Teil 5: Natascha ist weg

Teil 5

© APA/ Roland Schlager

Teil 5: Natascha ist weg

Brigitta Sirny-Kampusch, die Mutter von Natascha Kampusch, hat am Dienstag ihr Buch über die Jahre der Entführung ihrer Tochter vorgestellt. Die 57-jährige Wienerin hat sich darin ihr Leid von der Seele geschrieben.

Lesen Sie hier die erste Kritik des neuen Buches: Teil 5

Brigitta Sirny-Kampusch beschreibt den Tag, an dem Natascha gefunden wird. Plus: Sie attackiert den Psychiater ihrer Tochter, Max Friedrich.

Das Wiedersehen
Im letzten Viertel des Buches nimmt Brigitta Sirny den Faden vom Beginn noch einmal auf. Sie beschreibt den Tag, an dem Natascha wieder gefunden wird. Der Anruf der Journalistin, dann vom Sicherheitsbüro: Zu neunundneunzig Prozent sicher. Dann – der Augenblick des Wiedersehens, nach achteinhalb Jahren, im Sicherheitsbüro in Wien. Die Beamten führen mich weiter. Ums Eck, in einen anderen Raum. Die Tür ist offen. Ich sehe Natascha. Neuigkeiten erfährt der Leser hier kaum. Natascha ist mager, sehr blass, aber ich erkenne sie sofort. Sie hat keine Verletzungen, sie ist nicht entstellt... ich gehe auf sie zu. Wir fallen uns in die Arme. Wir halten uns lange. Ich spüre, wie sie zittert. Sie löst sich von mir. Mit einer Hand nimmt sie mich an der Weste, zieht sie zur Seite, mustert mich und sagt. Du bist ja noch immer so schlank und sexy. Ich habe geglaubt, da kommt eine alte Schrummelige.

Nicht sexuell missbraucht
Die Tochter errät sehr schnell die Gedanken der Mutter. Ich bin nicht sexuell missbraucht worden, antwortet Natascha auf die Frage, die ich nicht gestellt habe. Es muss Gedankenübertragung sein. Mehr Zeit für Privates bleibt nicht. Es sind viele Menschen da, drängen die Mutter immer mehr in den Hintergrund. Daran sollte sich nie mehr etwas ändern.

Auch Nataschas Vater (der Koch) ist da. Brigitte Sirny beschreibt sein Auftreten wenig schmeichelhaft. .. er kommt rein, fragt: ist sie das? Rennt zu ihr hin, reißt ihr die Arme in die Höhe und sucht die Narbe von der Operation damals. Der hat sie nicht erkannt. Der eigene Vater.

Der Medienwirbel
Als Brigitte Sirny heimkommt, bricht der Wirbel los. Pausenlos klingelt das Telefon. PR-Berater, der Chef des Bekleidungshauses Tlapa (er will Natascha einkleiden), Journalisten, Anwälte, Versicherungsleute, alle melden sich, aus dem Inland und dem Ausland. In den Nachrichten läuft die Meldung, dass Nataschas Entführer Selbstmord verübt hat. Ich starre auf den Schirm. Ich habe die Nachricht gehört, ich fühle nichts. Gut so, denke ich. Du hast Natascha einen Gefallen getan.

Natascha wird abgeschirmt
Brigitte Sirny beschreibt ihr Versuche, mit Natascha in Kontakt zu kommen. Die Polizei wimmelt sie ab. Dutzende Anrufe. Erfolglos. Man verbindet mich mit einer gewissen Frau Pinterits. Sie sei vom Weißen Ring, sagt man... Ich möchte mit meiner Tochter sprechen, sage ich zu ihr. Sie will nicht mit ihnen reden, sagt sie. Das will ich von ihr selber hören, von meinem Kind, sage ich. Sie antwortet nicht.

Auch weitere Versuche bleiben fruchtlos. Zwölf Stunden habe ich versucht, an meine Tochter heranzukommen ... Man lässt mich nicht zu ihr. Man sagt mir nicht, wo sie ist. Man hat sie mir zum zweitenmal entrissen. Mein Leben in der Hölle hat wieder von vorne begonnen.

Attacke gegen Psychiater
Natascha Kampusch wird von Kinderpsychiater Dr. Max Friedrich betreut. Der Kontakt mit Brigitte Sirny ist gestört. Dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten ist die Wissenschaft. Seriös. Akademisch. Unangreifbar. Laien haben nichts verloren in diesem Kreis der Ehrbaren. Sie haben das Kommando. Sie sind die Autoritäten. Sie sind die Obrigkeiten.

Und weiter: Ich zweifle nicht daran, das sie Natasch halfen wollen. Ich verzweifelte an der Art, wie es passiert. Medizinische Fragebögen statt einer Umarmung? Klinische Kälte statt Wärme von daheim?

Brigitte Sirny beschreibt ein Telefongespräch mit Friedrich. Sie hatte sich an eine Journalistin gewandt, ihr das Herz ausgeschüttet, dass sie nicht zu Natascha gelassen wird. Was bilden sie sich eigentlich ein, Frau Sirny? Am Telefon war der Professor nicht so freundlich wie vor der Kamera. Man könnte auch guten Tag sagen. Friedrich hier. Ich kam gar nicht dazu, zu fragen, warum ihn auf einmal mein Geisteszustand interessiert... Unterlassen Sie solche Alleingänge. Ende des Gespräches. Ähnliche Befehle höre ich den ganzen restlichen Tag. Es ist Samstag. Der dritte Tag, an dem ich mein Kind nicht sehe... Meine Tochter gehört nicht mehr mir.

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