Indien räumt ab

Indien räumt ab

Bollywood schlägt Hollywood

"Slumdog Millionär": Gleich acht der begehrten Trophäen ergatterte der Streifen über einen Slum-Bewohner, der es zum Quiz-Millionär bringt - ein Erfolg, der auch den kleinen Laien-Darstellern aus Dharavi zu verdanken ist.

Mit Hilfe eines britischen Regisseurs hat es Bollywood nach Hollywood geschafft: "Slumdog Millionär", die in der indischen Millionenmetropole Mumbai (Bombay) spielende Romanverfilmung von Danny Boyle ("Trainspotting", "The Beach") wurde nach zahllosen internationalen Filmpreisen mit acht Academy Awards auch zu dem großen Gewinner der Oscar-Nacht. Die insgesamt zehn Nominierungen brachten schließlich in den Königs-Kategorien Bester Film und Beste Regie sowie bei Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Ton, Bester Schnitt, Beste Musik und Bester Original-Song auch tatsächlich die begehrten Gold-Statuetten. In Österreich startet der Film am 20. März.

Überschwänglich dankte Regisseur Danny Boyle den Bewohnern von ganz Bombay bei der Oscar-Verleihung: "Ihr lasst sogar diesen Kerl hier als Zwerg erscheinen", rief er und hielt seine Oscar-Trophäe in die Höhe. Azhar und seiner kleinen Kollegin, der neunjährigen Rubina Ali, allerdings hat "Slumdog Millionär" außer Ruhm bisher nichts gebracht: Sie leben weiter in Armut in Dharavi, dem größten Slum Indiens.

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(c) Foto: AP

Bollywood im Vormarsch
Die acht Oscars für "Slumdog Millionär" haben selbst größte Optimisten in Indien überrascht. Für die Millionen Filmfans auf dem Subkontinent sind allerdings nicht die britischen Filmemacher um Regisseur Danny Boyle die Helden des Tages, sondern der Musiker A.R. Rahman. Für die beste Filmmusik und das beste Lied räumte er gleich zwei Oscars ab.

"Wir sind seit langem davon überzeugt, dass Rahman brillant ist. Nun hat er mit der begehrten Auszeichnung auch den internationalen Durchbruch geschafft", freute sich der indische Superstar Amir Khan, dessen Hindi-Epos "Lagaan" im Jahr 2002 als einer der fünf besten fremdsprachigen Filme für den Oscar nominiert war.

Musik extrem populär
Rahman schaffte bereits Anfang der 90er Jahre den Durchbruch in Bollywood, wo er seitdem die Musik für Dutzende Kassenschlager geschaffen hat. Doch seine Kompositionen haben nicht nur das kommerzielle Hindi-Kino geprägt, sondern auch die ebenso produktive Filmindustrie in seiner südindischen Heimat. Bis heute arbeitet der 42-Jährige regelmäßig für die Studios in Madras, wo Filme in der Regionalsprache Tamilisch gedreht werden. Zudem komponierte er die Musik für das 2007 erschienene Drama "Elizabeth - Das goldene Königreich", in dem Cate Blanchett die Titelrolle spielte.

Weltweit wurden rund 100 Millionen Alben mit der Musik Rahmans verkauft. Und glaubt man den Angaben auf Rahmans Internetseite, so wurden dem "Mozart von Madras" ("Time"-Magazin) allein in Indien bereits mehr als 80 Preise für seine musikalischen Werke verliehen. Für "Slumdog Millionär" erhielt Rahman erst vor wenigen Wochen vier Golden Globes sowie den renommierten britischen Filmpreis BAFTA. Die beiden Oscars sind nun die vorläufige Krönung der Karriere des stets freundlichen und bodenständigen Musik-Superstars.

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(c) Foto: Reuters

Der Film - "Armuts-Pornographie"?
Doch während die Zuneigung der Filmfans für "ihren" A.R. Rahman grenzenlos zu sein scheint, löste "Slumdog Millionär" in Indien schon vor dem Kinostart Ende Jänner eine heftige Kontroverse aus. Der Film basiert auf dem Roman "Q & A" (deutscher Titel "Rupien, Rupien") des indischen Diplomaten Vikas Swarup und erzählt die Geschichte eines Waisenjungen aus einem Bombayer Slum, der es bei der indischen Variante von "Wer wird Millionär" bis ins Finale schafft. Regisseur Boyle zeigt anhand der spannenden Geschichte zahlreiche Missstände wie Armut, Kinderarbeit, Gewalt und Polizeiwillkür auf.

Einige Kritiker nannten dem Film daraufhin "Armuts-Pornografie", die die Millionenmetropole Bombay beleidige. Selbst gestandene Bollywood-Stars wie der von Jung und Alt vergötterte Amitabh Bachchan meldeten sich zu Wort. Der Streifen stelle ausschließlich die "Schattenseiten" der aufstrebenden Entwicklungsnation Indien zur Schau und beleidige damit alle Patrioten, so der 66-Jährige, der auch in "Slumdog Millionär" einen unfreiwilligen Gastauftritt hat.

Hilfsorganisationen argumentierten dagegen, der Film reflektiere den Alltag von Millionen Kindern. Die Chefin der Hilfsorganisation Save the Children, Shirin Vakil Miller, sagte, sie hoffe, durch den Erfolg von "Slumdog Millionär" werde die Welt die "kalte Realität" von 120 Millionen in Armut lebenden Kindern in Indien wahrnehmen. Und auch die Zeitung "Hindustan Times" schrieb vor wenigen Tagen, der Film spiegle gekonnt eine nicht zu leugnende Realität Indiens wider - "weder bevormundend noch vereinfachend". Zu kritisieren sei daran lediglich, dass die Geschichte nicht von einem einheimischen Regisseur, sondern von einem Briten verfilmt wurde.

Freude in Indien
Für den Augenblick allerdings ist diese Debatte vergessen. Die Oscars für A.R. Rahman haben das ganze Land stolz gemacht. Selbst Staatspräsidentin Pratibha Patil beglückwünschte den Komponisten, der in seinem Oscar-Siegertitel den Erfolg schon andeute. Der von Rahman für "Slumdog Millionär" komponierte Ohrwurm heißt "Jai Ho" - Triumph!

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