Loy inszeniert

Theater an der Wien

Loy inszeniert "Charodeyka"

Tschaikowski hielt sie für seine beste Oper. Dennoch hat sich "Charodeyka" (Die Zauberin) nie wirklich durchgesetzt. Am Theater an der Wien inszeniert Christof Loy nun diese Rarität der russischen Opernliteratur und gerät über die Oper und Hauptdarstellerin ins Schwärmen: "Diese Oper hat 130 Jahre auf Asmik Grigorian gewartet. Tschaikowski wäre glücklich." Premiere ist am Sonntag.

Von Intendant Roland Geyer aufgefordert, für die Eröffnung der Spielzeit 2014/15 nach einem selten gespielten russischen Stück Ausschau zu halten, dessen Neuinszenierung sich lohnen würde, stieß Loy auf alte Aufnahmen, die ihn sogleich faszinierten. "Obwohl ich da noch gar nicht gewusst habe, was in dieser Oper überhaupt passiert, habe ich das unglaubliche dramatische Potenzial gespürt", sagt der Regisseur, der sich erst danach das Libretto besorgen konnte. "Auch in Russland ist 'Charodeyka' eine ziemliche Rarität. Ich glaube, das liegt daran, dass Tschaikowski damit etwas gemacht hat, das für das Publikum schwer einzuordnen war. Es ist ein vieraktiges Stück, bei dem jeder Akt seine spezielle Atmosphäre hat und ungefähr so lange dauert wie eine Tschaikowski-Sinfonie. Eigentlich kann man an dem Abend vier dramatische Sinfonien erleben."

Idealbesetzung
Im Zentrum der Handlung der 1887 im St. Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführten Oper steht die Gastwirtin Nastasja, genannt Kuma. "Sie hat etwas von dem, was früher Männern Angst gemacht hat. Sie ist als Witwe alleinstehend, kennt wohl die Einsamkeit sehr, ist aber auch eine attraktive Frau, die das Leben liebt und sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Männern gemacht hat." Mit der als Kind armenisch-litauischer Eltern in Vilnius geborenen Sopranistin Asmik Grigorian, die ihr Debüt am Theater an der Wien gibt, habe er eine Idealbesetzung gefunden, sagt der Regisseur: "Sie lässt sich mit einer fast schon erschreckenden Intensität auf diese vielschichtige Rolle ein. Außer der 'Butterfly' kenne ich kaum eine Oper, in der eine Sängerin seelisch wie sängerisch so durchgehend gefordert ist."

Der in Kumas Gasthaus am Fluss spielende erste Akt, "ein extremer Chor-Akt", bei dem der rund 60-köpfige Arnold Schoenberg Chor fast durchgängig auf der Bühne ist, zeigt eine tolerante Gesellschaft, in der auch politisch und gesellschaftlich Geächtete Zuflucht finden. "Die psychologisch komplexen Figuren scheinen dem Leben zugewandt." Der zweite Akt kommt plötzlich ohne die Protagonistin aus und führt in die familiäre Enge rund um den Fürsten Kurtjatew, in dessen Sohn Juri sich Kuma verliebt hat. Neurotische Erwachsene treffen auf die pubertierende und revoltierende Jugend. "Es herrscht eine russische Tennessee-Williams-Atmosphäre."

Horror-Szenario
Die Engführung setzt sich fort: Der dritte Akt besteht nur aus zwei großen Zweier-Szenen. Im Schlussakt "kommen alle Ängste und Bilder hoch, die man aus Kindheitstagen kennt", in einem Wald treffen Märchen- und Zaubermotive aufeinander, findet das Unterbewusstsein seinen Ausdruck. Am Ende regieren Mord und Totschlag. "Es ist ein Horror-Szenario, das traumatisch, ja alptraumatisch ist. Es kommt auch musikalisch zur Katastrophe. Da zählt die Musik zum Schroffsten, das ich aus der Opernliteratur des 19. Jahrhunderts kenne. Die Musik ist da wirklich unversöhnlich. Sie ist der Schritt vor der 'Pathetique'."

Der gebürtige Essener, der sein Wien-Debüt 1997 mit George Bernard Shaws "Haus Herzenstod" am Theater in der Josefstadt gab, arbeitete in den vergangenen Jahren immer wieder in Wien. An der Staatsoper musste er für seine "Alceste"-Regie 2012 auch einige Buhs einstecken. Kann man sich am Theater an der Wien mehr trauen als am Haus am Ring? "Natürlich kaufen sich die Leute hier vermutlich aus anderen Gründen Karten als an der Staatsoper", meint der Regisseur, will sich aber auf Vergleiche nicht weiter einlassen. Gerade heute zähle die Gemeinsamkeit mehr als die Konkurrenz: "Wir brauchen so viele Opernhäuser wie nur möglich in der Welt!"

Macht sich die allgemeine Finanzkrise im deutschsprachigen Theater- und Opernbetrieb auch für einen viel gefragten freien Regisseur wie Christof Loy bemerkbar? "Auf dem Level, auf dem ich arbeite, bekommt man das nicht so zu spüren. Aber in den kleineren Theatern ist die Lage bedrohlich. Da herrschen teilweise menschenunwürdige Bedingungen, da weiß man nicht, wie die dort Arbeitenden von den Gagen ihre Mieten bezahlen können. Diese Theater sind aber das Fundament des gesamten Systems. Wenn das ins Wanken kommt, wird es für alle gefährlich."

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