Sonne und Glück am Primavera Sound 2015

Festival

Sonne und Glück am Primavera Sound 2015

Seinen fünfzehnjährigen Geburtstag zelebrierte das Primavera Sound heuer recht unaufgeregt. Das Stadtfestival in Barcelona benötigte weder Show-Buchungen, Spektakel noch ausgefallene Attraktionen. Es war einfach so wie immer. Wie immer heißt in dem Fall ein Line-Up auf die Bühne zu stellen das seinesgleichen sucht. Zwischen den Nuller-Hymnen der Strokes und dem brutalen Noise von Pharmakon bedient das Primavera so ziemlich alle Nischen, die es im leicht gitarrenlastigen Indie-Kosmos so gibt.

An der Organisation hat sich im Vergleich zum Vorjahr nur wenig geändert. Die Bühnen an ihrem angestammten Platz, ansonsten ein paar kleine Schräubchen punkto Bierversorgung und Stolperfallen (weg sind die lustigen Fliesen) gedreht. Weniger massig kann sich so ein Massen-Festival - mehr als 35.000 Besucher pro Tag - eigentlich nicht mehr anfühlen.

Das Leuchten
Rankings sind natürlich Schwachsinn, aber Ehre wem Ehre gebührt. Vor Glück platzen konnte man zum Beispiel bei Spiritualized. Und das bei einem Set, welches zum größten Teil auf das nicht unbedingt geliebte Album „Amazing Grace“ gesetzt hat. Wie die repetitiven Schweine-Rock-Riffs immer wieder  durch Gospel und Soul gesprengt wurden, ein abrupter Übergang von wildem Lärm zum schmeichelnden Samtklang und zurück. Alles verloren, gleißendes Weiß ist die Kleidung von Jason Pierce schon lange nicht mehr, aber hier im abgefuckten leuchtet es umso heller: „Shine a Light“.

Das Brennen
Es gibt Bands die hier und jetzt brennen. Run The Jewels machen alles richtig und das Publikum liebt sie dafür. Der Energielevel erreicht höchste Höhen. Eine gebrochene Schulter soll Killer Mike haben, klar, man sieht den Gips und die Schlaufe, nur der Wirbel lässt es einen nicht so recht glauben. Zu einem alten Queen-Hadern treten sie vor den Vorhang, die Worte brechen ohne Pause heraus, die Massen in den ersten hundert Reihen (also alle) hüpfen wie die Deppen, und da oben auf der Bühne herrschen die Champions: El-P und Killer Mike.

Das Neue
Ein wenig wie die britischen, unschuldigeren Cousins von John Dwyer wirken sie schon, die Hookworms. Aber wo den Thee Oh Sees nicht viel mehr als ein zweites Schlagzeug einfällt um sich von ihren rockistischen Deppen-Publikum freizuspielen (klappt nicht, einer nach dem anderen stellte sich auf der Bühne des Apollos in das Scheinwerferlicht), wird es bei den Hookworms psychedelisch. Die Stimme angstfrei quengelig, Explosionen durch fiebrige Wiederholungen. Wenn man möchte, könnte man diese Musik in Farben beschreiben.

Die alten Herren
Reunions sind Fixpunkte beim Primavera. Und selten war die Freude größer als bei den Replacements. „Damals“ eine Band die gegen alles und jeden anspielte, live immer für Chaos gut war und nebenbei einige der größten Rock-Alben aller Zeiten abgeliefert hat, darf man den Auftritt in Barcelona tatsächlich als professionell bezeichnen. Paul Westerberg und Tommy Stinson sind von „damals“ noch dabei, das Unberechenbare, der mögliche Reinfall, sind es nicht mehr. Aber das braucht es auch nicht bei der Ehrenrunde. Man erfreut sich daran die Band zu sehen, die man eigentlich gar nicht mehr sehen dürfte.  Und spätestens zur Halbzeit merkt man wie auch bei den Replacements der Spaß die Überhand gewinnt. Natürlich geht es ums das schnöde Geld, nur gewinnt der Konzert-Abschluss mit I Will Dare/Color Me Impressed/ Can’t Hardly Wait/Bastards of Young/Left of the Dial/Alex Chilton gegenüber jeglichen Begleitumständen eine Eigendynamik, die Westerberg Lügen straft: „I have always loved you. Now I must whore my past. Bela Vida“   

replacements.jpg © Eric Pamies (c) Eric Pamies

Das Versäumte
Vormachen braucht man sich nichts. Man versäumt am Primavera mehr Acts, als man tatsächlich sieht. Alleine während den  Replacements traten auf den anderen Bühnen Sun Kil Moon, Thurston Moore, Ought und Mikal Cronin auf. Dreimal könnte man auf das Primavera gehen und keinen einzigen Act doppelt sehen. Es ist einfach unmöglich alle 150 Acts zu sehen, das kann sich nicht ausgehen. Aber blöd den Bands nachweinen die man nicht gesehen hat ist Schwachsinn. Triff eine Entscheidung und lebe damit. Kann schon mal passieren, dass man eine schlechte Wahl trifft, aber jeden Tag stehen zehn Entscheidungen an, da werden genug Treffer dabei sein.

Die alten Frauen
Mit Patti Smith, Ex Hex (beide nicht gesehen), Sleater-Kinney (eh okay, aber meine vier Lieblingsalben völlig unterrepräsentiert), Julie Ruin (eine Freude) waren Frauen durchaus prominent im Line Up vertreten. Babes in Toyland gaben Ärsche tretend den passenden Reunion-Act dazu. Der Altersschnitt um die 50, scheint sie das Leben mit dem Rock’n’Roll weniger zu zeichnen als die bierbebauchten Mittvierziger im Publikum. Gitarren-Saiten sind zum Reißen da und in der Pause werden Fragen aus dem Publikum beantwortet. Lässig sein und die Songs wüten lassen.

Das Unerwartete
Grundsätzlich ist der Timetable für jeden Menschen am Primavera eine Katastrophe. Alles überschneidet sich, alles spielt zum falschen Zeitpunkt. Disappears, eine Noise-Rock-Band, ideal für eine kleine Bühne in den frühen Morgenstunden, spielt bei brutalem Sonnenschein im wunderbaren Amphitheater der Ray Ban-Bühne. Ungemütlich die Musik, der Schweiß tropft, und es passt, perfekt.

Das Kleine
Zur Auflockerung des Programms gibt es in einem Park mitten in der Stadt ein „Mini-Primavera“. Im kleineren Rahmen, bei freiem Eintritt, spielen am frühen Nachmittag Acts aus dem Hauptprogramm zusätzliche Konzerte. Kann schon mal passieren, dass dies die besseren Konzerte sind. Ähnliches spielt sich auch am Festivalgelände ab. In eine kleine Schuhschachtel, genannt Unplugged-Bühne,  passen vielleicht 80 Leute rein. Und wenn dann mit den Single Mothers College-Punks auftreten gibt es einen Mosh Pit bei dem eh keiner umfallen kann und mehr Leute in der Luft sind als am Boden. Keine Ahnung wie der spätere Auftritt auf der großen Pitchfork-Bühne gelaufen ist, aber intensiver, schwitziger und massiger war er wohl kaum.

Die Freude
Einfach nur so das Line Up bekannt geben geht heutzutage natürlich gar nicht, es muss sich schon um ein Event handeln. Schwupps eine App gebastelt mit der das Primvera sein Line Up mittels Retro-Jump’n’run-Spiel präsentierte. Der Soundtrack: Enola Gay von OMD. Und genau die waren der „Headliner“ am Eröffnungstag, sozusagen Tag 0 bei freiem Eintritt. Und mit welchem Song starten sie? Enola Gay. Frisch aus den Achtzigern folgt dann Hit auf Hit, die Menge strahlt, Sänger Andy McCluskey macht dazu durchgehend den Hampelmann: „No art, no culture, it’s electro-pop tonight!“ Eindeutig ein besonderer Auftritt für die Band, die eigentlich längst auf rüstigen Senioren Partys in Deutschland (und im „Nightpark“ am österreichischen Frequency?) angekommen ist. Keine Ahnung wer an diesem Abend mehr Spaß hat.

OMD-03-Dani-Canto.jpg © Dani Canto (c) Dani Canto

Das Harte
Das Programm am Primavera geht  bis in die frühen Morgenstunden. Wobei sich nach Mitternacht oftmals eine eher elektronischere Schlagrichtung einstellt. Vor allem am Donnerstag und am Freitag war die Auswahl zur späteren Stunde nicht gerade ausufernd. Freunde der härteren Gangart durften sich jedoch freuen. Hart und langsam waren die Stichwörter bei Earth und der Drone-Messe von Sunn O))). Pallbearer zeigten, dass Doom Metal auch für Bros offen ist und Electric Wizard war einfach Rockmusik, und zwar mit kiloweise Fett. Das war teils großartig, nächstes Jahr dann aber bitte wieder ein wenig mehr Abwechslung.

Das Zarte
Gewisse Soundprobleme kann man der Pitchfork-Bühne nicht absprechen. Tobias Jesso Jr. stand auf der Bühne auf verlorenem Posten, übertönt von mehreren Seiten. Bei Perfume Genius gab es dafür weniger Probleme. Wechselnd zwischen Band-Formation und Alleinunterhaltertum war das Konzert pure Gefühlsmaschine, zwischen Leid, Liebe und Laszivität. Mike Hadreas macht jeden Zuhörer zum Fan, sich selbst zum Pop-Star.

Der Erfolg
Die kleinste der regulären Bühnen (adidas war da heuer der Sponsor) erfreut nicht nur mit der besten Programmierung, sondern macht unerwarteten Erfolg für vermeintliche Nischenacts fühlbar. Klar, Sleaford Mods verkaufen mittlerweile kleine Clubs aus, aber zu sehen wie sie kurz nach Sonnenuntergang es locker schaffen mehrere hunderte Zuhörer vor einer Open Air-Bühne zu versammeln, kann einen erfreuen. Keine Sorge, wütend sind die beiden Engländer immer noch, da hilft auch kein verschmitztes Lächeln zwischen den Songs gewordenen Beschimpfungen.

 

Das nächste Primavera Sound findet vom 2. bis 4. Juni in Barcelona statt. Tickets gibt es ab jetzt zu kaufen. Mehr Informationen hier!

 

Autor: Christian Prügger

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