Titanic: Untergang macht Mythos

ÖSTEREICH-Interview

Titanic: Untergang macht Mythos

Sie ist das bekannteste Schiff der Geschichte: Die Titanic, die vor hundert Jahren am 14. April 1912 auf Jungfernfahrt einen Eisberg rammte und 2 Stunden und 40 Minuten später sank. Von 2.200 Menschen an Bord ertranken rund 1.500. Seither liegt das Wrack in 3.800 Metern Tiefe im Nordatlantik. Bis heute lässt der Untergang der Titanic die Menschen nicht los. Warum wohl?

Diashow Das nasse Grab der Titanic

Das nasse Grab der Titanic

Das nasse Grab der Titanic

Das nasse Grab der Titanic

Das nasse Grab der Titanic

Das nasse Grab der Titanic

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"Unsinkable"
Das Schiff war die größte Maschine der Welt. Die Titanic galt als unsinkbar, als Triumph menschlicher Technik. Täglich fraßen 29 Dampfkessel 850 Tonnen Kohle, die drei Schiffsschrauben brachten stolze 46.000 PS zu Wasser. Und dann erst dieser Luxus.

Wer solche Kolosse bauen kann, der ist Herr über alle Naturgewalten, glaubte man damals. Tragischer Irrtum: Seit die Titanic im eisigen Atlantik absoff, sollte klar sein, wohin das blinde Vertrauen in die Technik führt.

Diashow Titanic-Regisseur taucht 11 km tief

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

Der Titanic-Regisseur erforschte den Marianengraben

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Bis heute faszinieren auch die Schicksale der Passagiere. In der ersten Klasse tummelten sich die damaligen Superreichen, Leute wie Millionär und Playboy Benny Guggenheim oder Johann Jacob Astor, der Bill Gates seiner Zeit. Dieser noble Magnat überließ seiner Frau Madeleine den Platz im Rettungsboot, bevor er mit der Titanic für immer auf Grund lief.

In der zweiten Klasse reiste der bürgerliche Mittelstand, während die dritte Schiffsklasse mit bettelarmen Auswanderern vollgestopft war. Im Nordatlantik endeten die Klassenunterschiede abrupt. Die Titanic war ein Spiegelbild der Gesellschaft, Arme wie Reiche konnten sich mit den Opfern identifizieren und tun es bis heute.

Seit dem Untergang des Luxusdampfers sind mehr als 3.000 Bücher über die Kata­strophe erschienen, unzählige Dokus und mindestens zehn Spielfilme wurden gedreht. Ab 5. April soll sogar der Blockbuster Titanic von Star-Regisseur James Cameron auferstehen und in 3-D Kinopremiere haben. Die, die es ganz genau wissen wollen, können um schlanke 60.000 Dollar per U-Boot sogar zum Wrack hinabtauchen.

Mit immer besserer Technik wird die Titanic in ihrem Seegrab untersucht und vermessen. Immer klarer wird, warum das Riesenschiff unterging. Kapitän Edward John Smith, ein erfahrener Seebär, ließ das Schiff zwar mit Volldampf ins Treibeisfeld rauschen. Doch der tödliche Eisberg riss die Schiffsflanke nicht, wie lange Zeit geglaubt, völlig auf, er dellte sie nur ein. Metallexperten stellten fest, dass die Stahlnieten am Schiffsrumpf zu spröde waren und brachen. Ganze Stahlplatten fielen aus der Schiffsflanke.

Dazu kam eine spezielle Himmelskonstellation in der Unglücksnacht: Sonne, Mond und Erde standen in einer Linie, was die Gezeiten extrem verstärkte und den Eisberg erst auf Kollisionskurs mit der Titanic brachte.

Außerdem soll laut britischen Forschern ein seltenes optisches Phänomen den Eisberg fast unsichtbar gemacht haben: Eine „Superrefraktion“, eine Art umgekehrter Fata Morgana, verbarg den Eisriesen im Meeresnebel.


Cameron: "Der Untergang erteilt uns eine Lektion"

ÖSTERREICH: War es Absicht, dass Sie zwei Tage vor der Weltpremiere von „Titanic 3D“allein  mit Ihrem U-Boot elf Kilometer tief in den Marianengraben getaucht sind?

Cameron: Nein, die Tiefsee-Expedition hätte schon vor einem Monat beendet sein sollen. Aber es gab ein tragisches Unglück. Zwei unserer Expeditions-Mitglieder, sehr gute Freunde von mir,  kamen bei einem Hubscharauber-Absturz ums Leben. Wir hätten danach die ganze Sache fast abgesagt, und wir haben drei Wochen im Zeitplan verloren. Und dann stellte sich die Frage, ob wir alles schaffen würden, damit ich rechtzeitig zur Weltpremiere von „Titanic 3D“ nach London komme.

ÖSTERREICH: Sie sind der dritte Mensch, der in den Marianengraben tauchte – und der erste, der dort unten auch etwas gesehen hat…

Cameron: Als Jacques Piccard und Don Walsh 1960 dort hinabtauchten, wollten sie weder Bilder machen noch wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln. Ihr U-Boot war dafür nicht ausgerüstet. Meine „Deepsea Challenger“ ist hingegen eine Art Wissenschaftsplattform. Mit ihr kann man Bodenproben und Lebewesen aufnehmen sowie 3D-Filmaufnahmen machen. Sie hat starke Scheinwerfer und  eine sehr große Beweglichkeit, um dort unten herumzufahren. Don Walsh ist ein Freund von mir, er ist jetzt in seinen Achtzigern, und er nahm als Berater an unserer Expedition teil. Er sagte mir, er versteht überhaupt nicht, warum es 52 Jahre dauerte, bis wieder jemand dort hinuntertauchte. Walsh und Piccard dachten damals, spätestens zwei Jahre später würden die nächsten folgen. Aber es war so ähnlich wie mit der Mondlandung: Wir Menschen hörten auf, dorthin zu gehen.

ÖSTERREICH: Haben Sie Angst, wenn Sie solche Tauchgänge unternehmen?

Cameron: Natürlich sind die Fahrten riskant – das abzuleugnen, wäre sehr dumm. Unser Verständnis für die Risiken erlaubte es uns, das Boot so zu konstruieren und die Abläufe so festzulegen, dass wir auf der sicheren Seite bleiben: Wir haben beispielsweise immer Kommunikation vom U-Boot zur Oberfläche, und wir haben ein ausgeklügeltes Ballastsystem. Es gibt aber bei jedem Tauchgang einen spannenden Moment: Wenn ich den Schalter bediene, der mich zurück nach oben bringt. Ein Teil von mir weiß genau, dass das funktionieren muss – schließlich habe ich das System entwickelt. Ich habe sechs Jahre daran gearbeitet, dieses Ballastsystem narrensicher zu machen. Allerdings gibt es nichts auf der Welt, was wirklich immer funktioniert – da müssen wir uns nur die „Titanic“ anschauen. Also habe ich bei jedem Tauchgang diesen Moment, wenn ich denke, das wird hoffentlich so arbeiten wie es soll. Wenn es dann klick macht, weiß ich, es geht nach Hause.

ÖSTERREICH: Haben Sie dort unten im Marianengraben etwas Neues gesehen?

Cameron: Nun, ich sah keine Kreaturen mit mehreren Köpfen oder so etwas. Das ist eine sehr trübe, wüstenartige, fast leblose Welt. Wir wissen, dass es da unten uns noch unbekannte Spezies und Bakterien gibt. Aber ich habe keine größeren Lebewesen, Quallen zum Beispiel, gesehen. Wir werden zurückkommen müssen und uns dort weiter umschauen. Ich will schon in den nächsten Tagen wieder nach Guam und zum Marianengraben zurückkehren.

ÖSTERREICH: Benutzen Sie das, was Sie gesehen haben, für einen Film?

Cameron: Ja, wir machen einen Film, eine Dokumentation. (Lacht) Es gibt Leute, die glauben, ich unternehme meine Unterwasser-Expeditionen, um ein besserer Hollywood-Regisseur zu werden.  Doch es ist genau umgekehrt: Ich drehe meine Hollywood-Filme, um die Expeditionen finanzieren zu können.

ÖSTERREICH: Was fasziniert Sie so sehr daran, den Meeresboden zu erkunden?

Cameron: Es gibt halt Leute, die sind wahnsinnig neugierig – die werden zu Entdeckern, zu Forschern oder zu Wissenschaftlern. Ich liebe die Unterwasserwelt, seit ich mit 16 meinen Tauchschein machte.  Ich war in Höhlen und in Schiffswracks unterwegs. Zur „Titanic“ sind wir damals getaucht, weil wir den Film drehen wollten. Aber für mich persönlich war es der Besuch beim ultimativen Schiffswrack. Der Film diente mir auch irgendwie dazu, die Expedition zur „Titanic“ zu rechtfertigen. Andere Leute klettern auf den Mount Everest – mir ist Bergsteigen total egal. Mein Mount Everest war die „Titanic“. Es gibt aber auch einen persönlichen Grund. Ich liebe Projekte, die wirklich schwierig und wirklich herausfordernd sind.

ÖSTERREICH: Erinnern Sie sich an Ihr Gefühl beim ersten Anblick der „Titanic“?

Cameron: (Lacht) Ich schrie „Achtung!“ denn wir fuhren durch einen Schlammschleier  und hätten  das Wrack fast gerammt. Erst danach kamen die erhabeneren Gefühle: Das Schiff im Licht unserer Scheinwerfer – das war fast so, als würde man einen verwunschenen Palast vor sich sehen.

ÖSTERREICH: Was ist der Unterschied, wenn Sie zur „Titanic“ oder in den Marianengraben tauchen?

Cameron: Die „Titanic“ bietet eine extrem seltsame, unwirkliche  Begegnung mit dem menschlichen Erfindergeist – dort, wo er nicht hingehört. Das ist grandiose edwardianische Architektur,  die in eine quasi außerirdische Welt befördert wurde, in der jetzt seltsame Fische und andere interesante Tiere hausen. Es ist ein sehr surrealer Ort, wie aus einem Traum. Der Marianengraben hingegen: In ein tiefes, unerforschtes Gebiet abzutauchen, weckt ganz andere Gefühle. Dort sucht man keinen menschlichen Kontext, sondern man ist dort, um sich mit dem Unbekannten zu konfrontieren. Man kann Tieren begegnen, die dort möglicherweise seit 500 Millionen Jahren unverändert leben. Es gibt sogar die wissenschaftliche Theorie, dass das Leben auf der Erde in diesen Tiefseegräben entstand – in einer Epoche, als die Oberfläche der Erde ständig von Kometen und Meteoren bombardiert wuede, wie in einem endlosen nuklearen Krieg.  

ÖSTERREICH: Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht den Untergang der „Titanic“?

Cameron: Es war eine Blamage höchster Sorte. Die Verantwortlichen waren gewarnt vor dem Eis, doch sie hatten ihr Schiff als unsinkbar beworben. Sie spielten mit dem Leben der Menschen an Bord. Symbolisch gesehen erzählt die Katastrophe davon, wie wir unser Leben in die Hand der Technologie legen oder in bestimmte soziale Strukturen – Regierungen und Finanzkonzerne zum Beispiel. Und dann versinken diese Strukturen. Banken scheitern. Staaten scheitern. Regierungsformen scheitern. Wir wollen immer an etwas glauben und müssen dann mitansehen, wie wir betrogen werden. Wir sehen das auch heute wieder. Was den Klimawandel betrifft, spielen die Regierungen mit unserem Leben. Das ist das gleiche Prinzip wie bei der „Titanic“. Wir sehen den Einfluss vieler individueller Interessen auf die Regierungen. Und das hindert uns daran, uns um den Eisberg zu kümmern, der sich vor der gesamten Menschheit auftürmt. 

ÖSTERREICH: Ist all das auch ein Grund dafür, warum das Interesse an der „Titanic“ nicht nachlässt?

Cameron: Davon bin ich überzeugt. Als Parabel erteilt uns der Untergang der „Titanic“ eine große moralische Lektion.

ÖSTERREICH: Die „Titanic“ ist gesunken – doch Ihr Film scheint, wie die neue Premiere in 3D zeigt,  unsinkbar zu sein.

Cameron: Ich  wollte damals einen Film machen, der wie aus der Zeit gefallen wirkte – mir sehr langen Einstellungen, klassischer Kamera-Arbeit und langsamen Schnittfolgen. Und ich glaube, genau deshalb, weil der Film so wenig modisch war, funktioniert er auch heute. Er steht außerhalb der Zeit.

ÖSTERREICH: Wie entstand das Projekt der 3D-Version?

Cameron: Nun, wir haben schon 2005 Tests gemacht, wie der Film in 3D wirken könnte – und die Resultate waren überwältigend. Wir mussten aber erst einmal überlegen, wie wir die schiere Masse an Arbeit  bei der Konvertierung – dies ist ein 195-Minuten-Film – bewältigen könnten, ohne an Qualität zu verlieren. Schließlich fanden wir eine Firma, der wir vertrauten. Die Herstellung der 3D-Version dauerte dann 60 Wochen und kostete 18 Millionen Dollar. Bei unseren Partnern von Stereo D waren 300 Mitarbeiter beschäftigt,  dazu fünf oder sechs Leute – mich eingeschlossen – bei meinem Stab. Es war ein sehr gründlicher Prozess, aber kein Vergnügen. Ich liebe es, in 3D zu drehen. Aber einen 2D-Film auf 3D zu konvertieren, das macht keinen Spaß. Nur das Resultat ist toll.

ÖSTERREICH: Der Film schaut farblich so neu und brillant aus, als wäre er erst gerade abgedreht worden.

Cameron: Ich finde, er sieht sogar besser aus als 1997, als wir ihn herausbrachten. Wir haben ihn zunächst in höchster Auflösung, das Fachwort ist 4K resolution, digital neu gemastert, und dann 295.000 Einzelbilder Stück für Stück am Computer dreidimensional umgearbeitet.

ÖSTERREICH: Was sagen Ihre Stars über die 3D-Version?

Cameron: Kate Winslet sah den Film bei der Weltpremiere in London mit ihren Kindern, aber ich glaube, sie ist hat ihren Jüngsten vor der  Nacktszene hinausgeschickt. Diese Nacktszene scheint für manche noch immer ein Problem zu sein (lacht). Ob Leonardo DiCaprio schon den ganzen Film gesehen hat, weiß ich nicht. Ich zeigte ihm in Sydney, wo er derzeit dreht, 18 Minuten. Leo lag praktisch unter dem Tisch vor Lachen: Er konnte es kaum fassen, wie jung er damals war.

ÖSTERREICH: Stimmen die Gerüchte, dass Sie auf dem Set sehr streng zu den Darstellern sein können?

Cameron: Ist das eine sanfte Umschreibung meiner tyrannischen Seite? (lacht). Nun, ich bin sehr diszipliniert und ich stelle große Anforderungen an mich selbst – und das verlange ich auch von anderen. Meine Überzeugung ist: Wenn man das, was man macht, liebt, dann gibt es im ganzen Leben keinen einzigen Tag, an dem man arbeitet.  Und ich habe gern Leute um mich, sei es in der Crew oder bei den Schauspielern, die das ähnlich sehen.

ÖSTERREICH: Sie haben mit „Avatar“ und „Titanic“ die zwei finanziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten gedreht. Wollen Sie so weitermachen?

Cameron: Nein. Beim Dreh von  „Titanic“ ging es mir ja nicht darum, Einnahmenrekorde zu brechen – ich wollte nur eine Geschichte erzählen, die ich liebte: Eine historische Story, verbunden mit einer Romanze nach Art von „Romeo und Julia“. Bei mir läuft das so: Ich verliebe mich in ein Projekt – und dann will ich es so perfekt verwirklichen, wie das nur möglich ist. Was danach geschieht, liegt nicht in meiner Hand. Ich habe zum Beispiel 2005 mit großer Leidenschaft meine Meeres-Dokumentation „Aliens of the Deep“ gedreht, doch kein Mensch hat diesen Film je gesehen. Der hat keinen Cent verdient.

ÖSTERREICH: Wie geht’s den geplanten zwei Fortsetzungen von „Avatar“?

Cameron: Ich hoffe, sie werden erfolgreich, denn wir haben schon eine Schiffsladung voll Geld in der Vorbereitung ausgegeben. Wir arbeiten bereits an den zwei Filmen, haben aber noch nicht zu drehen begonnen. Das wird nächstes Jahr stattfinden, mit beiden Filmen gleichzeitig.

Autor: G. Baumann
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