“, sagt
Andreas Winkler vom Wiener Haus der Barmherzigkeit anlässlich des 4. Wiener
Alzheimertages am vergangenen Freitag im Wiener Rathaus. Die Zahl der
Alzheimer-Patienten steigt übrigens steil an. 2050, so Experten, wird
bereits jeder Zehnte über 60 Jahre von dieser Krankheit betroffen sein.
250.000 Österreicher werden dann in einem Schattenreich leben. Für Experten
ist daher höchste Zeit, die Krankheit Alzheimer zu enttabuisieren. Michael
Rainer, Alzheimer-Experte am Wiener SMZ Ost: „Diese Enttabuisierung der
Vergesslichkeit ist gerade für die Früherkennung der Alzheimer-Demenz
besonders wichtig.“ Denn durch eine möglichst frühzeitige Diagnose und
raschen Therapiebeginn kann das Fortschreiten der Erkrankung verzögert
werden.
Mehr Lebensqualität
Alzheimer-Demenz ist zwar nach wie vor
nicht heilbar, doch der Verlauf der Krankheit kann durch moderne Medikamente
abgemildert werden. Wenn die Mediziner die ersten Krankheitssymptome
frühzeitig erkennen, ist es möglich, den halbwegs gesunden Jahren noch
Lebensqualität für Patienten und Angehörige zu schenken, da die Krankheit
möglichst lange hinausgezögert werden kann.
Grundbedingung dafür ist allerdings die regelmäßige Einnahme von einigen
Medikamenten täglich. Und genau daran hapert es bei Alzheimer-Patienten sehr
oft, denn sie vergessen auch die Einnahme von Medikamenten und verweigern
auch engsten Familienmitgliedern, da sie diese nicht mehr erkennen, die
Verabreichung von ihnen unbekannten Pillen durch ihnen unbekannte Personen.
Hier setzt eine neue Therapieform an. Das Alzheimer-Pflaster wird einmal am
Tag auf die Haut des Patienten am Rücken, Oberarm oder Brust geklebt. Darin
steckt der hochwirksame Wirkstoff Rivastigmin, der einen bestimmten
Botenstoff für das Gedächtnis länger wirken lässt und damit den Verlauf der
Alzheimer-Erkrankung deutlich hinauszögern kann. Michael Rainer: „Die
Verabreichung über die Haut hat den Vorteil, dass der Wirkstoff zum einen
nicht über den Magen-Darm-Trakt geht und besser vertragen wird. Dadurch kann
die Dosis höher sein, sodass eine bestmögliche Wirkung erzielt wird.“ Das
Alzheimer-Pflaster, das übrigens von der Krankenkasse bezahlt wird, wirkt im
leichten bis mittleren Stadium der Erkrankung.
Apotheker Wolfgang Windberger von der Favorita-Apotheke in Wien 10: „Das
Pflaster ist ideal für alle Patienten, da es kaum zu Nebenwirkungen kommt.
Für jene, die die Einnahme von Pillen generell verweigern oder an
Schluckbeschwerden leiden, ist es die beste Alternative.“
Patienten und Angehörige gewinnen jedenfalls wertvolle und qualitativ
hochwertige Zeit, die sie entspannter miteinander verbringen können.
Demenz-Check
Das amerikanische National Institute of Aging hat
sieben Warnzeichen definiert, die auf eine beginnende Alzheimer-Erkrankung
hinweisen können:
- Der Patient wiederholt immer wieder die
gleiche Frage.
- Er oder Sie erzählt ständig dieselbe Geschichte mit
denselben Worten.
- Es gelingt nicht mehr, alltägliche Verrichtungen
vorzunehmen, etwa Kochen, Kartenspielen, Benutzung der Fernbedienung,
-
Der Umgang mit Geld, Rechnungen und Überweisungen klappt nicht mehr.
-
Gegenstände werden verlegt oder unbewusst versteckt. Angehörige werden
verdächtigt, sie weggenommen zu haben.
- Der Patient weigert sich,
sich zu waschen oder frische Kleider anzuziehen und behauptet fälschlich,
dies gerade erst getan zu haben.
- Er oder Sie wiederholt an ihn sie
gerichtete Fragen.
Mehr infos: www.lebenmitvergessen.at