20. Mai 2009 13:59
Mit seinem Film "Inglourious Basterds" und einer überaus
unterhaltsam geführten Pressekonferenz hatte der US-Filmemacher Quentin
Tarantino am Mittwoch, 20.5., einen starken Auftritt bei den Filmfestspielen
in Cannes. Sein über zweieinhalbstündiger, mit einem internationalen Cast
auf Englisch, Deutsch und Französisch gedrehter Film spielt im Zweiten
Weltkrieg und schockiert mit seiner trashigen Erzählweise eines sonst
üblicherweise im Film völlig ernsthaft behandelten Themas:
Nationalsozialismus, Widerstand und Holocaust.
"Jüdische Rache-Fantasie mit Komödien-Einschlägen"
Ob
man seinen Film eine "jüdische Rache-Fantasie mit Komödien-Einschlägen"
nennen könne, wurde Tarantino nach der ersten Pressevorführung gefragt. "Ich
würde ihn vielleicht nicht exakt so bezeichnen und jedenfalls würde ich ihn
nicht unter genau dieser Genre-Bezeichnung in die Videostores bringen wollen",
erwiderte der Regisseur, "aber er funktioniert durchaus so". Er
liebe das Spiel mit Genres und Sub-Genres, aber vor allem liebe er einen
Aspekt seines Films: "Meine Figuren ändern den Ausgang des Zweiten
Weltkrieges. Alles wäre möglich gewesen, hätte es tatsächlich jene Menschen
gegeben, die ich erfunden habe."
"Liebe die Idee, dass das Kino die Macht besitzt, das Dritte Reich
zu besiegen"
In "Inglourious Basterds", den Tarantino
als Märchen beginnt ("Once upon a time in Nazi-occupied France..."),
werden gleich zwei Attentatspläne gegen die Spitzen des Dritten Reichs
geschmiedet - beide sind letztendlich erfolgreich: Bei der Premiere eines
Propaganda-Machwerks, das einen deutschen Scharfschützen (Daniel Brühl)
verherrlicht, werden in einem Pariser Kino Hitler, Goebbels, Göring, Bormann
umgebracht, das Kino sowohl in Brand gesteckt als auch in die Luft gejagt. "Ich
liebe die Idee, dass das Kino die Macht besitzt, das Dritte Reich zu besiegen",
so Tarantino.
Film und Kino spielen tatsächlich die Hauptrolle in dem Streifen, der Brad
Pitt als "Aldo, der Apache" mit einer amerikanischen Sondereinheit
durch grausame Mordtaten Angst und Schrecken in den deutschen Linien
verbreiten und Melanie Laurent als eine junge jüdische Frau, die einem
Massaker an ihrer Familie knapp entkommen ist, auf Rache sinnen lässt. Eine
von Diane Kruger gespielte deutsche Filmschauspielerin arbeitet ebenso mit
dem britischen Geheimdienst zusammen wie ein Filmkritiker, es wird über G.W.
Papst und Leni Riefenstahl gefachsimpelt und ein einfacher deutscher Soldat
(gespielt von Daniel Brühl) findet sich plötzlich als Held eines
Propagandafilms.
"Koscherer Porno"
Es ist nicht das Drehbuch, sondern
die Erzählweise, die an "Inglourious Basterds" so irritiert.
Brad Pitt versicherte, die Darsteller hätten den Streifen, den Darsteller
Eli Roth einen "koscheren Porno" nannte, noch nicht gesehen. Für
Pitt war nicht nur die Arbeit mit Tarantino, sondern auch die Erfahrung, mit
einem so internationalen Cast auf unterschiedlichen Sprachen zu drehen,
außergewöhnlich. Und er streute seinen deutschen Kollegen Rosen: Neben
Christoph Waltz, der von Tarantino als "Sprachgenie" gelobt wurde
und als charmantes, vielsprachiges Nazi-Schwein Hans Landa fulminante
Auftritte hat, und Daniel Brühl wurden auch Til Schweiger und August Diehl
von Pitt besonders gelobt: "Wir haben ein paar Sachen von ihnen lernen
können..." Auf die Frage, ob er denn nun deutsch könne, gab Pitt
schmunzelnd gleich eine etwas einsilbige Kostprobe: "Ja!"
"Mache Filme für den ganzen Planeten"
Ein bestens
gelaunter Quentin Tarantino versicherte, Cannes als Olymp, als Nirwana des
Films zu sehen ("Ich mache Filme für den ganzen Planeten. Cannes
repräsentiert das, denn alle sind da..."), alle, auch die bösesten
Charaktere seiner Filme zu lieben ("Ich liebe sie aus der
Gottes-Perspektive. Und wenn ich Filme mache, bin ich Gott..."), nur
den Grund für die eigenartige Schreibweise des Titels verriet er nicht: "Das
werde ich nie erklären. Man macht das, ohne darüber zu reden. Oder man lässt
es sein."
Mehr zum Filmfest Cannes (welche Filme ins Rennen gehen, wer in der Jury
sitzt, finden Sie hier!)