24. Mai 2009 20:21
Der österreichische Filmregisseur Michael Haneke steht auf dem Höhepunkt
seiner Karriere: Mit seinem Film "Das weiße Band" (Sehen Sie
den Trailer hier)
gewann er am Sonntag Abend, 24.5., bei den 62. Filmfestspielen von Cannes
den Hauptpreis des Festivals, die "Goldene Palme". "Das weiße
Band" ist eine in schwarz-weiß gedrehte Auseinandersetzung über die
Wurzeln von Totalitarismus und Faschismus, die der 67-jährige Regisseur in
autoritärer Erziehung und unmenschlich gewordenen Idealen ortet.
Mit
der Jelinek-Verfilmung "Klavierspielerin" war Haneke 2001 in
Cannes bereits mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet worden, für "Caché"
2005 mit dem Regiepreis. Auch "Funny Games" und "Code inconnu"
waren im Wettbewerb gestartet, "Wolfszeit" lief 2003 außer
Konkurrenz.
Gigantischer Erfolg für Österreichs Film: Michael Haneke gewann beim
Festival Cannes die Goldene Palme, Christoph Waltz holte Silber.
„Ich
liebe das Filmfest Cannes“, strahlte der Wiener Regisseur Michael Haneke auf
offener Bühne, als er am Sonntagabend, 24.5., den größten Erfolg seiner
Karriere feierte: Aus der Hand von Jury-Präsidentin Isabelle Huppert nahm er
den Hauptpreis, die Goldene Palme, für sein Filmdrama Das weiße Band entgegen.
Haneke
im ersten Interview nach der Gala
„Ich freue mich wahnsinnig, den
größten Preis zu bekommen, den man im Kino gewinnen kann. Natürlich bekam
ich mit, dass ich schon vorher zum Sieger ausgerufen wurde, aber auf solche
Gerüchte gebe ich nichts.“
Haneke weiter: „Besonders freut es
mich, dass mir der Preis von Isabelle Huppert überreicht wurde. Sie war in
einer schwierigen Situation, aber dieser Moment hat mich sehr bewegt.“ Der
Hintergrund: Huppert war 2001 Hauptdarstellerin in Hanekes Die
Klavierspielerin und gewann den Darstellerinnen-Preis von Cannes.
Lob
der internationalen Presse
Doch von Freunderlwirtschaft wird bei
dieser Auszeichnung niemand sprechen. Zu eindeutig ist das Lob der
internationalen Presse und der Fachwelt für Hanekes Drama über die Wurzeln
des Terrorismus. Auch der Weg zur Oscar-Nominierung scheint offen.
Zwei
Palmen für Österreich
Michael Hanekes Triumph war nicht
der einzige Glücksmoment für Österreichs Filmszene am Sonntag. Kurz zuvor
hatte schon Christoph Waltz die Silberne Palme für den besten Schauspieler
in Empfang genommen.
Olymp
Der in London lebende Wiener,
bekannt aus zahllosen TV-Filmen, stieg Seite an Seite mit
Hollywood-Starproduzent Harvey Weinstein über den roten Teppich zum
Festival-Palais. Waltz schaffte mit einer einzigen Rolle aus dem Stand den
Sprung in den Kino-Olymp. In Quentin Tarantinos Kriegsgroteske Inglourious
Basterds legt er als charmant-diabolischer SS-Offizier eine derart
brillante Leistung hin, dass dagegen Brad Pitt (dessen Rolle schwächer ist)
fast zum Nebendarsteller degradiert wird.
Preisträger
Zur
besten Darstellerin des Festivals wurde Charlotte Gainsbourg gewählt, die in
Lars von Triers heftig umstrittenem Psychodrama Antichrist alle im
Kino gewohnten Grenzen der Darstellung von Sexualität und Gewalt
durchbricht. Frankreichs Szene wurde mit dem Großen Preis der Jury (für
Jacques Audiards Gefängnis-Thriller Un Prophete) und dem
Spezialpreis der Jury (für Alain Resnais’ skurrile Romanze Les
Herbes Folles) belohnt.
Verlierer
Völlig leer gingen
hingegen einige große Stars des Autorenkinos aus, deren Beiträge in Cannes
viel Beifall bekamen: Jane Campion, Ang Lee, Pedro Almodóvar und Ken Loach.
"Einer der glücklichsten Momente"
Sichtlich
bewegt nahm der Regisseur die Goldene Palme entgegen. "Manchmal stellt
mir meine Frau eine typisch weibliche Frage: Bist du glücklich?",
begann Haneke seine in Französisch gesprochenen Dankesworte, "Heute
kann ich das aus ganzem Herzen bejahen - und sie wohl auch. Das ist einer
der glücklichsten Momente meines Lebens", sagte der 67-Jährige und
bedankte sich bei der Jury mit "Tausend Dank!"
Michael Haneke im Interview
ÖSTERREICH: Sie haben
sehr gefasst reagiert?
Michael Haneke: Man arbeitet immer für die
Anerkennung, denn man ist immer nur so gut wie sein letzter Erfolg. Deswegen
finde ich das natürlich toll. Aber es wird nicht so sein, dass ich mich ewig
daran erinnern werde, und ich hoffe, dass noch viele weitere schöne Momente
in meinem Leben kommen werden.
ÖSTERREICH: Was sagen Sie zu Christoph Waltz?
Haneke:
Ich bin mit ihm sogar über drei Ecken verwandt. Er hatte eine Riesen-Chance,
und die hat er zu 150 Prozent genützt. Für ihn ist der Preis super. Und dass
es heuer zwei Palmen für Österreicher gibt, ist ein Hammer!
ÖSTERREICH: Wie lange arbeiteten Sie am Cannes-Siegerfilm Das
weiße Band?
Haneke: Das Drehbuch existiert schon viele
Jahre. Es war für einen TV-Dreiteiler konzipiert, konnte aber nicht
hergestellt werden, weil es dem Fernsehen zu teuer war. Später habe ich dann
das Drehbuch gekürzt und zu einer Kinofassung umgeschrieben.
ÖSTERREICH: Warum drehten Sie den Film in Schwarz-Weiß?
Haneke:
Weil alle Bilder aus der Zeit, in der er spielt, Schwarz-Weiß-Bilder sind.
Wenn Sie heute einen Film über das 18. Jahrhundert drehen, werden Sie das in
Farbe tun, denn das einzige, was man an Bilddokumenten hat, sind Gemälde.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Film erfunden, daher denken wir die
Zeit in Schwarz-Weiß.
ÖSTERREICH: Standen Sie die letzten Tage unter Druck?
Haneke:
Es war schon ein bisserl stressig, weil jeder davon gesprochen hat. Warum
wir gewonnen haben? Ich weiß nicht. Das müssen Sie andere fragen.
Waltz gewinnt Darstellerpreis
Der österreichische Schauspieler
Christoph Waltz ist als bester Darsteller ausgezeichnet worden. Der
52-Jährige, der bisher vor allem mit Fernsehrollen bekannt wurde, erhielt
die Auszeichnung für seine Leistung in "Inglourious Basterds"
von Quentin Tarantino. Waltz spielt darin einen weltmännischen und
sprachgewandten SS-Offizier, den "Juden-Jäger" Hans Landa.
Der neue, irre Ausschnitt des Tarantino-Wurfs
"Berufung zurückgegeben"
Waltz ist bisher vor
allem als Charakterdarsteller ("Roy Black") in deutschen
Fernsehfilmen bekanntgeworden. Er bedankte sich bei Regisseur Quentin
Tarantino: "Du hast mir meine Berufung zurückgegeben!"
Interview mit Christoph Waltz
ÖSTERREICH: Was war
Ihre erste Reaktion, als Ihnen Tarantino für Inglourious Basterds
eine Rolle neben Brad Pitt anbot?
Christoph Waltz: Ich sagte
damals zu meinem Agenten: Wenn das Casting vorbei ist und man mich nicht
engagiert, dann bin ich schon heilfroh, diese Stunde bei Tarantino
miterleben zu dürfen. Als wir den Film in Cannes das erste Mal sahen, dachte
ich: Es hat sich gelohnt.
ÖSTERREICH: Wie haben Sie erfahren, dass Sie die Rolle haben?
Waltz:
Ich stand auf einem Hügel, schaute auf so ein Tal im leichten Dunst, der
Sonnenuntergang leuchtete toskanisch. Und dann hat mein Telefon geläutet:
‚Christoph?' – ‚Oh, Quentin?' – In dem Moment bin ich auf eine Distel
getreten – und er sagte: ,Christoph, you’re my man'. Und ich: ,If you say
so, Quentin, I am.'
ÖSTERREICH: Sie lieferten die beste Performance des Festivals
ab. Wie schwer taten Sie sich mit den vier Sprachen, die Sie in der Rolle
sprechen mussten?
Waltz: Vielen Dank für das Lob. Quentin
Tarantino sagte mir, meine Figur, der SS-Offizier Landa, sei ein
linguistisches Genie. Aber nur, weil jemand viele Sprachen spricht, muss er
noch kein Genie sein. Quentin meinte etwas anderes. Man muss die
Sprachharmonien beherrschen und auch die Intonierung, den Ausdruck.
ÖSTERREICH: Sprechen Sie vier Sprachen?
Waltz: Ich
spreche überhaupt kein Italienisch. Ich habe es bloß imitiert! Italienisch
ist die beste Sprache zum Imitieren. Ich spreche Französisch und Englisch,
Deutsch sowieso, aber von Italienisch habe ich keine Ahnung.
Wer sonst noch Auszeichnungen erhielt lesen Sie auf der nächsten Seite!
Gainsbourg ausgezeichnet
Als beste weibliche Darstellerin freute
sich die Französin Charlotte Gainsbourg über die Würdigung ihrer harten
Rolle in "Antichrist" von Lars von Trier. Der Große Preis der Jury
ging an den Franzosen Jacques Audiard für das Gefängnisdrama "Un
Prophète". Den Preis der Jury teilen sich zu gleichen Teilen die
Britin Andrea Arnold "Fish Tank" und der Südkoreaner Park
Chan-wook ("Thirst"/Durst).
Lebenswerk für Resnais
Der 86-jährige französische
Altmeister Alain Resnais wurde mit einem Spezialpreis der Jury für sein
Lebenswerk ausgezeichnet. Nach der Preisvergabe lief zum Abschluss des
Festivals der Film "Coco Chanel und Igor Stravinsky" über die
Beziehung zwischen der Modeschöpferin und dem Komponisten.
Insgesamt haben die Juroren folgende Preise vergeben:
Goldene
Palme: "Das weiße Band" von Michael Haneke
Großer
Preis der Jury: "Un Prophète" von Jacques Audiard
Preis
der Jury: "Fish Tank" von Andrea Arnold
ex aequo mit "Bak-Jwi"
von Park Chan-Wook
Bestes Drehbuch: Mei Feng für "Spring
Fever" von Lou Ye
Regiepreis: Brillante Mendoza für "Kinatay"
Spezialpreis
des Festivals für das Lebenswerk: Alain Resnais
Bester
Schauspieler: Christoph Waltz in "Inglourious Basterds" von
Quentin Tarantino
Beste Schauspielerin: Charlotte Gainsbourg in "Antichrist"
von Lars von Trier
Caméra d'or für den besten Debütfilm:
Warwick Thornton für "Samson and Delilah"
20 Filme im Wettbewerb
Insgesamt liefen in diesem Jahr in Cannes
20 Filme im Wettbewerb um die Goldene Palme. Viele von ihnen boten
ausgiebige Darstellungen von Sex und Gewalt. Auf dem Roten Teppich wurde
etwas weniger Glamour zu Schau getragen, nur wenige Superstars zeigten sich
den Fans.
Finanz- und Wirtschaftskrise war zu spüren
Die
internationale Finanz- und Wirtschaftskrise war beim Festival an der Côte
d'Azur deutlich zu spüren: Die Organisatoren veröffentlichten zwar keine
konkreten Zahlen, aber Fachblätter schätzten, dass vor allem die Zahl der
Branchenteilnehmer auf dem Internationalen Filmmarkt um mindestens ein
Viertel gegenüber dem extrem gut besuchten Jahr 2008 gesunken sei. Bei
Benefiz-Veranstaltungen wie der traditionellen Gala zur Unterstützung der
amerikanischen Aids-Hilfe kam trotz der Anreise von Bill Clinton nur weniger
als die Hälfte der Summe zusammen wie im vergangenen Jahr.