Das große Geheimnis der drei roten Stühle

Löbl-Kritik

© OFS/ Ania Gruca

Das große Geheimnis der drei roten Stühle

Oper. 1. Akt. Auf der Bühne ein Küchentisch und ein Sessel. Links hinter einem Paravent drei rote Brokatstühle und zwei Kleiderständer. Dort hält sich auch ein farbiger Voyeur versteckt. Das ist Wotan, der den keimenden Inzest im Hause Hunding beobachten will.

2. Akt. Der Küchentisch ist immer noch da. Wotan sitzt an ihm, leger wie ein amerikanischer Bürgeranwalt. Wenn Fricka, seine Frau, naht, versteckt er sich darunter, denn er will in Ruhe gelassen werden. Dann wird er wütend, schmeißt Tisch und Sessel um. So haben die flüchtenden Geschwister einen allerdings unbequemen Ruheplatz. Hinter dem Tisch. Die Brokatstühle und Kleiderständer sind auch noch da.

3. Akt. Der Tisch ist weg, die Bühne füllt eine breite Treppe. Acht Frauen schleppen lebensgroße Puppen herbei. Tote Helden. Rundum, wie schon vorher, graue Wände. Während die acht Walküren Wotan anflehen, er solle Brünnhilde nicht zu schwer bestrafen, arrangiert der Gottvater die drei Brokatstühle in der Mitte der Bühne. Wir ahnen endlich, wozu die gut sind. Auf ihren feuerroten Polstern wird Brünnhilde in Schlaf versetzt.

Verleumdet
Stéphane Braunschweig (44) hat also Stück und Text verleumdet, die Personenführung vernachlässigt, wegen beiläufiger Regie Ärgernis erregt und dies auch zu hören bekommen. Simon Rattle zog die beiden ersten Akte ungebührlich in die Länge, ließ es an Spannung und Homogenität fehlen. Mit den Berliner Philharmonikern organisierte er stellenweise akustische Attacken für Blasorchester und Schlagzeug, was den Sängern das Leben schwer machte.

Auf der Bühne eine ausgezeichnete Sieglinde (Eva-Maria Westbroek) mit leuchtendem Jubelton, Innigkeit, Kraft. Robert Gambill ist ein guter Siegmund mit klarer Artikulation und Persönlichkeit. Wotan (Willard White) hat jenes Timbre, das man sich für Gershwins Porgy wünscht; Brünnhilde (Eva Johansson) hat Metall in der Stimme, kann aber auch Zartheit vermitteln. Fricka und Hunding (Lilli Paasikivi und Mikhail Petrenko) waren passabel besetzt, nicht mehr.

Fassungsloser Karajan
Oben auf einer Wolke saß Herbert von Karajan, blickte herab und konnte es nicht fassen, was aus seinen Osterfestspielen nach 40 Jahren geworden ist.

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