05. Oktober 2008 11:37
Im ÖSTERREICH-Interview erzählt sie vorab über Familienpläne, warum sie
regelmäßig das Entführerhaus besucht und dass sie ein Buch über die Jahre im
Verlies schreiben will.
Selbstbewusst sieht sie aus. Und hübsch. Sie hat sich gemausert. Aus dem
scheuen Verbrechensopfer ist eine junge Frau geworden, die weiß, was sie
will. Sie lächelt sogar für den Fotografen, obwohl sie das hasst. Wenn
Fragen kommen, die ihr zu nahe gehen, will sie nicht antworten.
Trotzdem: Es ist ein erstaunlich offenes Interview, das Natascha gegeben
hat. Sie redet erstmals über ihre Wahlfahrten, das Entführerhaus (das sie
gekauft hat und immer wieder besucht), ihren Kinderwunsch – noch fern, aber
klar in Sicht.
ÖSTERREICH: Frau Kampusch, heute wird Ihre dritte Sendung ausgestrahlt.
Warum haben Sie Veronica Ferres als Gast ausgewählt?
Natascha Kampusch: Ich kannte sie nur aus dem Fernsehen und wusste, dass
sie im „Jedermann“ gespielt hat. Ausschlaggebend war aber sicher ihr Verein
Powerchild und ihr Engagement gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern.
ÖSTERREICH: Was empfinden Sie, wenn Sie sich Ihre Sendung ansehen?
Kampusch: Bei den Aufzeichnungen fühle ich mich nicht so wohl und denke
oft: um Gottes Willen, alles gehört vernichtet. Wenn ich mir dann die
fertige Sendung ansehe, stelle ich fest: Dafür, dass ich vorher noch nie
moderiert und keine Ausbildung habe, ist es durchaus annehmbar.
ÖSTERREICH: Sie betonen oft, dass Sie nicht gerne in der Öffentlichkeit
stehen ...
Kampusch: Ja, ich hasse es, fotografiert zu werden!
ÖSTERREICH: Viele fragen sich natürlich, warum Sie sich dann mit einer
Sendung oder Auftritten wie bei den Salzburger Festspielen selbst ins
Scheinwerferlicht begeben ...
Kampusch: Das ist etwas anderes. Dafür entscheide ich mich ja bewusst.
Außerdem würde man mich so und so fotografieren und anstarren.
ÖSTERREICH: Sprechen Sie die Menschen auf der Straße an?
Kampusch: Ja, ich muss mich von den Menschen anstarren lassen,
vor allem in den öffentlichen Verkehrsmitteln, mit denen ich zu meinen
Terminen fahre. Manche sprechen mich ungut an. Meist sind es jugendliche,
männliche Wesen, die mich irgendwie mit Verachtung bedenken. Wahrscheinlich
aus Unsicherheit und weil sie mich lieber als leidendes Opfer sehen würden
statt als selbstbewusste Frau. Ich will eben nicht an der Vergangenheit
festhalten.
ÖSTERREICH: Wie kann man sich Ihr Leben vorstellen?
Kampusch: Die Schule hat ja jetzt wieder begonnen. Wobei ich von drei
Lehrern außerschulisch unterrichtet werde. Dazwischen gibt es Termine mit
meinem Medienberater. Und mit den Sendungsverantwortlichen bei Puls 4 muss
ich mich natürlich auch treffen.
ÖSTERREICH: Bleibt da noch Freizeit?
Kampusch: Ja. Inzwischen konnte ich mir auch einen kleinen Freundeskreis
aufbauen, dem ich vertraue. Wir gehen ab und zu ins Kino oder woanders hin.
Oder ich lese zu Hause, höre Musik und koche eine Kleinigkeit.
ÖSTERREICH: Können Sie gut alleine sein?
Kampusch: Eigentlich schon. Aber das ist ganz unterschiedlich.
ÖSTERREICH: Nehmen Sie noch psychologische Hilfe in Anspruch?
Kampusch: Ja, ich mache eine Psychotherapie. Anfangs habe ich auch eine
Physiotherapie gemacht, weil ich Probleme mit dem Rücken und mit dem Gehen
hatte.
ÖSTERREICH: Betreiben Sie auch Sport?
Kampusch: Sport ist Mord (lacht)! Nein, ich habe noch keinen optimalen
Sport für mich gefunden. Eine Zeit lang hat mich Bogenschießen fasziniert,
aber im Sommer hatte ich dafür einfach keine Zeit.
ÖSTERREICH: Wovon leben Sie?
Kampusch: Von den Einnahmen für Interviews. Die Spendengelder habe ich
nie angetastet – manche haben behauptet, ich hätte diese in meine Tasche
gesteckt. Das stimmt nicht. Ich habe die Opfer von Amstetten mit 25.000 Euro
unterstützt und auch ein zweites Projekt will ich mit einer ähnlichen Summe
fördern.
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Familie gründen
ÖSTERREICH: Sie sind seit einiger Zeit Besitzerin des Hauses, in dem Sie
Wolfgang Priklopil acht Jahre lang gefangen hielt. Gibt es dafür Pläne?
Kampusch: Noch nicht. Abreißen wäre eine Möglichkeit – aber das würde
Geld kosten und deshalb lasse ich es vorerst einmal stehen.
ÖSTERREICH: Betreten Sie das Haus noch?
Kampusch: Ja, ich muss ja überprüfen, ob alles in Ordnung ist. Aber
immer nur kurz – und es sieht heute ganz anders aus als damals, denn
Priklopils Mutter hat es ausgeräumt. Heute erinnert kaum noch etwas an die
Zeit, als ich in dem Haus festgehalten wurde, oder daran, wer einmal darin
gewohnt hat. Außerdem kann ich gut das Jetzt von dem Geschehenen trennen.
Aber es ist nicht so, dass ich in diesem Haus wohne oder wohnen möchte.
ÖSTERREICH: Könnten Sie sich vorstellen, ein Buch über Ihr Schicksal zu
schreiben?
Kampusch: Ja, aber davor muss noch viel Zeit vergehen! Denn man würde
mich dann aus einer anderen Perspektive sehen. Ich würde mir mein Leben
versperren.
ÖSTERREICH: Was halten Sie von der Untersuchungskommission in Ihrer
Causa und den Forderungen von Peter Pilz, Hinweisen auf eine Mittäterschaft
nachzugehen?
Kampusch: Ich bin im Zwiespalt: Einerseits wünsche ich mir manchmal,
dass man die ganze Sache ruhen lässt. Andererseits will ich natürlich auch,
dass Fehler geahndet werden. Zu einem möglichen Mittäter kann ich nur sagen:
Ich habe immer nur mit einem Täter zu tun gehabt.
ÖSTERREICH: Was sagen Sie zu dem Prozess zwischen Ihrer Mutter und Herrn
Wabl?
Kampusch: Ich finde die ganze Angelegenheit irgendwie lächerlich.
ÖSTERREICH: Sind sie gläubig?
Kampusch: Ja, in gewisser Weise schon, aber ich gehe nicht regelmäßig in
die Kirche. Dafür besuche ich die Kerzengrotte und die Mutter-Gottes-Figur
in Mariazell oft. Bei einem bestimmten Lichteinfall lächelt diese Figur, und
es heißt, dann ist im Leben des Betrachters alles in Ordnung. Nach Mariazell
fahre ich aber auch ganz gerne zum Shoppen.
ÖSTERREICH: Wo sehen Sie sich in zehn, zwanzig Jahren?
Kampusch: Ich hoffe, dass dann ein wenig Ruhe in mein Leben eingekehrt
ist. Vielleicht habe ich mich dann auch ganz zurückgezogen. Wer weiß ...
ÖSTERREICH: Wollen Sie eine Familie gründen?
Kampusch: Ja, ich plane schon, einmal eine Familie zu haben. Es hat sich
allerdings noch nicht die richtige Ansprechperson bei mir eingestellt
(lacht). Aber ich kann mir durchaus vorstellen, in drei, vier Jahren bereit
zu sein, auch Mutter zu werden. Als Frau hat man da ja nur eine begrenzte
Zeitspanne zur Verfügung.
ÖSTERREICH: Glauben Sie, dass Sie in fünf Jahren so weit wären, selbst
Kinder großzuziehen?
Kampusch: Ja, und man sollte ein Kind nach besten Wissen und Gewissen
erziehen und ihm alle Möglichkeiten und ziemliche Freiheit bieten.
Interview: Daniela Schimke, Albert Sachs