Kalt/Warm für Tobias Moretti Kalt/Warm für Tobias Moretti

"Jud Süß"

© Reuters

 

Kalt/Warm für Tobias Moretti

Jud Süß - Film ohne Gewissen von Oskar Roehler, ein Film über die Entstehung des üblen Nazi-Propagandawerks aus dem Jahr 1940 von Veit Harlan, wurde mit großer Spannung erwartet, sorgte aber für wenig Begeisterung.

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Hier die ersten Kritiken zum Film

Welt (D)
"Roehlers "Jud Süß" hat Tobias Moretti, und einen besseren Marian könnte man sich kaum vorstellen, schwach und impulsiv, charmant und überfordert, ein verführter Verführer. Der Film hat aber auch Moritz Bleibtreu mit einem weiteren Versuch - nach Andreas Baader - aus dem Nette-Jungen-Image auszubrechen und Dämonie zu mimen."

Stuttgarter Zeitung (D)
"Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian ist sensationell. Wir wissen nicht, wie stark die Polarisierung über diesen Film in der "Berlinale"-Jury ausfallen wird, aber eigentlich ist hier ein würdiger Anwärter auf den Schauspielerpreis am Samstag zu sehen."

Frankfurter Rundschau (D)
"Oder der von Heribert Sasse gespielte Komiker Adolf Deutscher, der nur in der Geschichte vorkommt, damit Marian auch einen jüdischen Freund hat. Oder die Arbeitssklavin, die jüdische Lieder singt, während sie in der Pose eines sozialistischen Pin-ups das Fundanment des Lagers Auschwitz schaufelt. Wer hätte gedacht, dass man heute noch einmal in Deutschland einen antisemitischen Film mit "Jud Süss" im Titel machen würde?"

Süddeutsche Zeitung (D)
"Schmiere ist es auch, die Roehler in den folgenden zwei Stunden präsentiert: deutsche Geschichte und Filmgeschichte als Puppen- und Gespenstertheater, in ausgebleichten Farben und besetzt mit deutschen A-Liga-Schauspielern, deren bekannte Gesichter das Ausgestellte und Vorgeführte des Ganzen ständig vor Augen halten."

Abendblatt (D)
"Obwohl Roehlers Film durchaus Wucht und schauspielerische Klasse besitzt, gehört er nicht zum Favoritenkreis für den Goldenen Bären, den die Jury unter Werner Herzog am Sonnabend vergibt. Dafür sind viele Szenen allzu plakativ. Ein Mann für die differenzierten Grautöne war Roehler noch nie. Aber die sind bei Festivals wie diesem immer besonders gefragt."

FAZ (D)
"Marian sieht sich bestätigt in seiner Selbstlüge, er arbeite nicht an einem Propaganda-, sondern an einem künstlerisch wertvollen Film. Aber die Spannung dieser Konflikte hält der Film auf Dauer nicht. Interessant hätte es nochmal werden können durch die nachgestellten Szenen aus "Jud Süß", aber auch die erschöpfen sich im Gestus des Verbotenen und finden nicht den Punkt, an dem diese Konfrontation fruchtbar würde. Aber zum Buhen ist das noch lang kein Grund."

Roehlers Film basiert nicht zur Gänze auf historischen Tatsachen
Roehler besetzte Tobias Moretti mit der Hauptrolle des Ferdinand Marian, eines von der NS-Macht verführten und zwischen Ruhm und Gewissen zerrissenen Schauspielers, der sich selber doch viel lieber als Vorstadt-Casanova denn als Vorzeigedarsteller der Nazis sah. In die Rolle von Propagandaminister Joseph Goebbels schlüpfte Moritz Bleibtreu, der den Massenmörder mit bewusst clownesken Zügen versah: "Unsere Spitzenhonorare sind steuerfrei", lockt er als Goebbels, "diese Rolle macht Sie weltberühmt."

Dass Marian den Verlockungen erliegt, wird er sich selbst irgendwann nicht mehr verzeihen können. Schon vor seiner Frau (gespielt von Martina Gedeck) und seinem ehemaligen Schauspiel-Kollegen Adolf Wilhelm Deutscher (Heribert Sasse) kann er sein Engagement nicht wirklich rechtfertigen; dass beide später deportiert werden, gibt seinem schlechten Gefühl ein reales Gesicht. Dabei wurde Marian mit Jud Süß beim Filmfestival in Venedig gefeiert - doch die anschließende Werbetour und das schlechte Gewissen ersäuft er im Alkohol.

Nach Kriegsende endet der Prozess gegen Harlan - "des Teufels Regisseur" - mit einem Freispruch. Marian verliert jeden Halt. Der Schauspieler stirbt 1946 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall. Dass weder der gezeigte Tod noch etwa die Tatsache, dass Marians Frau im Film mit jüdischen Wurzeln ausgestattet ist, mit den überlieferten Tatsachen übereinstimmen, ist für Roehler kein größeres Problem, schließlich handle es sich bei Jud Süß - Film ohne Gewissen um einen Spielfilm und keine Doku, wie er bei der Pressekonferenz sagte.

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