ÖSTERREICH-Interview: Dagmar Koller über Helmut Zilk

Der Abschied

ÖSTERREICH-Interview: Dagmar Koller über Helmut Zilk

„Ich kann nicht mehr. Wir dachten doch alle, dass er auf dem Weg der Besserung ist.“ Dagmar Koller (69) schlägt die Hände vors Gesicht. Sie weint bitterlich, dreht den Kopf zur Seite, als schäme sie sich der Tränen. Sie war immer eine starke Frau, kein Mäuslein an der Seite eines großen Mannes. Dennoch: Helmut Zilk war ihr Lebensmensch, mehr als dreißig Jahre lang – so strapaziert der Begriff im Moment auch sein mag. Hier ist er stimmig.

Zweimal sprach ÖSTERREICH in den letzten zwei Tagen mit Dagmar Koller. Am Donnerstagabend wirkte sie am Telefon fröhlich, aufgekratzt. Sie war im ORF, um ihre TV-Sendung „Hallo, wie geht’s?“ fertigzustellen.

Dann starb Helmut Zilk
Freitag um 6.40 Uhr wurde der frühere Wiener Bürgermeister im Wilhelminenspital vom Pflegepersonal geweckt. Er sollte für eine Operation um 7.30 Uhr Uhr vorbereitet werden. „Lasst mich bitte noch einen Augenblick schlafen“, bat er. Er wachte nie mehr auf.

Herzstillstand
Keine Reaktion mehr auf den Impuls des Schrittmachers. Um 7 Uhr wurde er gefunden, die Wiederbelebung nach zwanzig Minuten abgebrochen. Sofort eilte Dagmar Koller zum Sterbebett ihres geliebten Mannes. Im Interview spricht Koller über den schwersten Verlust ihres Lebens und sie sagt: „Zilk wollte nicht mehr. Er hat das Ende gespürt.“

ÖSTERREICH: Liebe Frau Koller. Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen im Namen vieler Österreicher, die mit Ihnen fühlen, das Beileid ausspreche?

Dagmar Koller: Danke. Es ist so unfassbar, dass er gestorben ist, weil es meinem Helmut Zilk (Koller nannte ihn häufig mit vollem Namen, Anm.) doch besser ging. Wir dachten doch alle, er ist auf dem Weg der Besserung. Ich bin wie bewusstlos. Ich nehme dauernd Beruhigungsmittel, weil ich noch nicht fassen kann, dass der Zilk von mir gegangen ist. Lieber würde ich einen Whisky trinken, aber ich kann seit Tagen nichts mehr essen. Das würde mein Magen nicht verkraften. Es ist so schrecklich.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie Abschied genommen?

Koller: Ja, als mich der Dr. Huber in der früh angerufen hat, bin ich sofort ins Wilhelminenspital gefahren. Der Zilk war noch warm (bricht in Tränen aus). Er ist also wirklich um 7.20 Uhr eingeschlafen. Ich habe sofort alle aus dem Zimmer geschmissen. Dann habe ich an seinem Bett stundenlang geweint. Ich habe geschrien vor Schmerz. wie ein Südländerin. Immer wieder habe ich den Zilk geküsst und geküsst. Wissen Sie, er sah so friedlich aus. Er war so schön im Tod. Sein Gesicht war ganz entspannt. Sein Kopf, der Ausdruck – so weich und sanft. Sieben Stunden bin ich noch bei ihm gesessen und habe Abschied genommen, bis die Ärzte mich gebeten haben, ihn freizugeben. Endlich hat er es geschafft. Denn Helmut wollte nicht mehr. Vor allem die Dialyse war das schlimmste für ihn. Eine Qual. Er hat oft zu mir gesagt: „Dagmar, ich will das alles nicht mehr!“ Und er hat in den letzten Tagen eine Vorahnung gehabt. Und ich auch.

ÖSTERREICH: Als wir am Donnerstagabend miteinander telefoniert haben, waren Sie noch optimistisch.

Koller: Ja, Helmut war ja auf dem Weg der Besserung. Die schreckliche Infektion, die bis zur Leiste ging, sollte am Freitag früh noch gereinigt, die Flüssigkeit entnommen werden. Die Ärzte haben auch gesagt, dass es ihm besser geht. Am Donnerstag Nachmittag war ich noch bei ihm. Er hat sich so gefreut über meinen Erfolg, den ich bei meinem Auftritt bei der Pink Ribbon Gala von MADONNA hatte. Der einzige Auftritt, den ich in den letzten drei Wochen gemacht habe. Darüber haben wir noch geredet, und er war so stolz auf mich. Aber ab drei Uhr hat er nur noch geschlafen. Das hat mich sehr beunruhigt. Er hat mich dann noch weg zum ORF geschickt. „Geh jetzt, und mache deine Sendung fertig.“ Am Abend bin ich dann gleich wieder zu ihm ins Spital. Aber da hat er nur geschlafen. Nachts um halb eins habe ich noch mal die Schwester angerufen, denn in der Nacht war er oft fitter als am Tag. Sie hat mir gesagt, dass er noch etwas gegessen hat, und dann sofort wieder eingeschlafen ist. „Er schläft so gut“, sagte sie. „Wecken wir ihn nicht auf.“ Da wusste ich, das etwas nicht stimmt. Denn wir waren doch bis zum Schluss in Liebe verbunden. Der Zilk hat noch vom Krankenbett auf mich aufgepasst; hat jede Nacht bei mir angerufen. Ich habe dann furchtbar zum Weinen angefangen. Das war wie eine Kolik. Dann habe ich noch Freunde angerufen. In der Früh kam dann der Anruf aus dem Spital ...

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ÖSTERREICH: Ihr Mann hat sich im Urlaub in Portugal an einem Kaktus den Unterschenkel verletzt. Die Entzündung wurde so schlimm, dass Sie vor drei Wochen nach Wien zurückkehren mussten.

Koller: Ach, er war ja immer so leichtsinnig. Er konnte nicht mehr richtig gehen, wir mussten ihn immer stützen und hatten Angst, dass er umfällt. Aber er wollte immer überwachen, dass wir auch ja alle seine geliebten Blumen – er hat dort alles wild wachsen lassen – in Portugal richtig gießen. Und in den letzten Tagen in Wien hat er auch schon wieder Pläne gemacht. „An Weihnachten, Dagmar“, hat er zu mir gesagt, „fahren wir wieder nach Portugal.“ Er hat immer für mich weitergemacht, weitergekämpft. Zilk hat ja auch bis zum Ende politisiert. Im Kopf war er hundertprozentig da, aber sein Körper wollte nicht mehr. Ich habe noch am Donnerstag zu ihm gesagt, er soll ein bisschen aufstehen. „Komm, wir gehen ein paar Schritte.“ Ich war richtig streng zu ihm. Dabei war ihm das so peinlich und unangenehm, dass sein Köper nicht mehr wollte. Alles hat er versucht, allein zu machen. Er hat sich nie den Löffel aus der Hand nehmen lassen, wollte allein essen. Dabei ist ihm das schon schwer gefallen. Und wenn ich ihn dann aufgestützt habe, war ihm das so furchtbar unangenehm. Er hat dann zu mir geschaut, mit seinen wunderbaren warmen Augen und hat gesagt: „Dagmar, das ich dir das alles antue.“ Er war so rücksichtsvoll. Aber ich habe ihm nur geantwortet: „Helmut, es ist doch das Schönste für mich, wenn du dich an mir festhältst.“ (Erneut bricht Dagmar Koller in Tränen aus.) Wissen Sie, ich habe die letzten zweieinhalb Jahre nichts anderes gemacht, als mich um den Zilk zu kümmern. Die Ärzte, die sich alle so wundervoll um ihn gekümmert haben, haben immer zu mir gesagt: „Dagmar, du machst ihn stark. Für dich kämpft er. Du bist die Einzige, die ihm Kraft gibt.“ Aber jetzt zum Schluss wollte er nicht mehr. Wissen Sie, auch der Dr. Huber hat zu mir gesagt, dass es fast ein Wunder ist, was sein 81 Jahre alter Körper noch alles ausgehalten hat. In den letzten zweieinhalb Jahren, in denen es ihm so schlecht ging, ist er vier Mal wieder aufgestanden und hat sogar wieder gearbeitet. Das ist doch wirklich ein Wunder.

ÖSTERREICH: Helmut Zilk hat immer gewusst, dass er vor Ihnen wird gehen müssen. Er wollte Sie auf seinen Tod vorbereiten.

Koller: Früher haben wir darüber immer Witze gemacht. Aber die letzten zwei Jahre haben wir nicht mehr darüber gesprochen, denn ich hätte sofort weinen müssen. Wir haben nicht mehr über die Zukunft geredet, sondern waren froh und dankbar für das Leben, das wir führen durften.

ÖSTERREICH: Viele Menschen legen rote Rosen vor Ihrer Haustür ab, zünden eine Kerze für ihn an.

Koller: Er war, auch wenn man den Begriff jetzt nicht mehr gern gebraucht, mein Lebensmensch. Ich bin zutiefst berührt von der Welle der Trauer und des Mitgefühls. Am Freitag hat der Bundespräsident angerufen, der Faymann und natürlich der Häupl. Alle sprechen mit größter Bewunderung über den Helmut, und er selbst war immer so bescheiden. Ich bin überwältigt von so viel Anteilnahme. Aber ich bin auch noch unter Schock. Häupl hat gesagt, ich soll mir noch Zeit lassen. Denn es soll ein Staatsbegräbnis für den Zilk geben.

ÖSTERREICH: Wer ist jetzt in Ihren schwersten Stunden jetzt für Sie da?

Koller: Helmuts Sohn Stefan ist aus Südafrika bekommen. Auch mein Neffe ist da. Mila, unser Hausmädchen kümmert sich um mich. Sie gehört zur Familie.

ÖSTERREICH: Welche Gedanken sind Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie sich gestern sieben Stunden am Totenbett Ihres Mannes von ihm verabschiedet haben?

Koller: Dass wir alles gemeinsam gemeistert haben. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren Höhen und Tiefen erlebt. Aber wir wir waren immer füreinander da. Er hat so mit mir gelitten, wenn ich auf der Bühne gestanden bin. Es war eine Gnade, die Zeit mit ihm. Helmut hat das Leben gekannt, wir kein anderer. Er hat mich geführt. Ich weiß noch nicht, wie ich ohne ihn weiterleben soll.

Alexandra Stroh

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