08. Oktober 2009 13:07
Der Literatur-Nobelpreis 2009 geht an die 56-jährige deutsch-rumänische
Autorin Herta Müller. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag, 8.10.
in Stockholm bekannt. Die mit zehn Millionen Kronen (965.158 Euro) dotierte
Auszeichnung ging im Vorjahr an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio.
Die Nobelpreise werden am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred
Nobel, in Stockholm überreicht.
Begründung der Schwedischen Akademie
Herta Müller zeichne
"mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der
Heimatlosigkeit", hieß es in einer ersten Begründung der Schwedischen
Akademie. Müller war in den vergangenen Tagen in den Buchmacher-Rankings
immer höher hinaufgerückt und war bei Ladbrokes zuletzt gemeinsam mit dem
Israeli Amos Oz als Top-Favoritin gehandelt worden. Ähnlich auffällige
Quoten-Bewegungen zugunsten der späteren Sieger waren schon in den beiden
vergangenen Jahren registriert worden.
Nobelpreis-Spekulationen
2001 tauchte die im rumänischen Banat
geborene und heute in Berlin lebende Schriftstellerin Herta Müller (56) das
erste Mal in den Nobelpreis-Spekulationen auf. Seither ist nicht nur ihr
Werk und die Liste der an sie verliehenen Auszeichnungen, sondern auch ihr
Ruhm beständig gewachsen. Längst sind ihre österreichischen Würdigungen -
1997 der Literaturpreis der "Franz-Nabl-Preis" der Stadt Graz,
1999 der in Klosterneuburg verliehene Franz-Kafka-Preis - von
prestigereicheren Auszeichnungen überflügelt. Nach dem heute zuerkannten
Literatur-Nobelpreis 2009 geht es wohl nicht mehr höher. Auch der kommenden
Montag vergebene Deutsche Buchpreis, für den sie mit ihrem jüngsten Roman "Atemschaukel"
hervorragend im Rennen liegt, wäre da nur noch ein Appendix.
Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen
Als Sprachartistin
und Erinnerungskünstlerin wurde die am 17. August 1953 in Nitzkydorf
geborene Herta Müller in den zahllosen Laudationes der vergangenen Jahre
immer wieder gewürdigt. Als Rumänien-Deutsche musste sie die Gewalt- und
Unterdrückungs-Mechanismen der Ceausescu-Diktatur am eigenen Leib erfahren
und schrieb seither in ihren Büchern mal lakonisch-knapp, mal
lyrisch-surreal an einer Chronik von Leid, Ausgrenzung und Bedrohung des
Menschen durch totalitäre Systeme.
Frühes Leben
Herta Müller studierte Germanistik und
rumänische Literatur an der Universität Temeswar in Rumänien. Sie arbeitete
als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Als sie sich weigerte, für den
rumänischen Geheimdienst Securitate tätig zu werden, wurde sie entlassen und
arbeitete als Deutschlehrerin. Ihr erstes Buch "Niederungen" wurde
zensuriert veröffentlicht. Nach einer Folge von Repressionen, Verhören und
Hausdurchsuchungen konnte sie 1987 nach Berlin übersiedeln.
Literarische Themen
Müller beschäftigte sich nicht nur mit der
Diktatur, sondern auch mit den nationalen Minderheiten in Osteuropa. Bekannt
wurden vor allem ihre Bücher "Der Fuchs war damals schon der Jäger"
(1992) und "Herztier" (1994), aber auch "Heute wär ich mir
lieber nicht begegnet" (1999), "Der König verneigt sich und tötet"
(2003) und "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005).
"Atemschaukel"
Herta Müllers neuer Roman "Atemschaukel"
(Hanser Verlag) hat zwei Hauptfiguren: Den am Anfang 17-jährigen
Ich-Erzähler Leo, der von fünf Höllenjahren in einem sowjetischen
Arbeitslager berichtet, und den "Hungerengel", Leos
allgegenwärtigen Begleiter. In das eindringliche Buch sind Erfahrungen von
Herta Müllers Mutter, die 1945 wie Zehntausende andere als Siebenbürger
Sachsen zu Zwangsarbeit in die Ukraine verschleppt worden war, ebenso
eingeflossen wie jene des Schriftstellers Oskar Pastior, der mit Müller bis
zu seinem Tod 2006 an dem Buch gearbeitet hat.
Lesen Sie auf der nächsten Seite Facts zum Literaturnobelpreis
Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 vergeben. Nach dem
testamentarischen Willen des schwedischen Preisstifters Alfred Nobel
(1833-1896) erhält derjenige den Preis, "der in der Literatur das
Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Es
soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit
dienen.
965.158 Euro Preisgeld
Der von der Schwedischen Akademie
vergebene Literaturnobelpreis ist inzwischen mit zehn Millionen Schwedischen
Kronen (965.158 Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag
des Preisstifters, in Stockholm überreicht.
Zwei Autoren nahmen Auszeichnung nicht an
In den Jahren 1914,
1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben.
Vier Mal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die
Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der
sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin
zurückweisen. Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964 die
Auszeichnung anzunehmen und erklärte: "Jeder Preis macht abhängig."
Die Literaturnobelpreisträger seit dem Zweiten Weltkrieg
1946
Hermann HESSE (Schweiz, geb. in Deutschland)
1947 Andre GIDE (Frankreich)
1948
Thomas Stearns ELIOT (Großbritannien)
1949 William FAULKNER (USA)
1950
Bertrand RUSSELL (Großbritannien)
1951 Pär LAGERKVIST (Schweden)
1952
Francois MAURIAC (Frankreich)
1953 Winston CHURCHILL (Großbritannien)
1954
Ernest HEMINGWAY (USA)
1955 Halldor Kiljan LAXNESS (Island)
1956
Juan Ramon JIMENEZ (Spanien)
1957 Albert CAMUS (Frankreich)
1958
Boris PASTERNAK (UdSSR)
1959 Salvatore QUASIMODO (Italien)
1960
Saint-John PERSE (Frankreich)
1961 Ivo ANDRIC (Jugoslawien)
1962
John STEINBECK (USA)
1963 Giorgos SEFERIS (Griechenland)
1964
Jean-Paul SARTRE (Frankreich)
1965 Michail SCHOLOCHOW (UdSSR)
1966
Samuel Josef AGNON (Israel) und Nelly SACHS (Schweden, geb. in Deutschland)
1967
Miguel Angel ASTURIAS (Guatemala)
1968 Yasunari KAWABATA (Japan)
1969
Samuel BECKETT (Irland)
1970 Alexander SOLSCHENIZYN (UdSSR)
1971
Pablo NERUDA (Chile)
1972 Heinrich BÖLL (Deutschland)
1973
Patrick WHITE (Australien)
1974 Eyvind JOHNSON (Schweden) und Harry
MARTINSON (Schweden)
1975 Eugenio MONTALE (Italien)
1976 Saul BELLOW
(USA)
1977 Vicente ALEIXANDRE (Spanien)
1978 Isaac B. SINGER (USA)
1979
Odysseas ELYTIS (Griechenland)
1980 Czeslaw MILOSZ (Polen)
1981
Elias CANETTI (Österreich/Großbritannien)
1982 Gabriel Garcia
MARQUEZ (Kolumbien)
1983 William G. GOLDING (Großbritannien)
1984
Jaroslav SEIFERT (Tschechoslowakei)
1985 Claude SIMON (Frankreich)
1986
Wole SOYINKA (Nigeria)
1987 Josiff BRODSKI (UdSSR)
1988 Nagib MAHFUS
(Ägypten)
1989 Camilo Jose CELA (Spanien)
1990 Octavio PAZ
(Mexiko)
1991 Nadine GORDIMER (Südafrika)
1992 Derek WALCOTT
(Trinidad und Tobago)
1993 Toni MORRISON (USA)
1994 Kenzaburo OE
(Japan)
1995 Seamus HEANEY (Irland)
1996 Wislawa SZYMBORSKA (Polen)
1997
Dario FO (Italien)
1998 Jose SARAMAGO (Portugal)
1999 Günter GRASS
(Deutschland)
2000 Gao XINGJIAN (China/Frankreich)
2001 V.S. NAIPAUL
(Großbritannien/Trinidad)
2002 Imre KERTESZ (Ungarn)
2003 John
Maxwell COETZEE (Südafrika)
2004 Elfriede JELINEK (Österreich)
2005
Harold PINTER (Großbritannien)
2006 Orhan PAMUK (Türkei)
2007
Doris LESSING (Großbritannien)
2008 Jean-Marie
Gustave LE CLEZIO (Frankreich)