11. August 2010 09:56
Der Wald auf der Bühne ist zugemüllt. Getränkedosen, Plastikflaschen,
Spritzen, Binden – alles wird achtlos beiseite geworfen. Wir befinden uns
also in der Gegenwart. Giovanni und sein Kumpel geben sich und einander
schon mal einen Schuss. Leporello hat einen nervösen Tick, sein Partner geht
an der Sucht, die ihn apathisch macht, und an seinen Halluzinationen
zugrunde. In dieses Szenario transferiert Regisseur Claus Guth Mozarts Don
Giovanni. Mit dem Libretto hat das nicht viel zu tun. Aber die Handlung
ist immerhin erkennbar. Und vor allem sind die Personen mit größter
Genauigkeit konturiert. Guth hat seine Inszenierung aus dem Jahr 2008
mithilfe der Sänger intensiviert, die Aktionen wirken gelöster,
selbstverständlicher als damals.
Animator
Unterstützt wird Guth durch den Dirigenten Yannick
Nézet-Séguin. Analog zur Bühne ist die orchestrale Partnerschaft drängend,
ungestüm, stark akzentuiert. Vitalität ist gefordert. Die Wiener
Philharmoniker beweisen einmal mehr, wie flexibel sie auf einen
überzeugenden Animator reagieren können. Sensibel die
Continuo-Ausschmückungen von Felice Venanzoni (Hammerklavier) und Robert
Nagy (Cello) mit ihren herrlich ironischen Pointen und harmonischen
Seitensprüngen.
Glaubhaft
Auf der Bühne eine Idealbesetzung. Christopher Maltman
und Erwin
Schrott singen und agieren als gleichgestimmtes, beängstigend
realistisches Junkie-Doppel. Die drei Frauenrollen werden von Aleksandra
Kurzak (Anna), Dorothea Röschmann (Elvira) und Anna Prohaska glaubhaft
typisiert. Joel Prieto bewährt sich als vorbildlich phrasierender,
schauspielerisch keineswegs passiver Ottavio.
Jubel für alle
Zuletzt Publikumsjubel für alle. Wegen der
Regie kann man auch anderer Meinung sein. Aber langweilig ists an diesem
Abend nie.