19. Juli 2010 19:03
Für erhebliches Aufsehen sorgten im Jahr 2007 Meldungen aus Deutschland,
wonach es mit Enzym-Scheren (Tre-Rekombinase) erstmals gelungen wäre, im
Labor aus HIV-infizierten Zellen das Erbgut des Virus heraus zu schneiden.
Jetzt sind die Forscher so weit, dass sie das Prinzip bei Labormäusen mit
menschlichem Immunsystem erfolgreich erprobt haben. Dies erklärte Helga
Hofmann-Sieber (Heinrich-Pette-Institut/Hamburg) Montagnachmittag beim
Internationalen Aids Kongress (AIDS 2010) in Wien.
"Hat bisher noch keiner geschafft"
Der Hintergrund: Das
HI-Virus integriert bei der Infektion seine Erbsubstanz in jene der
angegriffenen Zellen. Bisher gibt es keine Möglichkeit, sie wieder von der
Erbsubstanz der Viren zu befreien. Einmal HIV-infiziert heißt lebenslang
infiziert. Die Entfernung des HIV-Erbguts wäre deshalb der beste Weg zu
einer Heilung der Aids-Infektion. Vor zwei Jahren gelang den Forschern um
Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg und Frank Buchholz vom
Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden eine
Weltpremiere. "Wir wurden das Virus in den Zellen wieder los, das hat bisher
noch keiner geschafft", sagten die Wissenschaftler. Dazu wurde mit Hilfe der
Gentechnik eine spezielle Rekombinase hergestellt, ein Enzym, das wie eine
molekulare Schere arbeitet.
Rekombinasen spalten und organisieren DNA-Sequenzen neu. Natürlich
vorkommende Rekombinasen eignen sich jedoch nicht, um die Gene des Virus aus
dem menschlichen Erbgut herauszuschneiden. Sie funktionieren nur bei den für
sie angepassten Basenabfolgen. Daher stellten die Wissenschafter eine
Rekombinase her, die das HIV-Erbgut erkennt und gezielt entfernen soll. Sie
nannten dieses künstlich geschaffene Enzym Tre-Rekomibinase.
"Keine Toxizität"
Nach den ersten Versuchen an
menschlichen Zellen im Laborversuch haben die Wissenschafter die Tests
weiter geführt. Sie brachten das Gen für die Tre-Rekombinase in menschliche
Zellen (Jurkat-Zellen) ein und prüften, ob das giftige Effekte haben würde.
Helga Hofmann-Sieber: "Wir beobachteten binnen 15 Wochen keine Toxizität."
Dann gingen die Wissenschafter in ein Mausmodell: Sie besiedelten sozusagen
genetisch immungeschädigte Nager mit menschlichen CD4-positiven Zellen, den
ersten Opfern von HIV. Die Mäuse waren damit aus immunologischer Sicht
"humanisiert". Dann fügten die Forscher in die Tiere mit einer
Lentivirus-Genfähre die Erbsubstanz für Tre-Rekombinase ein. Und schließlich
wurden die Nager künstlich mit HIV infiziert. Bei anderen Tieren geschah das
selbe, ohne sie vorher mit dem Tre-Rekombinase-Gen versehen zu haben.
"Gen-Schere" erfolgreich
Die Ergebnisse, die doch etwas
Hoffnung auf Entwicklung von Therapien geben könnten, welche HIV endgültig
besiegen könnten: Die Mäuse mit Tre-Rekombinase hatten nach zwei Wochen um
das Hundertfache weniger HI-Viren im Blut als jene, die HIV nicht durch die
"Gen-Scheren" entfernen konnten. Sie hatten laut der Zusammenfassung der
Arbeit auch anhaltend deutlich mehr CD4-positive Zellen im Blut als die
"Kontroll-Mäuse".
Die Wissenschafter in ihrem Fazit: "Insgesamt betrachten wir
maßgeschneiderte Tre(Rekombinase, Anm.) als essenziell für die Entwicklung
von neuen antiretroviralen Therapien für die Ära nach der hoch aktiven
antiretroviralen Behandlung (mit herkömmlichen Medikamenten, Anm.)."