Geliebte Atelierwohnung

Homestory 37

© Astrid Bartl

Geliebte Atelierwohnung

Leise brodelt der italienische Kaffeekocher auf dem modernen Edelstahlherd und beendet sein Werk mit einem lang gezogenen Pfeifton: „Milch, Zucker?“, fragt der Gastgeber. Ohne eine Antwort abzuwarten, stellt Clemens Fürtler ein Tablett auf den einfachen Holztisch, zündet sich eine Zigarette an und plaudert: „Mein ganzes Leben besteht nur aus Arbeit. Daher ist meine Wohnung für mich ideal gebaut.“ Zwei Salons, ein Erkerzimmer, Schlafzimmer, Küche und Badezimmer, aufgeteilt auf gut 150 Quadratmeter, darf der Künstler als Wohn- und Arbeitsraum sein Eigen nennen: eine ganze Etage in einem wunderbaren Herrschaftshaus, gebaut in einer längst vergangenen Zeit in unmittelbarer Nähe zum Wiener Naschmarkt – 25 Fenster inklusive. „Jeden Tag genieße ich diesen traumhaften Rundumblick“, erzählt Fürtler, „weil es durch die zahlreichen Fenster nicht nur viel Licht, sondern auch immer wieder Neues zu entdecken gibt.“ Genau das ist auch die Inspiration, die der Maler für seine Arbeit braucht – wie den heißen Frühstückskaffee zum Aufwachen. „Leben und Einrichten sind Prozesse, die mitunter sehr viel Zeit benötigen können“, rundet er sein kleines Privatissimum über die fürtlersche Wohnphilosophie ab.

Diese Etagenwohnung erfüllt auf den ersten Blick alle Voraussetzungen für eine Herrschaftswohnung mit gro­ßen Salons, abgetrennter Küche und Dienstbotenzimmer. Doch erst bei näherer Betrachtung entpuppt sich die architektonische Gesamtanlage als weitaus interessanter als die meisten der vergleichbaren Bauten. Gemeint sind die mondänen Palais, die zur Zeit der Neugestaltung des Wiener Rings entstanden sind. Den Unterschied zu den üblichen Gründerzeithäusern erklärt der Wohnungsbesitzer wie folgt: „In meiner Wohnung gibt es nur ganz wenige quadratische Zimmer.“ In der Tat sehr ungewöhnlich und sehr modern für die damalige Zeit. Auch sind die Räume zwar hoch, aber doch nicht so hoch, dass man sich nicht wohlfühlen würde.

Erwähnenswert ist weiters der Originalstuck an den Decken. Dieser signalisiert in seinen Details bereits die klare Form des aufkommenden Bauhaus-Stils. „Genug, genug“, sagt Clemens Fürtler und beendet diese Fachsimpelei. An die Sisyphusarbeit, den Stuck unter Dutzenden von Farbschichten wieder freizulegen, will er offensichtlich gar nicht mehr erinnert werden. Im Gegenteil: Viel lieber will er sein Refugium als Einheit wirken lassen. Nichts einfacher als das, denn die Räume lassen sich über einen Rundgang praktisch entdecken. An der Zimmeraufteilung hat der Hausherr kaum Veränderungen vorgenommen. „Die asymmetrischen Räume machen ja mit den großen Reiz dieser Wohnung aus“, stellt Fürtler klar. Nur die Küche und das kleine Dienstbotenzimmer wurden als neuer Raum zusammengefasst, „weil das einfach mehr den Wohnbedürfnissen unserer heutigen Zeit entspricht“.

Keine Frage: Auch die schönen alten Parkettböden sind selbstverständlich wieder in ihren Originalzustand versetzt worden. Die farbigen Wände seien ebenfalls keine Erfindung der Neuzeit, weiß Fürtler: „Ich habe die Wände mit viel Mühe abscheren lassen und herausgefunden, dass sie zur Bauzeit schon farbig gestrichen waren.“ Für die Farben von einst hat sich der Künstler nicht mehr entschieden, sondern seine Lieblingsfarben ausgewählt: ein sattes, warmes Orange oder ein stark gebrochenes Weiß. Nicht zu vergessen: die zahlreichen farbenfrohen Bilder des Wohnungsbesitzers oder die Werke, die er von seinen Künstlerkollegen bekommen hat. Einen kontrastreichen farblichen Akzent setzt beispielsweise auch der blaue Schreibtisch im Stil der 50er-Jahre.

Die Möblierung scheint für Clemens Fürtler auf den ersten Blick nicht das wichtigste Anliegen für seine Wohnung zu sein. „Aber ­sicher“, betont er. „Diese Wohnung ist nur in der Tat sehr schwer einzurichten. Außerdem würde schwedisches Design weder zu mir noch in die Räume meiner Wohnung passen“, ergänzt er mit einem verschmitzten Lächeln. So findet man in den vielen Räumen des Malers ein bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium der unterschiedlichsten Stile und Formen. Die klassische Wohnung eines Künstlers eben: mehr Atelier als Wohnraum – ein intimer Platz für einen Krea­tiven und seine Ideen.

Besonders stolz ist Clemens Fürtler auf die Fenster – nicht nur aufgrund der rekordverdächtigen Anzahl, sondern weil sie allesamt im Original erhalten sind. „Auch die Abdeckungen der Heizkörper sind so alt wie das Haus“, erzählt der Künstler. Denn als das Haus gebaut wurde, haben Architekt und Bauherr bereits Dampfheizungen in die Wohnungen einbauen lassen. Zwar hat eine zeitgemäße Gasetagentherme längst den antiken Dampfkocher abgelöst, aber der be­sondere Charme der Wohnung ist durch die Fenster mit ihren Abdeckungen erhalten geblieben. Diesen Charme hat der Künstler lieben und schätzen gelernt: vielleicht auch deswegen, weil er in seiner künstlerischen Auseinandersetzung auch immer wieder mit seiner Wohnung – sprich: mit dem „Raum“ an sich – spielt: „In meinen Bildern geht es genauso um Räume wie in meiner Wohnung“, sagt Clemens Fürtler. Damit ist es dem Besucher klar: Ein besseres Atelier kann es für den Maler nie und nimmer geben …

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