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Das österreichische Literaturwunder

Buch-Herbst

 

Das österreichische Literaturwunder

Da lacht das Patriotenherz: Die österreichische Literatur feiere einen „Jahrhundertherbst“, zog die renommierte Neue Zürcher Zeitung den Hut vor einem rekordverdächtig starken Auftritt österreichischer Autoren. Mit einem guten Dutzend Neuerscheinungen bildeten die Austro-Literaten eine „nahezu unschlagbare Truppe“, zeigte sich der NZZ-Literaturkritiker rechtschaffen beeindruckt.

Sechs von ihnen haben Chancen auf den Deutschen Buchpreis, der am 8. Oktober verliehen wird: Robert Menasse, Thomas Glavinic, Michael Köhlmeier, Sabine Gruber, Peter Truschner und Peter Henisch stehen auf der sogenannten „Longlist“ mit den 20 vielversprechendsten neuen Romanen. 2005 erstmals verliehen – damals gewann der Vorarlberger Arno Geiger mit seinem Familienroman Es geht uns gut – hat sich der mit 25.000 Euro dotierte Deutsche Buchpreis bereits als wichtige Literaturauszeichnung des deutschen Sprachraums etabliert.

Autobiografisch
Das Auffallendste an den neuen Romanen: Viele heimische Literaten schreiben – mehr oder weniger offen – über sich selbst. Die Lust an der Erinnerung und (meist ironisch gebrochenen) Selbstbespiegelung ist der erfrischendste Trend im Bücherherbst. Die eindrucksvollste Autobiografie legt Gerhard Roth vor: Das Alphabet der Zeit erzählt auf 864 Seiten in überwältigend detailreich erinnerten Anekdoten und Alltagsbegebenheiten von einer typischen Kindheit im Nachkriegsösterreich, von Hunger, Entbehrungen, der provinziellen Enge und der unbändigen Lust auf Aufbruch.

Versteckt
Spielerisch gehen Robert Menasse, Margit Schreiner und Thomas Glavinic mit autobiografischen Elementen um. Nur wer Menasse persönlich kennt, wird Züge von ihm in seinem Midlife-Crisis-geplagten, erotomanischen Helden Nathan aus Don Juan de la Mancha wiederfinden. Margit Schreiners grimmiger Report Haus, Friedens, Bruch über eine gegen ihre Schreibblockade, das Klimakterium und den Geist ihrer toten Mutter kämpfenden Autorin zeigt die Schattenseiten eines kreativen Berufs.

Dass der trickreich Thomas Glavinic genannte Ich-Erzähler aus Das bin doch ich mit ihm identisch sei, streitet Thomas Glavinic glatt ab: „Wenn das, was ich in diesem Roman beschreibe, wirklich mein Leben wäre, würde ich mich erschießen.“ Das glaube, wer mag, außer Streit steht jedenfalls: Glavinics (selbst-)ironisches Porträt eines Autors und der Wiener Kulturszene wird die Buchbestenlisten im Sturm nehmen.

Familiengeschichten
Auf Ablenkungsmanöver verzichten Peter Henisch und Josef Winkler, deren neue Romane dezidiert Familiengeschichten erzählen. Eine sehr kleine Frau handelt von Henischs Großmutter, die ihm die Liebe zum Geschichtenerzählen vererbt hat. Josef Winklers am 17. September erscheinende Novelle Roppongi ist eine dramatische Auseinandersetzung mit seinem toten Vater.

Keine Autobiografie, sondern eine Biografie des 20. Jahrhunderts ist Michael Köhlmeiers fulminantes 784-Seiten-Epos Abendland. Die Kritiker jubeln den „Jahrhundert­roman“ in lichte Höhen.

Susanne Rössler

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