Ein Erlebnis

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"Einfach kompliziert" mit Voss

Am Ende fand ein eigenes kleines, berührendes, mitreißendes "Stück" statt: Das Premierenpublikum im Akademietheater urgierte die Protagonisten dieser sensationellen Produktion durch rhythmischen Applaus immer wieder an die Rampe: Claus Peymann schob, euphorisch strahlend, seinen Hauptdarsteller Gert Voss vor sich her. Dieser hob seine Bühnenpartnerin, die 9-jährige Victoria Niebauer, auf einen Sessel, um sie ihrem Talent entsprechend zu erhöhen. Und alle im Zuschauerraum erinnerten sich an Thomas Bernhards letzten "Auftritt", als Peymann ihn nach der Premiere von Heldenplatz, euphorisch strahlend, vor sich hergeschoben hatte ...

Griesschleim
"Am Ende essen wir Griesschleim", sagt der alte Schauspieler in Bernhards Einfach kompliziert. Und schon in diesem einzelnen Satz kommt alles Tragische, Komische und Lächerliche des menschlichen Lebens zum Ausdruck. In Peymanns liebevoll-werktreuer Inszenierung verkörpert Voss den zwei Stunden lang monologisierenden, verrückten Geistesmenschen mit darstellerischer und konditioneller Bravour. Man verehrt diesen betagten Mann, wenn er über seine lebenslange Beschäftigung mit Shakespeare und Schopenhauer spricht. Man lacht über ihn, wenn er aufzählt, was er alles "immer gehasst" hat: Mutter, Vater, Sauerkraut, Milch, Shakespeare, Schopenhauer, die Menschen. Man leidet mit ihm, wenn er schildert, wie er sich (von Shakespeare und Schopenhauer) "immer eingekerkert" gefühlt hat. Man ist gerührt, wenn er behutsam, mit der etwas zu großen Krone Richard III. am Kopf, dem staunenden Mädchen von einer geistigeren Welt erzählt. Und wenn er das Kind dann mit seinem aufflackernden Irrsinn verängstigt, gefriert alle Sympathie für ihn.

Am Ende Glück und Ovationen.

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