21. September 2009 14:03
Eine Film-Gala wie ein Staatsakt: Im Historischen Sitzungssaal des
Parlaments findet am 22.9. die Wien-Premiere von
Das weiße Band statt (ab 24. 9. im Kino).
Misshandlungen, Unfälle, mysteriöse Vorkommnisse
Der
Film spielt 1914 in einem kleinen Dorf in Brandenburg. In den scheinbaren
Dorffrieden platzen Misshandlungen, Unfälle, mysteriöse Vorkommnisse. Die
Kinder des Dorfes, gemaßregelt von strengen Erziehungsmethoden, haben eine
Schlüsselrolle. Hanekes These: Die Wurzeln des Totalitarismus liegen auch in
der Erziehung.
ÖSTERREICH: Herr Haneke, sind Sie stolz auf die Goldene
Palme?
Michael Haneke: Jeder, der zu einem Festival fährt
und dort an einem Wettbewerb teilnimmt, will natürlich auch gewinnen. Ich
freue mich sehr über diesen Preis, das ist der bisherige
Höhepunkt meiner Karriere.
ÖSTERREICH: Geht es in Das weiße Band um die
Wurzeln des Faschismus?
Haneke: Ja, aber nicht ausschließlich. Es
geht um die Wurzel jeder Art von Terrorismus. Die Anhänger einer Ideologie
fühlen sich dazu autorisiert, die anderen dahin zu zwingen, wo sie sie haben
wollen. Das gilt sowohl für den Rechts- wie für den Linksfaschismus als auch
für die verschiedenen Religionen.
ÖSTERREICH: Worin sehen Sie die Gefahr bei religiös motivierten
Idealbildern?
Haneke: Die Gefahr besteht darin, eine positive
Sache zu verabsolutieren. Protestantische Religion, wie in diesem Fall, ist
ja nichts Negatives. In dem Moment, in dem ich sie zum Maß aller Dinge mache
und sie fanatisch verabsolutiere, wird sie unmenschlich. Eine Idee kann
etwas sehr Schönes sein, sobald sie Ideologie wird, kippt sie ins genaue
Gegenteil.
ÖSTERREICH: Wieso drehten Sie Das weiße Band in
Schwarz-Weiß?
Haneke: Weil alle Bilder der Zeit, in der er
spielt, Schwarz-Weiß-Bilder sind. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Film
erfunden, daher denken wir diese Zeit in Schwarz-Weiß.
ÖSTERREICH: Trotz Ihrer Erfolge brauchten Sie Jahre, bis Das
weiße Band finanziert war. Ist das frustrierend?
Haneke:
Ich bin das schon gewöhnt (lacht). Ich kann mich aber nicht beklagen, denn
ich hatte die Möglichkeit, die letzten Jahre kontinuierlich zu arbeiten. Ich
habe noch einige fertige Drehbücher in der Schublade, zum Beispiel für eine
zwölfteilige Science-Fiction-Serie, die wahrscheinlich nie realisiert wird.