Dieter Haspel ist gestorben

Regisseur & Theaterleiter

Dieter Haspel ist gestorben

Der österreichische Regisseur und langjährige Leiter des Wiener Ensembletheaters, Dieter Haspel, ist heute, Montag, in den frühen Morgenstunden im Alter von 72 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Wien gestorben. Das gab die frühere Ensembletheater-Geschäftsführerin Christine Bauer gegenüber der APA bekannt.

Begegnung mit Bergman
Haspel wurde am 19. Juni 1943 im niederösterreichischen Gloggnitz geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre holte er in der Abendschule die Matura nach und reiste nach Frankreich, Großbritannien und Schweden - wo es zu einer kurzen, aber entscheidenden Begegnung mit Ingmar Bergman kam. Danach inskribierte er in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik.

Frischer Wind
Mit dem 1968 gemeinsam mit Hilde Berger und Götz Fritsch gegründeten Cafetheater brachte Dieter Haspel frischen Wind und internationalen Touch in die erstarrte Wiener Theaterszene. Im ehemaligen Cafe Einfalt (gleich ums Eck des späteren "Treffpunkt Petersplatz", dem heutigen "Werk X Eldorado") als erste Spielstätte stießen die studentischen Praxisversuche (u.a. mit Stücken von Willi Pevny und Konrad Bayer) von Anfang an auf großen Widerhall bei Publikum und Medien.

Bühnen-Karriere
1973-76 bespielte die in Ensembletheater umbenannte Truppe Haspels das Kärntnertortheater und sorgte mit Brechts "Im Dickicht der Städte" und "Baal" oder mit "Germinal" nach Zola für Aufsehen. Nach Schließung des Theaters und einem Kurzgastspiel als Oberspielleiter in Tübingen (1976/77) bespielte Haspel zunächst das Kleine Theater im Souterrain des Konzerthauses, ehe 1982 der ehemalige "Fatty's Saloon" am Petersplatz bezogen wurde. In den folgenden Jahren wurde das Haus zu einem der Hotspots der Wiener Mittelbühnenszene. 2009 übergab er die Spielstätte an Harald Posch und Ali Abdullah. In deren "Garage X" realisierte er bis zu seinem 70er jährlich eine eigene Inszenierung, zuletzt 2013 "Das letzte Band" von Samuel Beckett.

"Dieter Haspel ist, wie viele 68er, ein 'man out of time'", schrieb der "Falter" schon 1997 in einem Porträt. Seine Herkunft aus der 68er-Bewegung hat Haspel, der 1976 die legendäre "Proletenpassion" der Schmetterlinge in der Arena in Szene gesetzt hat, weder ästhetisch noch politisch je verleugnet. Er hat immer an die Veränderbarkeit der Gesellschaft und die Möglichkeit des Theaters, dabei mitzuwirken, geglaubt. Den aufklärerischen und sozialkritischen Anspruch, den Haspel in seiner Arbeit stets vertreten habe, hob auch Bürgermeister Michael Häupl (S) 2004 bei der Verleihung des Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien hervor.

Resetarits' Anfänge
Bertolt Brecht ist vermutlich jener Autor, den Haspel am häufigsten inszeniert hat. Er hat aber auch als erster in Wien Heiner Müller gespielt, zeitgenössische Autoren ebenso gefördert wie die unterschiedlichsten Theatertalente: Robert Hunger-Bühler hat bei ihm begonnen, Lukas Resetarits hat in diesem Umfeld seine legendäre Solo-Kabarettkarriere gestartet, Hans Hoffer erste Bühnenbildfantasien verwirklicht.

Seinen Anspruch, mit Theater an politischen Veränderungen mitwirken zu können, hat Haspel nie aufgegeben. Dass die Zeiten dafür jedoch zuletzt immer schwieriger wurden, war ihm schmerzhaft bewusst: "Es stimmt mich traurig, dass die Entpolitisierung so um sich gegriffen hat. Wir leben in einer entsolidarisierten Vergiss-mich-Gesellschaft, in der jeder alles hinnimmt", sagte Haspel in einem APA-Interview zu seinem 70. Geburtstag. Nur um das Theater an sich war ihm nicht bang: "Das Theater wird immer sein Publikum finden."

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