27. Juli 2010 08:26
Aus den Lautsprechern mahnte eine weibliche Stimme das Ausschalten der
Handys ein und wünschte dem Jedermann-Publikum
einen „angenehmen Premierenabend“. Dass der nicht nur angenehm, sondern auch
streckenweise spannend wurde, dafür sorgte unter anderem der neue Jedermann,
Nicholas Ofczarek.
Machohafter als seine Vorgänger
Dieser verkörpert den
Titelhelden auf dem Salzburger Domplatz rüpel- und machohafter als seine
Vorgänger. So wird etwa der arme Schlucker, der ihm Geld schuldet, von
Jedermann nicht nur verhöhnt, sondern auch noch genüsslich mit der Faust
traktiert und wie ein Postsack mit eisernen Ketten verschnürt. Ofczareks
Jedermann lässt gleich von Beginn an die Sau raus. Was den Vorteil hat, dass
der Abend auf dem Domplatz eben nicht nur „angenehm“ wird wie ein Besuch im
Goldenen Hirschen. Der Nachteil ist, dass dieser Jedermann schon so weit
„unten“ ist, dass er – wenn Tod und Teufel ihn holen – nicht mehr so tief
und fürs Publikum schwindelerregend fallen kann wie etwa die Jedermänner von
Voss und Simonischek.
Birgit Minichmayr ist
keine Domplatz-Diva
Alles andere als
eine Domplatz-Diva ist Birgit
Minichmayr als neue Buhlschaft. Schon ihr Auftritt ist in Christian
Stückls runderneuerter, nicht immer ganz schlüssiger Inszenierung nicht so
bombastisch wie der ihrer Vorläuferinnen: Statt wie bisher aus einem
Heuhaufen zu „explodieren“, schleicht sie zur Überraschung Jedermanns die
Treppe herunter. Im roten Kleid, mit heiserer Stimme, beschwipst und
angeheitert wirkend, erfüllt sie die wichtigste Nebenrolle der Salzburger
Festspiele mit Leben – und schleicht sich schließlich so beiläufig, wie sie
gekommen ist, davon.
Freunde seriösen Schauspiels werden ihre Freude mit der neuen Buhlschaft
haben. Wer stark auf „Wonder Women“ wie Veronica Ferres fixiert ist, wird
von ihr enttäuscht sein. Dass Peter Jordan als farbloser Guter Gesell
seinem Vorgänger Sven-Eric Bechtolf nicht das Wasser reichen kann, hätte
Regisseur Stückl auffallen müssen. Dass der „Tod“
Ben Becker so korpulent und gravid über die Bühne trottet, als hätte er
drei Portionen Salzburger Nockerl zu viel verdrückt, liegt vielleicht an der
guten österreichischen Küche.