Diagnose: Alzheimer

Berührend

 

Diagnose: Alzheimer

Die kanadische Schauspielerin Sarah Polley („My Life Without Me“, „The Secret Life of Words“) legt mit ihren gerade einmal 28 Jahren ein fulminantes Regiedebüt vor: In „An ihrer Seite“ erzählt sie die Leidensgeschichte einer verblassenden Liebe: Ein Ehepaar plant seinen langen Abschied voneinander, weil die Frau an Alzheimer leidet. Nach und nach verlassen sie ihre Erinnerungen an frühere Zeiten, bis schließlich der Punkt kommt, an dem sich die Frau in die Obhut eines Pfelgeheims begibt. Polley erzählt den Film aus der Sicht des Mannes, der verzweifelt versucht, im Kopf seiner Frau zumindest als Erinnerung zu überleben. Einfühlsam inszeniert und grandios gespielt von Julie Christie und Gordon Pinsent.

Das Interview mit Sarah Polley

ÖSTERREICH: Wie kommt es, dass Sie sich als junge Schauspielerin für ihr Regiedebüt eine Geschichte über alte Menschen auswählten?

POLLEY: Ich las die Geschichte schon, als ich 21 war, und war sofort sehr bewegt davon. Denn hier wird eine Liebesgeschichte erzählt, die anders ist, als die üblichen Love-Storys, die immer nur vom Beginn einer Liebe berichten. Hier sieht man, wie sich eine Liebe über Jahrzehnte entwickelt und wie wichtig die eigene Erinnerung für eine Beziehung ist. Wenn die Erinnerung nicht mehr da ist, ist auch die Liebe in Gefahr. Ich wollte diese Form der späten Liebe erforschen. Als ich Julie Christie einmal traf, bekam ich ihr Gesicht nicht mehr aus dem Kopf. Für mich war sie die perfekte Besetzung für die Hauptrolle. Das Thema Alzheimer wiederum interessiert mich sehr, und ich hatte das einmalige Privileg, für mein Regiedebüt das Recht auf den Final Cut zu haben, was sehr selten ist. Dadurch musste ich keinerlei kreative Kämpfe mit den Produzenten ausfechten, sondern konnte den Film so gestalten, wie ich es mochte.

ÖSTERREICH: Sie verwenden auch viele Rückblenden in ihrem Film, die aber anders wirken als gewöhnliche Rückblenden…

POLLEY: Ja, denn gewöhnlich zeigen Rückblenden, wie das Leben einmal war, transportieren dabei aber keine Stimmungen oder Gefühle. Ich finde, so etwas zu objektivieren, ist falsch. Deshalb habe ich versucht, die Rückblenden sehr subjektiv zu gestalten, um zu zeigen, wie Erinnerung wirklich funktioniert. Und wie fragmentarisch sie manchmal ist. Außerdem tendieren Filme über alte Menschen dazu, in Rückblenden ihre jeweils jüngeren, schöneren Versionen zu zeigen. Das wollte ich komplett verhindern.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie sich in das Thema Alzheimer eingearbeitet?

POLLEY: Es gibt unzählige gute Bücher über das Thema, und meine Großmutter verbrachte die letzten drei Jahre ihres Lebens in einem Pflegeheim, weil sie an Demenz litt. All diese Erfahrungen und Beobachtungen habe ich dann in „An ihrer Seite“ eingebaut.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie und Julie Christie die Rolle der Alzheimerkranken erarbeitet?

POLLEY: Julie ist sehr konzentriert bei ihrer Arbeit und ließ mich stark an ihrem Arbeitsprozess teilhaben. Das machte es mir leicht, sie zu führen.

ÖSTERREICH: Alzheimer ist eine Krankheit, vor der sich viele Menschen fürchten…

POLLEY: Ja, natürlich, denn niemand will Alzheimer bekommen, das ist klar. Aber es gibt noch eine andere Seite dieser Krankheit, von der ich in den zahllosen Internetforen erfahren habe: Viele Patienten berichten dort von dieser Kindlichkeit, die die Krankheit in ihnen auslöst. Eine kindliche Freude daran, Dinge neu zu entdecken. Eine Frau zum Beispiel freute sich eines Morgens wahnsinnig darüber, dass sie einen Hund bekommen hat, obwohl dieser schon seit 12 Jahren bei ihr lebte. Alzheimer ist eine fürchterliche Krankheit, und sie schmerzt die Angehörigen mindestens genauso wie die Betroffenen, aber dann gibt es diese seltsamen Glücksmomente der Patienten, über die man lachen können sollte. Denn andererseits verzweifelt man an dieser Krankheit.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie Ihren ersten Regiejob gemeistert?

POLLEY: Ich versuche, vorab sehr viel zu Proben. Während des Drehs habe ich schnell gemerkt, dass ich am Set der totale Kontrollfreak bin. Ich hatte das vorher nicht geglaubt. Vielleicht liegt das ja daran, dass es mein erster Film ist und ich noch keine Erfahrung mit dem Regieführen hatte.

ÖSTERREICH: Wollen Sie in Zukunft häufiger hinter der Kamera arbeiten?

POLLEY: Ja, aber ich will eine gute Mischung aus Regie und Schauspiel erreichen. Ich hatte vor diesem Projekt vier Jahre lang versucht, einen anderen Film für mein Regiedebüt auf die Beine zu stellen, bin aber kläglich an der Finanzierung gescheitert. Meine Reputation als Schauspielerin half mir dabei überhaupt nicht. Das hat mich sehr runtergezogen, zumal es in Kanada damals eine neue Richtlinie gibt, wie unsere Filme auszusehen haben: Nämlich kommerziell anstatt künstlerisch. Als ich dann „An ihrer Seite“ schrieb, setzte ich mir selbst eine Deadline: Ich war im April damit fertig und sagte mir: Wenn ich bis Jänner nicht am Set stehe und die Kameras laufen, dann gebe ich auf und werde es nie mehr versuchen, selbst Regie zu führen. Diese Energie und dieser Drang hat mich so sehr angestachelt, dass wir dann wirklich im Jänner drehten. Das Glück war, dass sich auch die Einstellung der kanadischen Filmförderung wieder etwas geändert hatte und man dort sehr wohl Raum für anspruchsvolle, künstlerische Projekte sah.

ÖSTERREICH: Welches Credo verfolgen Sie künstlerisch?

POLLEY: Nicht den Anspruch zu haben, mit einem Film das ganze Universum zu beschreiben. Viele große Regisseure, die ich bewundere, behandeln ihre Themen nicht als die wichtigsten der Welt, machen deutlich, dass sie bloß einen kleinen Ausschnitt, einen Aspekt des Lebens einfangen, aber niemals das ganze Leben an sich. Nicht so wie Oliver Stone, der seinen Film mit einer Einstellung des Globus aus dem Weltall beginnt, nur um hernach eine Geschichte über Football zu erzählen.

Interview: Matthias Greuling

Lesen Sie auf der nächsten Seite alles über den Inhalt des Films!

Seit stolzen 50 Jahren sind Fiona (Julie Christie) und Grant (Gordon Pinsent) verheiratet; seine vereinzelten Seitensprünge sind gottseidank schon Jahrzehnte her und Fiona hat ihm verziehen. Gelegentlich macht sie im Alltag noch Andeutungen, die für Spannungen sorgen, dennoch verspricht der Lebensabend der beiden älteren Herrschaften glücklich zu werden – bis Fiona beginnt, unter immer stärker werdenden Gedächtnisverlust leidet und man letztendlich Alzheimer bei ihr diagnostiziert. Schon bald darauf beschließt sie, sich selbst in ein Pflegeheim einzuweisen.

"Quälende Konfrontation mit Altersdemenz"
Zum ersten Mal in ihrer Ehe werden die beiden voneinander getrennt. Die Aufnahmebestimmung des Pflegeheims Meadowlake sieht vor, dass in den ersten 30 Tagen des Aufenthalts kein Angehöriger die Patienten besuchen darf, damit diese sich ungestört einleben können. Als Grant seine Frau nach diesen quälend langen Tagen erstmals besucht, erkennt Fiona ihn nicht wieder. Es kommt sehr schlimm: Sie verliebt sich in Aubrey (Michael Murphy), einem anderen Heimbewohner. Dem eigenen Ehemann bleibt nichts anderes übrig, als seinen neuen Status als "Bekannter", der Fiona täglich besucht, zu akzeptieren. Als Aubrey jedoch eines Tages wieder von seiner Frau Marian (Olympia Dukakis) nach Hause geholt wird und Fiona daraufhin in eine schwere Depression verfällt, erkennt Grant, dass ihm das größte Opfer an die gemeinsame Liebe noch bevorsteht. Wertvoll!

Filmstart in Österreich: 25. 01. 2008

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