Direktorin Kraus:

MUMOK

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Direktorin Kraus: "Kritiker überzeugen"

Die Sammlung des Museums Moderner Kunst wird den Ausgangspunkt des Ausstellungsprogramms der neuen MUMOK-Direktorin bilden. Dabei möchte Karola Kraus "die strenge Unterscheidung zwischen den einzelnen Etagen" auflösen, "und auch Sammlung und Wechselausstellungen mehr in Dialog setzen". Das sagte die designierte Museumsleiterin, die am 1. Oktober ihr Amt antreten wird, am Mittwoch 5.5. bei ihrer ersten Pressekonferenz in Wien.

Vier große Ausstellungen jährlich
Es werde künftig jährlich vier große Ausstellungen geben, mit denen etwa der Zyklus der Ausstellungen zur Kunst der 60er Jahre vervollständigt wird, in der Sammlung vertretenen Künstlern große Einzelpräsentationen gewidmet, aber auch "regelmäßig große Überblicksausstellungen" geboten werden sollen. So könnten etwa Künstler der 80er und 90er Jahre mit ihren Vorläufern der 60er und 70er in einen Kontext gestellt werden. "Wir hatten gestern eine erste große Kuratorensitzung und haben auch erste Pläne geschmiedet", sagte Kraus, "und es gibt wunderbare Ideen." Details werde sie aber erst im November bei einer Programm-Pressekonferenz bekanntgeben.

"MUMOK als Ort der Auseinandersetzung weiterführen"
Das MUMOK stehe "für Weltoffenheit, Progressivität und künstlerische Vielfalt" und habe ein "Ansehen weit über die Grenzen Wiens hinaus". Beim Studium der Sammlungen des Hauses sei sie von der "Dichte an radikalen und qualitativ hochrangigen Kunstwerken erstaunt, aber auch erfreut" gewesen. "Mein Ziel ist es, das MUMOK als Ort der Auseinandersetzung weiterzuführen und als Zentrum des internationalen Kunstdiskurses weiter auszubauen", sagte Kraus, die "das progressive Team des MUMOK" lobte, den Kontakt zu privaten Sammlern intensivieren und mittels langfristiger Planung Kooperationen ausbauen möchte.

"Mit ganzer Kraft" für Wien
"Kunst soll allen Bevölkerungsschichten zugänglich sein", versicherte die designierte Museumschefin, die das Vermittlungsprogramm ausbauen möchte und dabei auf Initiativen, die sie in der Kunsthalle Baden-Baden gesetzt hat, verwies: Der dortige Kinderclub habe derzeit 130 Mitglieder, und mit "Kunst und Kaffee" habe man auch ein Forum für Besucher über 65 Jahre geschaffen. In Baden-Baden sei übrigens eine für März 2011 geplante Ausstellung gecancelt worden, sodass eine Installation von Daniel Buren Mitte Dezember ihre Abschlussausstellung sein werde. Obwohl sie dann wohl "noch hie und da" nach Baden-Baden müsse, werde sie ab 1. Oktober "mit ganzer Kraft" für Wien zur Verfügung stehen.

Kraus pflegt Dialog mit Künstlern
Kulturministerin Claudia Schmied (S) hob erneut hervor, dass Karola Kraus "in der internationalen Kunstszene bestens vernetzt und hoch angesehen" sei und "seit vielen, vielen Jahren einen intensiven und wertschätzenden Dialog mit Künstlern" pflege. Mit ihr werde das MUMOK "als Sammlungsmuseum und als Ausstellungshaus im internationalen Kunstkontext und Kunstdiskurs gestärkt". Kuratoriumsvorsitzender Wolfgang Zinggl hatte bisher zweimal die Gelegenheit mit der neuen Direktorin, der ein sehr guter Ruf vorauseile, zu sprechen und dabei "einen sehr guten Eindruck gewonnen".

Vita
Karola Kraus wurde 1961 geboren und studierte Kunstgeschichte, neuere deutsche Literatur und klassische Archäologie in Stuttgart und München. Seit 2006 ist sie Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Mit 1. Oktober 2010 folgt sie Edelbert Köb als Direktorin des Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (MUMOK).

Karola Kraus im Interview
Frau Kraus, seit Ihrer Designierung zur MUMOK-Direktorin sind sechs Wochen vergangen. Wie haben Sie diese Zeit genützt?
Karola Kraus: Ich habe die Ausstellungstätigkeit der vergangenen Jahre studiert und versucht, erste grobe Einblicke in die Sammlung zu bekommen. Aber um sie wirklich kennenzulernen, muss ich vor Ort sein, mit den Sammlungsleitern sprechen und in die Depots gehen. Ich denke, es gibt noch sehr viel zu erkunden und zu recherchieren, bevor ich den profunden Einblick habe, der für meine Ausstellungstätigkeit eine Voraussetzung ist.

Bei Ihrer Bestellung hat es immer wieder geheißen, Sie seien zwar eine Frau aus der Branche, hätten aber nur Kunsthallen-, aber keine Museumserfahrung. Wie nachvollziehbar ist diese Kritik für Sie?
Kraus: Bevor ich die Leitung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden übernommen habe, leitete ich den Kunstverein Braunschweig. Davor baute ich eine Sammlung für einen Privatsammler auf. Ich leitete den nichtkommerziellen Kunstraum Daxer in München und organisierte dort kontextbezogene Ausstellungen. Viele Exponate dieser Ausstellungen sind in die Sammlung von Hanns und Louise Daxer übergegangen und bildeten den Grundstock ihrer Sammlung. Es ist richtig, dass ich noch nie ein Haus mit einer großen Sammlung geleitet habe. Dies ist für mich eine Herausforderung und war auch immer ein großer Wunsch von mir. Ich hoffe, dass ich meine Kritiker bald vom Gegenteil überzeugen kann.

Mit welchem Konzept haben Sie Kulturministerin Claudia Schmied (S) überzeugen können?
Kraus: Ich denke, dass sie - neben meiner Tätigkeit in Braunschweig und Baden-Baden - von meinem internationalen Netzwerk, bestehend aus Museumsdirektoren, Sammlern, Kuratoren, Kritikern und Künstlern, das ich die letzten 20 Jahre aufgebaut habe, beeindruckt war.

Die Finanzen scheinen bei Ihrer Bestellung überhaupt kein Thema gewesen zu sein. Haben Sie mittlerweile einen näheren Einblick in die Raumsituation und die Budgetsituation des Hauses gewinnen können?
Kraus: Die Raumsituation ist ein großes Thema. Es ist mir bekannt, dass sich Professor Köb stark für einen Erweiterungsbau eingesetzt hat. Aus heutiger Sicht kann und möchte ich dazu noch nichts sagen. Ich denke, früher oder später werde ich auch mit diesem Problem konfrontiert sein, denn die Sammlung ist sehr umfangreich und die Räume sind begrenzt. Dann wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich neu verhandeln muss. Das Budget ist nicht üppig, aber im Vergleich zur Situation in Deutschland ist es nicht so schlecht. Es wird sich zeigen, wie ich zusätzlich Mittel akquirieren kann, um Ausstellungen zu machen oder die Sammlung zu erweitern. Die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass ich Politiker und Förderer von meinen Visionen überzeugen konnte und für die Umsetzung meiner Ziele auch zusätzliche Mittel bekommen habe. Aber von vornherein gleich zu sagen: "Zu wenig Geld, zu wenig Platz!" wäre meiner Meinung nach die falsche Vorgangsweise gewesen.

Sie übernehmen das Museum relativ kurzfristig. Köb musste vorausplanen. Wie weit sind Sie mit diesen Planungen einverstanden? Wie weit können Sie noch eingreifen? Ab wann wird man Ihre Handschrift sehen können?
Kraus: Ich werde in Baden-Baden meine letzte Ausstellung im Dezember realisieren. Daniel Buren wird eine große raumbezogene Installation durch das ganze Gebäude machen. Aber diese Ausstellung werde ich in den kommenden Monaten so vorbereiten, dass ich mich ab 1. Oktober mit voller Kraft meiner neuen Aufgabe widmen kann. Ich bin dankbar, dass das Programm bis Mai nächsten Jahres steht. Es sind Ausstellungen, auf die ich mich freue. Die erste Ausstellung, die meine Handschrift tragen wird, wird Mitte Juni nächsten Jahres stattfinden. Ich werde im November eine Pressekonferenz veranstalten, in der ich mein Programm für die nächsten zwei Jahre vorstellen möchte. Mein Konzept sieht vor, dass ich mich auf vier große Projekte im Jahr beschränke, und dass die Projekte immer in irgendeiner Form mit der Sammlung korrespondieren, sie neu präsentieren oder ergänzen.

Welcher Bedeutung kommt bei Ihnen der österreichischen Gegenwartskunst zu?
Kraus: Das MUMOK wird auch weiterhin der Pflege der österreichischen Gegenwartskunst verpflichtet sein. Es gibt großartige Künstler in Wien, auch Künstler, mit denen ich schon sehr lange zusammenarbeite. Ich möchte mit der Wiener Kunstszene, mit den anderen Häusern, den Galerien oder der Akademie kooperieren. Hier in Wien wird immer viel von Konkurrenz gesprochen. Ich bin der Meinung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und dass man gemeinsam vielleicht noch mehr erreichen kann. Ich hoffe, dass ich meine Kollegen dazu ermuntern kann, mit mir zu kooperieren.

Vor wenigen Tagen haben Sie als Mitglied der Sammlerfamilie Grässlin auf der Art Cologne einen Preis entgegennehmen können. Wie schwierig ist es, zwischen Ihrer Familiengeschichte und Ihrem Beruf als Kunstmanagerin hin- und herzuwechseln?
Kraus: Ich bin in die Kunst hineingewachsen. Meine Eltern haben Anfang der 70er Jahre begonnen, deutsches Informell zu sammeln. Bei uns zu Hause sind die Künstler ein- und ausgegangen. Nach dem frühen Tod meines Vaters haben wir, meine Mutter, meine drei Geschwister und ich, entschieden, die Kunst unserer Generation zu sammeln. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Überschneidungen zwischen meinem Berufs- und Privatleben. Damit bin ich immer dosiert umgegangen und werde dies auch in Zukunft tun.

Wird es eine große Martin Kippenberger-Ausstellung im MUMOK geben?
Kraus: Die gab es leider schon. Kippenberger ist für mich ein wichtiger Künstler, der maßgeblich dafür verantwortlich war, dass ich Kunst zu meinem Beruf gemacht habe. Hätte es hier nicht die großartige Retrospektive von ihm gegeben, würde ich ihm sicher eine große Ausstellung widmen.

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