Galliano wegen Nazi-Pöbeleien vor Gericht

Tablettensüchtig

Galliano wegen Nazi-Pöbeleien vor Gericht

Waren diejenigen, die John Galliano anzeigten und eine der spektakulärsten Karrieren der Modewelt abrupt beendeten, vielleicht sogar seine Retter? Diese These scheint nach dem Pariser Prozess gegen den britischen Designer nicht ausgeschlossen. In dem Verfahren um Nazi-Pöbeleien räumte der 50-Jährige ein, mit der Arbeitsbelastung beim französischen Luxus-Label Dior nicht mehr zurechtgekommen zu sein. Versagensängste und schwerer Alkohol- und Medikamentenmissbrauch hätten zuletzt seinen Alltag bestimmt.

Tablettensucht
"Mein Körper gewöhnte sich an die Tabletten", erzählte Galliano am Mittwoch mit leiser Stimme vor Gericht in Paris. Irgendwann habe er ohne Valium und andere Drogen nicht mehr arbeiten können. Ausgangspunkt der immer schlimmer werdenden Probleme sei der Tod seines engsten Mitarbeiters und Lebensgefährten Steven Robinson im Jahr 2007 gewesen. "Er hat mich beschützt. Er hat sich um alles gekümmert, so dass ich mich auf die kreative Arbeit konzentrieren konnte", sagte Galliano. Mit dem Verlust Robinsons habe sich das alles geändert, und er habe verstärkt zum Alkohol gegriffen. "Ich dachte, das Trinken würde helfen, (der Wirklichkeit) zu entfliehen."

Doch reicht das als Entschuldigung dafür, dass Galliano ihm völlig unbekannte Bargäste an zwei Abenden beleidigte? Dass er nach Angaben der Betroffenen Ausdrücke wie "dreckiges Judengesicht" und "Beschissener asiatischer Mistkerl" in den Mund nahm? Und dass er in einem anonymen Video "I love Hitler" lallte? Auf diese Fragen müssen nun die Pariser Richter eine Antwort finden. Nach knapp sieben Stunden Verhandlung kündigten sie am Mittwoch für den 8. September ein Urteil an. Auf rassistische Beleidigungen in der Öffentlichkeit stehen in Frankreich bis zu sechs Monate Haft und 22.500 Euro Geldstrafe.

Auch wenn Galliano ihrer Ansicht nach kein rassistischer oder antisemitischer Vordenker sei, gehe kein Weg an einer Verurteilung vorbei, sagte Staatsanwältin Anne de Fontette in ihrem Plädoyer. Gerade der Rassismus und Antisemitismus des Alltags, der auf Parkplätzen und in Supermärkten, sei entsetzlich. Galliano solle mit einer Geldstrafe in Höhe von mindestens 10.000 Euro büßen. Die Worte eines Betroffenen ignorierte die Anklagevertreterin. Dieser äußerte sich vor Gericht wie viele Modekollegen Gallianos zuvor: "Ich denke, er ist kein Rassist", sagte der 41-Jährige mit asiatischen Wurzeln.

Keine Erinnerung
Galliano hatte zuvor beteuert, dass er sich an die Vorfälle nicht erinnern könne. "Ich hatte nie diese Überzeugungen, ich hatte nie eine solche Meinung", betonte der exzentrische Modeschöpfer mehrfach und verwies auf seine Homosexualität und auf sein internationales Umfeld. Der Mann in dem Video sei nicht er, sondern ein Schatten, "jemand der Hilfe braucht". Bei all denen, die er verletzt habe, wolle er sich entschuldigen. "Ich bin zur Entgiftung zwei Monate in Arizona (USA) gewesen", berichtete Galliano. Auch heute noch werde er wegen seiner Suchtprobleme behandelt.

Ob der Brite in der Modebranche eine zweite Chance bekommt, ist völlig offen. Bisher hat keines der großen Labels öffentlich Interesse signalisiert. "Ich hoffe, dass er irgendwann zurückkehrt", sagte Galliano-Anwalt Aurelien Hamelle kurz nach dem Prozess.
 

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