Nie mehr ohne Liebe

Phänomen Single

Nie mehr ohne Liebe

Die Zahlen sind alarmierend. Laut der Singlebörse parship.at fristen bereits 32 Prozent der Bevölkerung (in der Altersgruppe von 18 bis 69 Jahren) ihr Dasein ganz alleine. Dahinter stecken oft traurige Existenzen, denn viele Menschen sind unfreiwillig Single oder leben unglücklich als „Singles undercover“ in erkalteten Beziehungen, weiß Psychologin Lena Kornyeyeva, die in ihrem neuen Ratgeber Die Single-Falle (erschienen im Heyne-Verlag um 15,50 Euro) gesellschaftliche Ursachen und die Folgen der um sich greifenden Vereinsamung aufzeigt. Aber auch Wege, wie man die Liebe wiederfindet.
Im Interview erzählt die Expertin, warum es in unserer Zeit so viele Singles gibt, warum Alleinsein auch krank machen kann und wo Singles, die mit dem Ist-Stand unglücklich sind, am ehesten einen Partner finden können.
 
Frau Kornyeyeva, woher kommen Ihrer Meinung nach die vielen Singles?
Lena Kornyeyeva: Sowohl die Idee der Familie als auch die Idee der Beziehung erleben zurzeit grundlegende Veränderungen. Früher war die Familie eine notwendige Institution, um Bedürfnisse – darunter ganz existenzielle – erfüllen zu können. Jetzt, wo diese Notwendigkeit nicht mehr ­besteht, neigt der moderne Mensch dazu, seine Bedürfnisse differenzierter zu sehen: Sex wird oft innerhalb einer „Sexbeziehung“ erlebt, die emotionale Bindung scheint in manchen Partnerschaften ein fast verzichtbarer Teil zu sein. Das bleibt dann aber häufig Selbstbetrug – diejenigen, die so eine reduzierte Beziehung eingehen, weil sie „noch nichts Besseres“ gefunden haben, schneiden sich von der Möglichkeit ab, eine vollständige Beziehung zu erleben, eine Beziehung, die glücklich macht. Der Mensch kann nicht auf seine rein körperlichen Bedürfnisse eingeschränkt werden – wir alle brauchen Liebe.
 
Heutzutage suchen viele nach dem perfekten Partner, haben verlernt, Kompromisse einzugehen. Warum ist das so?
Kornyeyeva: Wir modernen Menschen haben keineswegs verlernt, Kompromisse einzugehen – wir leben meist in einem einzigen schlechten oder unvorteilhaften Kompromiss, unter dem gerade die Liebe ­leidet. Gleichzeitig haben wir vergessen, dass eine glückliche Beziehung eben nicht auf einem Kompromiss aufbaut, sondern auf einem gegensei­tigen Bedürfnis nach Liebe und dessen kompromissloser Erfüllung.
 
Wer fühlt sich im Single-Dasein wohler – Männer oder Frauen?
Kornyeyeva: Ganz schwer, hier eine allgemeingültige Aussage zutreffen, jeder Mensch ist doch individuell, egal ob Mann oder Frau. Aber eines kann ich behaupten: Männer waren nie weniger liebesbedürftig als Frauen, sie haben ihre emotionalen Bedürfnisse stets nur anders ausgedrückt oder diese sublimiert.
 
Gibt es auch glückliche Singles, Menschen, die generell einfach gerne alleine sind?
Kornyeyeva: Gelegentlich allein sein zu wollen ist ein ganz normales Bedürfnis – auch in einer guten Beziehung kann es erfüllt werden. In sich kehren, innere Ruhe finden, den Kopf frei machen – in unserer Zeit der stetigen Beschleunigung ist das alles wichtig, um sich selbst nicht zu verlieren, um gesund zu bleiben. Nur in einer schlecht funktionierenden Beziehung, in der kein gegenseitiges Verständnis herrscht, in der es ­keinen gegenseitigen Respekt gibt, denken die Partner womöglich, dass „in Ruhe gelassen zu werden“ ein reiner und attraktiver Single-Luxus sei.
 
Was halten Sie von Parship, Love.at, Tinder & Co.? Sollen Singles via Internet den Partner fürs Leben finden?
Kornyeyeva: Viele haben so schon ihren Partner gefunden, es ist inzwischen ein ganz normaler Weg der Beziehungs­anbahnung. Singlebörsen sind für diejenigen geeignet, die eher spontan handeln, die auf ihre Intuition hören, die die ­eigenen Ansprüche und Erwartungen kennen. Jeder, der gut weiß, was er will, bekommt es früher oder später mit Sicherheit.

Abseits von den Partnerbörsen: Wo können Singles am besten einen Partner finden?
Kornyeyeva: An der Uni, bei der Arbeit … Wir verbringen am Arbeitsplatz so unendlich viel Zeit im Leben, dass er oft der beste Ort ist, um einen Menschen von vielen Seiten kennenzulernen. Sich in unterschiedlichen Situationen zu ­erleben und zu mögen, ist die beste Voraussetzung für eine gelingende Beziehung. Nur muss man am Arbeitsplatz eine echte Zuneigung, eine sich anbahnende Liebe von einer womöglichen „sexuellen Belästigung“ differenzieren. Behutsamkeit und Rücksicht gehören zum Rüstzeug, wenn man am Arbeitsplatz einen Flirt beginnen will.
 
Ist man als Single ein sorgenfreierer Mensch? Man muss sich ja nicht nach einem Partner richten, hat, vor allem wenn auch keine Kinder da sind, keine Verantwortung.
Kornyeyeva: Es mag so scheinen – doch Singles kennen andere Sorgen. Vor der Verantwortung für Kinder flüchten nur die, die in Kindern mehr Verantwortung sehen als die Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Wenn eine Beziehung gut aufgebaut ist, wenn sie beiden Partnern Erfüllung bringt, dann bietet sie viel mehr Vorteile als Nachteile.
 
Was sehen Sie als größtes Problem am Single-Dasein?
Kornyeyeva: Die mangelnde „Ernährung“ mit Streicheleinheiten ist das Grundproblem der Singles, auch der „Undercover-Singles“ – Menschen, die sich allein in einer Beziehung fühlen. Eine Beziehung zeichnet sich dadurch aus, dass 
man die Streicheleinheiten bekommt, die man sich wünscht. Wenn Partner allerdings damit beginnen, sich Streicheleinheiten vorzuenthalten, wenn sie sie als ein Druckmittel oder als eine Form der Erpressung einsetzen, dann wächst bei beiden der Hunger nach den emotionalen Zuwendungen – dann führen auch Beziehungen ins Unglück oder scheitern.
 
Macht Alleinsein auch krank?
Kornyeyeva: Wenn wir davon ausgehen, dass Krankheiten da entstehen, wo natürliche Bedürfnisse nicht erfüllt werden, dann ja. Wir Menschen sind soziale Wesen – eine Beziehung mit einem anderen gehört zu unseren Grundbedürfnissen, bildet nicht zuletzt die Basis unserer Gesundheit. Nicht umsonst wurde die Isolationshaft immer als eine besonders drakonische Form der Strafe eingesetzt. Wir alle wollen nicht allein sein, wollen geliebt und geschätzt werden. Krankheiten, wie beispielsweise Depressionen, wurzeln in dem Gefühl, allein und nutzlos zu sein.

Die Single-Falle. Ratgeber von Psychologin Lena Kornyeyeva, erschienen im Heyne-Verlag um 15,50 Euro.
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