Provokantes Neonazi-Drama

"Blutsfreundschaft"

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Provokantes Neonazi-Drama

Seine Weltpremiere feierte das jüngste Werk des ehemaligen Fassbinder-Schauspielers und Regie-Exzentrikers Peter Kern (60) im Rahmen der Viennale, am Donnerstag (5.11.) kommt die Erzählung über Rechtsradikale und Homosexuelle in Wien nun in Österreichs Kinos. Im Zentrum von "Blutsfreundschaft" steht ein schwuler Alt-Nazi, der einen jugendlichen Neonazi nach einem Zwischenfall bei sich untertauchen lässt, weil dieser ihn an seine große Liebe aus der NS-Zeit erinnert. Ironie, Provokation, Skandal? Rund um das Leinwandwerk ist eigentlich all das dabei, was dem Film selbst fehlt.

Neonazi
Peter Kern hat die Geschichte des 16-jährigen Axel (Harry Lampl), der aus seinem feindseligen Elternhaus in die scheinbare Geborgenheit einer Neonazi-Gruppe flüchtet, im Stile eines Fernsehspiels aus den 70er Jahren inszeniert und bricht sie immer wieder ironisch und mit musikalischen Einlagen. Doch die Figurenentwicklung bleibt zumeist recht unmotiviert, und einige der teils prominenten, teils gänzlich unbekannten Darsteller haben sich mit den - auch gern lauthals vorgetragenen - Anforderungen Kerns offenbar nicht so leicht getan.

"Anständig" gibt es nicht
Was das "Enfant terrible" der Regieszene nicht so sieht: "Alle sagen immer, man soll ruhig sein, anständig sein - dieses Wort gibt es aber nicht! Zwei Wörter habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen, das sind die Wörter 'peinlich' und 'anständig'. Es gibt nur 'wahrhaftig sein', so wie ich bin. Warum soll man nicht hysterisch sein? Ich bin hysterisch, weil ich mich so konzentriere auf das Wesentliche - und wenn sich das nicht erfüllt, bin ich hysterisch, aus, Schluss, basta. Drum schreit der Kern gern, aber er liebt seine Leute. Man sollte den Schrei vielleicht als Liebesbeweis sehen."

Falco-Darsteller Manuel Rubey als Neonazi
Lampl und Melanie Kretschmann (als Mann, der sich um eine Geschlechtsumwandlung bemüht) dürften den Schrei tatsächlich als Liebesbeweis gesehen haben. Sie machen ihre Sache hervorragend, ebenso wie Heribert Sasse als rechter Ideologe oder Falco-Darsteller Manuel Rubey als Neonazi. "Als ich das Drehbuch eingereicht habe, hat man mir gesagt, das kann man nicht verfilmen, es gibt keine Neonazis in Österreich", erzählte Kern. "Ich kann sagen, es gibt sie wohl, wir haben drei Jahre lang recherchiert, die stellen sich nur anders dar - sie tragen heute Anzüge und Krawatte."

Kinolegende Helmut Berger als 80-jähriger Wäschereibesitzer
In einer Hauptrolle des Films ist auch Kinolegende Helmut Berger als 80-jähriger Wäschereibesitzer Gustav zu sehen, der den hin- und hergerissenen Axel nach einer blutigen Mutprobe bei sich aufnimmt. "Ich habe ihn in Salzburg kennengelernt, wissend dass es sich um eine Ikone handelt", so Kern. "Ich habe ihm gesagt: ich möchte nur, dass Sie all das machen, was sie selber wollen - und das hat er gemacht. Er war überhaupt nicht betrunken, war hoch diszipliniert, es war ein sehr schönes Arbeiten. Helmut Berger ist so anrührend im Film, dass der eine oder andere wahrscheinlich eine Träne vergießen wird."

Poster sorgen für Wirbel
Für mehr Aufregung als der Film selbst haben im Vorfeld jedoch die Poster - gestaltet wie Hetzschriften vom rechten politischen Rand - gesorgt, weil sich die Plakatfirma Gewista geweigert hatte, diese aufzuhängen. "Schließlich wurden sie mit einem drübergeklebten Banner plakatiert", erklärte Kern, "aber die Inhalte haben sich ja eigentlich nicht geändert, der Spruch 'Soziale Wärme statt Woarme' wurde ja nicht überklebt." Empörte Leserbriefe und Feuilletondebatten folgten - das Marketing hat funktioniert. Und Kern echauffierte sich schließlich über den Plakatstreit: "Es herrscht Zensur in diesem Land."

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