Festwochen-Start mit „Les Éphémères

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Festwochen-Start mit „Les Éphémères"

Die französische Theatermacherin Ariane Mnouchkine hat sich schon früh von asiatischen Theaterformen beeinflussen lassen. So hat sie zum Beispiel einen Shakespeare-Zyklus inszeniert, in dem nicht die gewohnten Elisabethaner, sondern Samurai auf der Bühne agierten.

Mittlerweile ist das „Asiatische“ bei ihren Inszenierungen weniger vordergründig, viel sublimer, und doch immer deutlich spürbar. So etwa bei Les Éphémères, einer insgesamt siebenstündigen Theatersoiree, die seit gestern bei den Wiener Festwochen zu erleben ist.

Aus dem Leben
Schauplatz ist die Rinderhalle des Schlachthofs St. Marx. Statt einer Einheitsbühne gibt es für jede Szene kleine Podeste, die wie federleichte Inseln von Bühnenassistenten herein- und hinausgerollt werden. Diese bewegen sich so elegant und akrobatisch wie die Puppenführer im japanischen Figurentheater.

Auf den Podesten sind ­Miniaturwelten arrangiert. Bourgeoise Salons, proletarische Zimmer-Küche-Kabinette, ein Stück Strand, ein Stück Garten. Darauf und darin spielt sich das Leben ganz normaler Menschen ab. In allen Schattierungen und Aggregatzuständen. Harmlos, charmant und liebevoll kann dieses Leben sein. Um im nächsten Augenblick in die Katastrophe zu münden.

Die Feuerwehr ruft an und benachrichtigt die distinguiert plaudernde Familie vom Unfalltod des Bruders und des Sohnes; der von der Arbeit geschaffte Ehemann fällt beim kärglichen Mahl tot in den Teller, und die Ehefrau vis-à-vis löffelt die Erdäpfelsuppe weiter; der gestrenge Gerichtsvollzieher weint sich bei seiner Nachbarin aus, obwohl er diese zutiefst verachtet, weil sie ein Mann ist ...

Ephemer
Das ist über weite Strecken ein bedrückender, auch beklemmender Stoff, dessen sich Mnouchkine und ihre großartigen Akteure hier bedienen. Doch wirken die (wie im japanischen Theater) von Zupf- und Streichmusik begleiteten Szenen auf den rollenden Inseln verblüffend sanft und flüssig. Eben „ephemer“, wie der Titel nahelegt.

In der einstündigen Pause zwischen den zwei etwa dreistündigen Teilen der Éphémères fiel mir eine himmlische französische Nachspeise ein: „Îles flottantes“. Auf deutsch etwa: treibende Inseln. (Das sind Schneenockerl auf einem Fruchtspiegel.) So luftig, zart und poetisch wirkten diese Szenen aus verschiedenen Menschenleben, die neben den kleinen Freuden auch die schweren Schicksalsschläge und Ausweg­losigkeiten inkludieren.

Zauber
Den Zauber, der von diesem Kontrast ausging, erfährt man am Theater, wenn es hoch kommt, ­alle paar Jahre einmal. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Den Besuch von Ariane Mnouchkines Les Éphémères bei den Wiener Festwochen kann man nur mit größter Dringlichkeit weiterempfehlen.

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