Toten Hosen im Talk

'Haben viele Ängste'

© Slavica

Toten Hosen im Talk

Etwa mit dem Vorverkaufsstart kommenden Samstag, den 1. 12., für das Machmalauter-Konzert in Wien (das allerdings erst in einem Jahr, am 12. 12. 2008 stattfinden wird). Dazu bekommt die „letzte Deutsche Punkband“, so der Adelstitel vieler Medien, am Donnerstag, 6. 12. die 1Live Krone für ihr Lebenswerk verliehen (http://www.einslive.de/musik/extras/die_toten_hosen/index.jsp).

Der doch sehr frühe Vorverkaufsstart drängt zu fragen auf, haben die Hosen möglicherweise Angst, die und sieben weitere Hallen im Zuge der Machmalauter-Tour 2008 nicht mehr füllen zu können?

ÖSTERREICH bat Sänger Campino um Antwort und nutzte die Chance außerdem mit ihm über sein aktuellen Filmprojekt Palermo Shooting von Wim Wenders sowie sein Leben in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Für die innigsten Fans gibt es für die Dauer des Wartens bis zum Konzert eine (auch stückweise käufliche) Sammelbox mit überarbeiteten sowie durch Bonus-Songs, Interviews und Videos aufgepeppten 17 Alben, die original zwischen 1983 und 2002 aufgenommen wurden.

Informationen zur Tournee und der Sammel-Edition gibt es auf der Homepage der Band unter www.dietotenhosen.de.

Tickets für das Tote Hosen Konzert am 12. 12. 2008 ab 1. 12. unter Ö-Ticket 01/ 960 96 888 und unter www.musicticket.at

ÖSTERREICH: Jede Menge Jubiläen zu feiern in diesem Jahr. Im Sommer war dein 45. Geburtstag. Ein Fest? Darf man das überhaupt laut aussprechen?

Campino: Die Lautstärke, in der man das ausspricht ändert nichts an der Tatsache. Ich weiß noch nicht einmal, was ich an dem Tag gemacht habe. Es ist also kein besonders legendäres Geburtstagsdatum für mich. Ich feiere Feste lieber spontan und nicht aus einem Ritual heraus. So ein Geburtstag ist außerdem kein Bombentag für mich. Das ging schon früh los. Denn ich hasse Überraschungen und meine Mutter wollte immer Überraschungsfeste für mich veranstalten. So ist das nun mal, wenn die Mutter es gut mit einem meint.

ÖSTERREICH: Dann war aber wenigstens das 25-jährige Jubiläum der Hosen eine zu feiernde Dringlichkeit?

Campino: Eigentlich wäre das ein Anlass. Doch wir schwächelten und haben nichts Großes draus gemacht. Beim Relaunch der Scheiben haben wir viel Zeit miteinander verbracht und die genutzt uns gemeinsam an das Erlebte zu erinnern. Mit dem Hören des ganzen Materials haben wir also Erinnerungen wieder ausgegraben, die anders einfach verschüttet wären.

ÖSTERREICH: Kann man abschätzen, wie lange ihr daran gearbeitet habt?

Campino: Da vergingen ein paar Wochen. Aber auch nur, weil wir das nicht richtig ernst genommen haben. Es ist als nur als kleine Geste gemeint für die ganz, ganz harten Fans, die Freude daran haben zu hören, wie ein Demo zum Studiotrack gerät. Ich kann das nachvollziehen, weil ich mich an jeder noch so schlechten B-Seite der Ramones erfreue.

ÖSTERREICH: Hast du selbst solche Box-Sets zuhause?

Campino: Klar, ganz viele sogar. Ich hab das Gesamtwerk von Johnny Cash, Led Zeppelin, Aerosmith, von AC/DC, Alice Cooper. Nicht jede Punkband hat zwar so eine Box heraus gebracht, aber ich hab die obskursten Dinge rumstehen. Ich bin zu sehr Musikfreund, als dass ich mich darauf beschränken würde, was man dem Hörer auf Standard-Studioalben so zutraut.

ÖSTERREICH: Du gehörst nicht zu denen, die nach so vielen Jahren genug von Musik haben.

Campino: Diese Geisteshaltung geht mir völlig ab. Mein All-Time Lieblingslied von Elvis Costello („Love For Sale“) zum Beispiel ist so ein Outtake, der nicht groß veröffentlicht wurde und irgendwann mal als Bonustrack auf eine Platte gepackt wurde. Es würde mich freuen, wenn jetzt jemand in unserem Bonusmaterial sein liebstes Stück findet.

ÖSTERREICH: Durch die Bank wirken die siebzehn CD-Cover sehr verspielt. Ein richtiger Eindruck?

Campino: Ein bisschen Unbekümmertheit tut jedem Menschen gut. Warum soll es erstrebenswert sein, immer vernunftgebunden wie ein „Erwachsener“ zu reagieren. Wir haben uns von Anfang an auch mit dem Coverdesign sehr viel Mühe gegeben. Wir konnten vielleicht nicht wie die Weltmeister spielen und waren keine guten Techniker. Aber wir haben uns immer Mühe gegeben und wert auf Details gelegt, die wir auch als Fans anderer Bands schätzten. Das sieht man den Covers auch an. Insofern passt „verspielt“ ganz gut.

ÖSTERREICH: Hätte man sich am Anfang gedacht, man würde mal 25 Jahre Tote Hosen feiern?

Campino: Nein, man wäre weggelaufen, wenn man das gehört hätte. Wenn ich im Tal stehe und den Berggipfel beobachte und jemand sagt: „Da geht’s rauf“, dann sage ich: „Danke, das könnt ihr alleine machen,“ und vertschüsse mich in eine Kneipe. Aber wenn man Stück für Stück vorangeht und nicht zu weit nach oben guckt, wundert man sich, dass man doch zügig voran kommt.

ÖSTERREICH: Gut, dann wagen wir es genau ein Jahr in die Zukunft zu blicken, denn dann kommt ihr nach Wien. Warum aber beginnt der Ticketvorverkauf schon ein Jahr im Vorhinein?

Campino: Tourneen mit Hallen in der Größenordnung muss man heute aus logistischen wie organisatorischen Gründen mindestens eineinhalb Jahre im Vorhinein buchen. Wir haben jetzt also das Datum fixiert und können die Tickets verkaufen. Auch die Fans sind damit beruhigt, denn sie wissen jetzt, dass wir uns endlich wieder gedenken zu erheben um ein bisschen Spaß in die Republik zu tragen.

ÖSTERREICH: Ihr glaubt aber nicht, dass ihr ein Jahr Zeit braucht um die Hallen zu füllen?

Campino: Wir haben viele Ängste aber diese noch nicht. Die paar Hallen werden wir schon voll kriegen.

ÖSTERREICH: Außerdem steht ihr gerade im Studio und nehmt ein neues Album auf. Wann darf man mit einer neuen Platte rechnen?

Campino: Ende des Jahres (2008, Anm.), so alles gut läuft. Wir lassen uns schon ein bisschen Zeit, denn die CD muss eine Granate werden. Wir haben den Anspruch nicht nur ein weiteres Album zu produzieren, sondern einen Schlüsselmoment festzuhalten. Wir haben lange genug Pause gehabt um jede Menge zu reflektieren und wollen diese Entspanntheit in die Platte mit einbringen. Ich war mit „Zurück zum Glück“, der letzten CD, nicht sehr zufrieden. Jetzt möchte ich, wollen die Toten Hosen, den in der Pause entwickelten Hunger ausnützen. Ich habe jetzt das Bedürfnis, raus zu gehen und den Leuten die Sachen wieder richtig um die Ohren zu hauen.

ÖSTERREICH: Du sprichst eine längere Pause an, die ihr eingelegt hattet.

Campino: Wir können uns längere Zeiten ohne Einnahmen leisten. Das ist der Luxus den wir uns gönnen.

ÖSTERREICH: Da schwingt schon sehr viel Dankbarkeit mit. Die Bodenhaftung habt ihr nie verloren.

Campino: Dankbarkeit und Demut sind einfach geboten. Mit jedem Tag, den wir mehr miteinander verbringen wird uns unser Glück bewusster. Im Vergleich zu so vielen anderen Bands, die unglaublich mehr Talent hatten und haben als wir, haben wir eine ordentliche Portion Glück gehabt. Wir sind ein in uns geschlossenes Phänomen, weil wir seit 25 Jahren befreundet sind und bis heute keine schriftlichen Verträge untereinander haben.

ÖSTERREICH: Ihr seid demnach eine Band mit Handschlagqualität.

Campino: Untereinander ja, die Geschäftsleute nach außen trauen uns jedoch nicht in dem Maß, dass ein Handschlag reichen würde.

ÖSTERREICH: Nebenbei bist Du auch als Schauspieler aktiv, hast gemeinsam mit Dennis Hopper oder Milla Jovovich für „Palermo Shooting“, für den neuen Wim-Wenders-Film als Hauptdarsteller vor der Kamera gestanden.

Campino: Die Arbeit mit diesen Menschen kann man nicht in Worte fassen. Es war ein tolles Abenteuer und ist ein schöner Film. Ich hoffe, dass ich den Erwartungen des Regisseurs gerecht werde und zurückgeben kann, was ich mir an Spaß abgeholt habe. Dennis Hopper, der den Tod spielt, war echt in Form. Die Zeit mit ihm war mir Lektion, Ehre und Spaß zugleich. Er ist ein unglaublich konzentrierter Mann. Dasselbe gilt für Milla Jovovich, die ein totaler Profi ist und niemals den großen Hollywood-Star raushängen ließ. Sie ist mir zugänglich, ermutigend und total ausgeglichen begegnet.

ÖSTERREICH: Hat deine Rolle als Macki Messer in der Dreigroschenoper deine Reputation als Schauspieler gesteigert? Ist Wim Wenders, zum Beispiel, auf dich zugekommen, weil er dich in Berlin gesehen hat?

Campino: Oder besser, trotzdem? Nein, ich glaube, die Idee mit mir zu Drehen hatte er schon länger. Man kann die beiden Arbeiten auch nicht vergleichen. Film und Theater hat eine Nähe wie Handball zu Fußball. Mehr als den Ball teilen sich beide Sportarten nicht. Von daher kann ich sagen, ich war als Schauspieler in beiden Fällen darauf angewiesen, dass mich jemand mit Ahnung führt. Im ersten Fall war das Klaus Maria Brandauer, dann Wim Wenders. Beides sehr verschiedene Typen, doch beide eine unermessliche Bereicherung für mein Leben.

ÖSTERREICH: Etwas zur Zeit der Dreigroschenoper im vergangenen Herbst enthüllte die „Bild“ die Trennung von Karina Krawczyk, deiner damaligen Lebensgefährtin. Eine der wenigen Male, dass dein Name in den Klatschspalten auftauchte.

Campino: Ich hätte auch diese Tatsache damals am liebsten verschwiegen. Es war mir unangenehm, dass die Meldung in die Medien kam. Wir haben es trotzdem geschafft die Geschichte so gut es ging abzuwürgen indem man sich nicht weiter dazu äußerte. Es muss für mich eine Grenze geben, die nicht überschritten wird, damit ich mich unbeobachtet fühle. Für andere Leute gilt die Philosophie: „Ich stehe in der Gala, also bin ich.“ Boris Becker zum Beispiel. Wenn er unter dem Titel: „Boris Becker, jetzt rede ich“ sein Privatleben ausbreitet, dann ist es logisch, dass es zum öffentlichen Thema wird und sich jeder seine Meinung dazu bildet. Doch die Geister, die man mit derlei Verhalten ruft, wird man nicht mehr los. Öffentlichkeit ist steuerbar. Nur wenig Menschen, wie die englische Königsfamilie etwa, die auf Schritt und Tritt verfolgt werden, können wirklich nichts gegen diese Öffentlichkeit tun. Doch ich finde es armselig, wenn sich Stars, die keine Geldnöte plagen, für Produkte Werbung machen, zum Beispiel für Klamotten, nur damit sie diese Sachen dann geschenkt bekommen. Das ist banal, hohl und schwachsinnig.

ÖSTERREICH: „Ich stehe in der Bunten, also bin ich“ ist auch zukünftig keine Option für dich.

Campino: Bestimmt nicht. Ich hoffe, dass ich diesen Tag nie erleben werde. Ich will auch nicht, dass privates von meinem Beruf und dem, was ich zu sagen habe, ablenkt. Ich bin, in dem was ich tue und sage ja immer auch privat. Ich spiele doch keine Rolle, sonder bin, wie ich bin.

ÖSTERREICH: Zuletzt noch eine Frage. Nennt dich noch irgendjemand Andreas?

Campino: Ich gebe eine kleine Anekdote zum Besten. Giovanna Mezzogiorno, die auch mit mir „Palermo Shooting“ drehte, weigerte sich mich Campino zu nennen. Weil „Campino“ in Italienisch soviel bedeutet wie „kleines Feld“. Sie hatte keine Lust dauernd nach dem „kleinen Feld“ zu rufen. Und so war Giovanna Mezzogiorno die letzte, die mich Andreas nannte.

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