Haider:

ÖSTERREICH-Interview

Haider: "'Verschissen' bereue ich"

Wenn jemand in Österreich weiß, wie man sich mit Klischees aller Art arrangiert, dann Alfons Haider. Seit Donnerstag ist seine Sammlung um zwei Begriffe reicher: „Nestbeschmutzer“ nennen ihn die einen, „Held“ die anderen.

Stein des Anstoßes: Sein Skandal-Sager in der Late Night Show „Willkommen Österreich“. Das Land sei „verschissen und verlogen“, meint er da. Und sagt weiter: „Es ist so, wir leben in einem Land, wo so viele Frauen und Kinder verprügelt werden, und die Gfraster schauen zu.“ Zwei Sätze, die Österreich blitzartig auf die Palme bringen.

Haider bereut
Wie konnte es so weit kommen? Ein kurzes Hickhack über sein Schwulen-Outing vor 12 Jahren zwischen Haider und dem Moderatoren-Team Grissemann und Stermann reichten, um den stets stilsicheren ORF-Star aus der Fassung zu bringen. Was Alfons Haider nun bereut: „Als Moderator darf ich mich nicht hinreißen lassen. Das einzige Wort, das ich wirklich bereue, ist „verschissen“, weil es aus der Emotion kam. Inhaltlich sage ich schon seit Jahren, dass wir in einem verlogenen Land leben.“

Seither diskutiert das Land: Darf ein ORF-Moderator derart über Österreich herziehen? „Auswandern“, fordern die Intoleranten, „Gratuliere“, meinen die Liberalen. Und die FPÖ hat ein neues Feindbild gewonnen: Alfons Haider. Die Wiener FPÖ fordert ORF-Chef Wrabetz sogar auf: „Haider von allen Moderationstätigkeiten abzuziehen und auf dessen Mitarbeit künftig zu verzichten. Nestbeschmutzer dürfen keinesfalls auch noch belohnt werden.“

Wie vor 12 Jahren
Alfons Haider selbst hat das Gefühl eines Deja-Vus. „Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmals in eine ähnliche Situation wie vor 12 Jahren nach meinem Outing komme. Ich habe es bis jetzt erst zweimal in die ZiB geschafft. Vor zwölf Jahren und jetzt“, sagt Alfons Haider zu ÖSTERREICH.

Während in Haiti 40.000 Menschen mit Baggern in Massengräbern beerdigt werden, diskutiert Österreich über den Ausrutscher eines TV-Moderators. Oh, du glückliches Österreich.

ÖSTERREICH: Herr Haider, haben Sie mit Ihrem „Verschissen-Sager“ Ihr Image als Traumschwiegersohn verloren?

Alfons Haider: Und damit sind wir schon beim Hauptproblem, dass man Menschen in „Kastln“ steckt. Ich bin nicht das Hochglanzgesicht, als das man mich gerne beschimpft, sondern es gibt auch einen privaten Haider, der eine eigene Meinung hat.

ÖSTERREICH: Und die lautet, dass Österreich verschissen und verlogen ist?

Haider: Das einzige Wort, das ich wirklich bereue, ist verschissen, weil es aus der Emotion kam. Und als Moderator darf ich mich dazu nicht hinreißen lassen. Inhaltlich sage ich schon seit Jahren, dass wir in einem verlogenen Land leben. Es ist schon lustig, dass man erst als Mensch wahrgenommen wird, wenn man das Wort „verschissen“ sagt. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich nur verlogen gesagt hätte. Wahrscheinlich gar nichts. Da sieht man, dass es nur um Sager, Aufmacher und Quote geht.

ÖSTERREICH: Was war das Schlüsselwort, das Sie zum Auszucken gebracht hat?

Haider: Ich versuche seit vier Jahren bei allen Interviews im Vorhinein auszumachen, dass wir nicht über meine Sexualität sprechen. Und wie das Amen im Gebet, ist die erste oder zweite Frage, die „Schwulen-Geschichte“. Ich habe das in „Willkommen Österreich“ ja auch abgefangen. Der Christoph Grissemann ist ein höchst intelligenter Moderator und er hat genau gewusst, in welche Wunde er schlagen muss. Ich habe dann zweimal scharf reagiert. Dann kam ein schwuler Witz und ich habe mir gedacht: Okay, jetzt sage ich, was ich mir denke.

ÖSTERREICH: Was ist denn nun in Österreich beschissen und was nicht?

Haider: Nicht beschissen ist, dass Österreich ein super Land ist mit einer herrlichen Lebensqualität. Gefährlich finde ich den Trend zu den reaktionären Rechten. Ich finde es unverantwortlich, dass den Randgruppen alles in die Schuhe geschoben wird. Verbrecher gibt es dort wie da. Oder: Der Fall Arigona. Vor drei Jahren war es schick, für Arigona zu demonstrieren. Jetzt ist das Mädchen unser Todfeind. Nicht sie ist schuld, sondern der Gesetzgeber, der acht Jahre für einen Bescheid braucht.

ÖSTERREICH: Sie hören sich wie ein Politiker an ...

Haider: Ich möchte in diesem Land um nichts in der Welt Politiker sein. Unsere Politiker tun mir in der Seele leid. Die können nicht regieren, sondern nur mehr auf Medienbeschüsse reagieren.

ÖSTERREICH: Haben Sie Angst, dass Ihnen der „Verschissen-Sager“ den Opernball kosten könnte?

Haider: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe in den letzten 15 Jahren 1.400 Sendungen moderiert und kein einziges Mal eine persönliche Meinung abgegeben. Ich war in „Willkommen Österreich“ als Privatperson und nicht als Moderator. Ich habe mit der ORF-Führungsspitze gesprochen, es denkt niemand daran, mich auszutauschen. Mein Programmdirektor hat mit sogar gratuliert. Lächerlich, dass ich am Opernball auszucke und eine Dame beschimpfe.

ÖSTERREICH: Es gibt Menschen, die meinen, Sie sollten auswandern ...

Haider: Ich denke gar nicht daran. Ich liebe dieses Land! Ich liebe Österreich! Und ich lasse mir auch von niemandem vorschreiben, dass ich mich zu entschuldigen habe. Es gäbe nur einen Grund für mich auszuwandern, wenn eine rechtsdrehende Bundesregierung an der Macht wäre.

ÖSTERREICH: Ihre Mutter wurde nach Ihrem Outing vor 12 Jahren verprügelt. Was hat Sie jetzt gesagt?

Haider: Meine Mutter ist aufgestanden und hat zu mir gesagt: Ich bin stolz auf dich. Dieses Bravo ist mir besonders viel Wert.

ÖSTERREICH: Wie waren die Reaktionen auf Ihren verbalen Ausrutscher?

Haider: Von 100 Reaktionen sind 90 positiv. Sogar von Menschen, die mit mir noch nie etwas zu tun haben wollten. Es ist schon klar, dass ich diesen „Discofeschisten“, die sich im rechten Lager sammeln, nicht gefalle. Aber ich bin nicht auf die Welt gekommen, um allen zu gefallen.

ÖSTERREICH: Bereuen Sie die Entgleisung?

Haider: Ich hätte nie geglaubt, dass ich nochmals fast die gleiche Situation wie vor 12 Jahren nach meinem Outing erlebe. Aber es gibt für mich nur eine Heimat und das ist Österreich, mit allen besch....... Problemen, die es gibt.

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