29. August 2006 18:46
Fall Kampusch -Studie: Gewaltopfer reagieren negativ auf Medienrummel
Der Fall Natascha Kampusch hat es wieder einmal gezeigt: Je größer das Leid, das einem Gewaltopfer angetan wurde, desto größer der Medienrummel. Psychologen der Universität Zürich haben nun erstmals erforscht, wie Opfer darauf reagieren, wenn sie ihre Geschichte in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen. Nur die wenigsten freuen sich darüber, negative Reaktionen überwiegen. Die These, wonach Gewaltopfer durch Medienberichte soziale Anerkennung und eine positive Form der Unterstützung erfahren, welche die Genesung erleichtert, könne nicht mehr gestützt werden, so die Wissenschafter.
Andreas Maercker, Leiter der Abteilung für Psychopathologie und Klinische Intervention der Uni Zürich und seine Koautorin Astrid Mehr haben 63 Opfer von Raubüberfällen mit und ohne Körperverletzungen sowie Opfer häuslicher Gewalt mit Körperverletzung auf ihre Reaktion untersucht. Über ihre Erlebnisse hatten jeweils Print- oder TV-Medien berichtet. Die beiden Forscher untersuchten die Gewalt-Opfer zwei Mal psychologisch, einmal fünf Monate nach der Tat und nochmals elf Monate danach. Die Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "European Psychologist" veröffentlicht.
Trauer und Ärger
Dabei zeigte sich, dass sich nur sehr wenige der Betroffenen über den Medienbericht freuten (fünf Prozent) oder sich durch ihn unterstützt fühlten (elf Prozent). Negative Reaktionen überwogen, z.B. Traurigkeit, Ärger oder ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Zwei Drittel der Personen waren traurig (65,6 Prozent) nachdem sie den Bericht gelesen, gehört oder gesehen hatten. Die Hälfte (48 Prozent) war erschrocken, ein Drittel (31 Prozent) fühlte sich wütend und nur zehn Prozent ließ der Medienbericht schlicht kalt.
Diese überwiegend negativen Reaktionen fanden sich auch bei Gewaltopfern, welche die Medienberichte über sich selber insgesamt eher als zutreffend einschätzten. Diejenigen, die diese Berichte als eher falsch einschätzten (rund ein Drittel der Betroffenen) zeigten etwas höhere negative Reaktionen.
Posttraumatische Belastung
Gewaltopfer mit stark ausgeprägten Symptomen einer "posttraumatischen Belastungsstörung" reagierten überwiegend negativ auf die Medienberichte über sich selbst - und zwar unabhängig davon, ob sie die Berichte als zutreffend oder unzutreffend empfanden. "Aus psychologischer Sicht ist es deshalb nicht vertretbar, stark beeinträchtigte Opfer in die Medien zu bringen", so Maercker.