ÖSTERREICH-Interview

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Udo Jürgens: Haider-Attacke

Udo ist 75, sieht blendend aus und kritisiert in seinen Chansons und Statements kleinkariertes Denken. Am 17. März wird er zum Musical-Helden.

Show. In Hamburg sahen über eine Million Besucher das Udo-Musical Ich war noch niemals in New York. Und die Kritiken waren extrem positiv. Am 17. März startet die Show im Wiener Raimund Theater: Librettist Gabriel Barylli hat die Story auf Wiener Verhältnisse umgeschrieben - sie ist gespickt mit zwanzig Udo-Hits von Mit 66 Jahren über Vielen Dank für die Blumen bis Aber bitte mit Sahne.

Der Plot ist schnell erzählt: Eine ältere Dame, die sich von ihrer Tochter - einer emsigen TV-Moderatorin - im Stich gelassen fühlt, brennt mit ihrem ­betagten Lover auf einem Kreuzfahrtschiff durch. Zielhafen ist New York, wo die beiden unter der Freiheitsstatue ein Zeichen setzen und heiraten wollen. Turbulent wird es, als die Tochter und der Sohn der rüstigen Ausreißer deren Spur aufnehmen ...

Musical-Stoff
"New York, das ist ein Jugendtraum der beiden“, kommentiert Udo Jürgens im ÖSTERREICH-Interview die Handlung. „Und dann kommt der Tag, wo die zwei Alten sagen: ,Jetzt machen wir’s!‘ Das ist eine Lebenseinstellung, die ich voll unterschreibe. Mann kann auch in älteren Jahren die Weichen seines Lebens neu stellen. Ich habe das selber einige Male praktiziert, auch in höherem Alter. Es ist nie zu spät, wenn man sich bedrängt fühlt, beengt fühlt, seinem Leben eine Wende zu geben. Das ist der Stoff, aus dem auch Musicals sind.“

Kurz vor dem Interview, erzählt Jürgens, habe ihn eine Frau auf der Straße angesprochen und ihm dazu gratuliert, dass er nicht nur in seinen Chansons, sondern auch in Interviews gesellschaftliche und politische Probleme ganz offen thematisiere. Die Mehrzahl seiner Fans würde das sympathisch finden. Aber natürlich bekomme er auch Drohbriefe, in denen man ihn in rüdem Ton außer Landes wünsche.

Feindbild
Gegenüber ÖSTERREICH nimmt sich Jürgens dann auch bezüglich seines Landsmannes Jörg Haider kein Blatt vor den Mund: „Zum Feindbild hat sich Haider durch die Nähe zu faschistischem Gedankengut selbst stilisiert. Wer nicht gelernt hat, dass dieses Gedankengut das blanke, pure Gift ist, dem kann man nicht helfen.“

ÖSTERREICH: Wie oft waren Sie schon in New York?
Ich hab’s nicht gezählt, aber ich schätze sechzig Mal.

Mögen Sie New York?
Das ist die zentrale Stadt weltweit. Es ist die Stadt, in der Menschen aus aller Herren Ländern miteinander leben: alle Hautfarben, alle Religionen, alle Rassen. Es ist ein Ort, wo jJeder Abschied nehmen muss von kleinkariertem Denken, von Ausländerfeindlichkeit.

New York als Vorbild?
Auf jeden Fall. Denn in Wien gab es zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ja auch dieses vorbildliche Miteinander von Juden und Slawen und Germanen und Romanen ... Diese Rolle hat New York längst übernommen.

Hierzulande geht es weniger vorbildlich zu
Vorbildlich kann man dass wirklich nicht nennen... Aber wir dürfen uns nicht so wichtig nehmen. Wir sind ein winziges Land, in dem es leider ein paar kleinkarierte Denker gibt, die glauben, eine „Insel der Seligen“ zu sein und sich herausschälen zu müssen aus einer Völkergemeinschaft. Das ist nicht nur ein falscher, sondern auch ein Ansatz, der niemanden glücklich macht. So kann man nicht denken.

Fürchten Sie H. C. Strache?
Ich persönlich fürchte mich nicht vor Strache. Aber ich weiß, dass es keine zukunftsweisende Richtung für Österreich sein kann, wenn man jetzt wieder auf ausländerfeindliches Gedankengut zurückgreift. Wir müssen uns an europäische Richtlinien halten. Wir sollten – so wie Deutschland oder Frankreich – weltoffen sein. Diesbezügliche Ängste sind unbegründet, wir wären schon, hätten wir den Euro nicht, längst in den Abgrund gerutscht. Der Euro ist eine der genialsten Erfindungen des Jahrhunderts. Ich bekenne mich als erster europäischer Patriot!

Sie waren ja ursprünglich dafür, dass Haider Landeshauptmann wird...
...daran erinnere ich mich zwar nicht. Aber ich kannte ihn sehr lange, und es gibt ja wahrscheinlich auch keinen Kärntner, der ihn nicht persönlich kennengelernt hat. Er war überall präsent, sehr intelligent, und es gab eine Zeit, in der man von seiner faschistoiden Gesinnung noch nichts ahnte. Zum Feindbild hat sich Haider durch die Nähe zu faschistischem Gedankengut selbst stilisiert, lavierend oder bekennend – das konnte man nicht ertragen! Wer nicht gelernt hat, dass dieses Gedankengut das pure Gift ist, dem kann man nicht helfen.

Werner Schneyder sagt: "Der Rattenfänger blies auf der Flöte, seine Epigonen aus dem letzten Loch.“
Das ist ein griffiges Bild, das einem Kabarettisten gut zu Gesicht steht. Und es trifft ja auch irgendwie zu. Es ist ein Drama, das da geschehen ist … Ich muss sagen: Ich kenne wunderbare Menschen in Kärnten! Nicht alle Kärntner sind Nazis! Nicht alle Kärntner sind dumpf! Und sowohl in der Kunst als auch in der Industrie gibt es weltweit geniale Menschen aus Klagenfurt, Villach und Spittal... Das wahre Drama ist aber, dass die Kärntner mehrheitlich noch nicht begriffen haben, dass diese grauenvolle Hypo-Alpe-Adria-Affäre von Haider selbst eingefädelt worden ist! Und das hätte ja beinahe ganz Österreich in eine griechische Schräglage gebracht! Letztlich müssen alle Österreicher, alle Steuerzahler den Kopf dafür hinhalten – ich hoffe, dass die Leute langsam die Dramatik begreifen.

Sie leben in Zürich – wie haben Sie auf die Minarett-Abstimmung reagiert?
Die Schweiz hat in dieser Beziehung ähnliche Probleme wie Österreich. Kleine Länder haben immer einen großen Komplex gegenüber dem großen Nachbarn: Für die Schweiz sind das "die Schwabe“, für Österreich "die Piefke“.

Erika Pluhar sagt, man kann ruhig auch mit 70 auf die Bühne. Nur sollte man Würde bewahren...
Eine kluge Frau! Die Würde bekommt jeder Mensch mit. Nur verlieren wir sie, indem wir uns anpassen oder - das trifft jetzt fürs Showbusiness zu -, indem wir uns zum Kasperl machen. Wenn ich mir einbilde, ich muss in allen Medien ständige Präsenz zeigen, und ich muss mich mit Gewalt "jungoperieren“, dann werde ich meine Würde verlieren.

Sie haben sich nie operieren lassen?
Solche Operationen würde man deutlich sehen. Diese Hollywood-Gesichter sind in ein Korsett gezwängt und können sich nicht mehr frei bewegen.

Wie schaffen Sie es, jünger ausschauen – Keith Richards gelingt das nicht.
Der hat aber auch immer extremst am Abgrund gelebt, und das sieht man natürlich. Ich selbst ­habe rechtzeitig zu rauchen aufgehört, ich habe rechtzeitig zu trinken aufgehört. Ich bin kein Antialkoholiker, aber ich ernähre mich vernünftig. Ich habe auch nicht mehr so viel Hunger wie mit 30 Jahren!

Könnten Sie ohne Bühne leben?
Ich glaube schon... Ich denke aber, dass der Abschied schmerzlich wird. Für mich ist die Bühne eine echte Lebensaufgabe, ich arbeite sehr ernst an meinem Lebenswerk. Vielleicht nehme ich es manchmal zu ernst und verliere dann und wann die Leichtigkeit des Seins.

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