Europas Osten als HIV-Krisenregion

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Europas Osten als HIV-Krisenregion

Europas ferner Osten ist dunkelblau: So sehen die Ukraine, Estland und Russland auf der interaktiven Karte von UNAIDS aus, dem Aids-Bekämpfungsprogramm der Vereinten Nationen. Und Dunkelblau bedeutet nichts Gutes. Es zeigt die Infektionsrate einer Bevölkerung mit HIV - je dunkler, desto höher liegt diese. So ist Osteuropa/Zentralasien die einzige der von der UNO ausgewiesenen Weltregionen, in der die Verbreitung deutlich zunimmt.

Insgesamt erhöhte sich hier die Zahl der HIV-Infizierten von 900.000 im Jahr 2001 auf rund 1,5 Mio. im Jahr 2008 - ein Anstieg von 66 Prozent. HIV und Aids in Osteuropa und Zentralasien sind auch Hauptthema bei der Internationalen Aids-Konferenz (18. bis 23. Juli - AIDS 2010) in Wien.

Ukraine
Die Ukraine hatte 2007 mit einer HIV-Verbreitungsrate von 1,6 Prozent in der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 49 Jahren den höchsten europäischen Wert überhaupt. Aber auch Estland mit 1,3 Prozent und Russland mit 1,1 Prozent liegen über der 1-Prozent-Schwelle und damit auf traurigem Europarekord. Allerdings zeigen sich regional durchaus große Unterschiede. Die - neben Estland - beiden anderen baltischen Staaten, Lettland und Litauen, weisen beispielsweise eine Infektionsrate von "lediglich" 0,8 bzw. 0,1 Prozent auf.

In der Gesamtregion Osteuropa/Zentralasien fiel trotz der gestiegenen Gesamtinfektionsrate die Zahl der Neuinfektionen im Vergleichszeitraum von 280.000 auf 110.000. Bei Kindern stiegen die Neuinfektionen jedoch von 3.000 auf 3.700. Noch dramatischer gestaltet sich der Anstieg bei den Aids-Toten, die von 26.000 auf 87.000 in die Höhe schnellten.

Beschränkter Therapie-Zugang
Auch wenn in einigen Ländern mittlerweile antiretrovirale Therapien offeriert werden, bleibt der allgemeine Zugang dazu eher beschränkt. Im Dezember 2008 hatten 22 Prozent der betroffenen Erwachsenen Zugang dazu - ein Wert, der nur etwas mehr als die Hälfte des globalen Durchschnitts von 42 Prozent für Länder mit niederem und mittlerem "Verdienst" erreicht.

Die größte Risikogruppe für HIV-Infektionen in Osteuropa/Zentralasien stellen die Drogenkonsumenten dar. 57 Prozent der neudiagnostizierten Fälle in ganz Osteuropa 2007 war auf kontaminiertes Spritzbesteck zurückzuführen. So dürften zwischen 38,5 und 50,3 Prozent der drogeninjizierenden Konsumenten in der Ukraine HIV-infiziert sein, in Russland 37 Prozent. In Estland stieg die Zahl der infizierten Drogenkonsumenten von praktisch Null vor zehn Jahren auf rund 72 Prozent im Jahr 2008.

Wenig Präventionsprogramme
Ein Grund für die Entwicklung: Präventionsprogramme in diesem Bereich gibt es wenige. Auch im betroffenen Bereich der Sexarbeiter bleiben aufgrund der Stigmatisierung vorbeugende Maßnahmen oftmals aus. In der Ukraine liegt die HIV-Verbreitung unter Sexarbeitern zwischen 13,6 und 31 Prozent (2008).

Die Übertragungsrate bei homosexuellen Männern ist hingegen nur für eine geringe Zahl an Neuinfektionen in der Region verantwortlich. So war 2007 schwuler Sex lediglich bei 0,4 Prozent der Neuinfektionen die Ursache - zugleich ist die Verbreitung innerhalb der Gruppe teils relativ hoch. Liegt sie in Weißrussland etwa bei nahezu Null, beträgt sie in der Ukraine 23 Prozent.

Allgemein betrachtet, wandelt sich die Epidemie derzeit in vielen Ländern Osteuropas von einer unter Drogenkonsumenten grassierenden zu einer durch Sexualkontakt übertragenen. So waren 2007 in Osteuropa 42 Prozent der Neudiagnosen auf heterosexuellen Geschlechtsverkehr zurückzuführen. Zugleich gibt es laut UNAIDS Anzeichen, dass eine nennenswerte Anzahl an Neuinfektionen auf kontaminierte Injektionen im Gesundheitsbereich zurückzuführen ist.

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