Das ganze Interview mit Natascha im vollen Wortlaut Das ganze Interview mit Natascha im vollen Wortlaut

Das Interview

© ORF/Ali Schafler

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Das ganze Interview mit Natascha im vollen Wortlaut

Ein Jahr nach ihrer Flucht begleitete der ORF Natascha Kampusch auf ihrer ersten Reise ins Ausland: Barcelona. Mit dabei ihre Schwester Sabina und ein Sozialarbeiter, der zu einem der wichtigsten Vertrauten in Natascha Kampuschs Leben geworden ist Eine Stadt am Meer in der sie sich, unerkannt bewegen kann. Natascha Kampusch hat sich entschlossen, sich zum ersten Jahrestag nur für diese Dokumentation zur Verfügung zu stellen und Einblick in ihr neues Leben zu geben.

Frau Kampusch, gibt es etwas, was Sie ganz besonders interessiert in Barcelona?

Natascha Kampusch: In Barcelona? Ja, ich habe schon von den großen Kunstwerken des Gaudi gehört und möchte mir die natürlich ansehen.

Im Cockpit
Pilot: Wann sind sie das letzte Mal geflogen?
Natascha Kampusch: Vor 13 Jahren nach Paris.

Plaza Real, Barcelona
Christoph Feurstein: Sie von sich aus haben ja medial eigentlich in den letzen Monaten nichts gemacht. Es wurde nur über Sie geschrieben oder durch andere über Sie geschrieben. Sie geben jetzt dieses Interview. Sie könnten auch gar kein Interview geben. Warum tun Sie's?
Natascha Kampusch: Ein gewisses Mitteilungsbedürfnis habe ich ja doch und ich möchte mich zu wichtigen Themen auch zu Wort melden. Und ich denke ich schulde den Leuten, die mir etwas gespendet haben und die Anteil an meinem Schicksal genommen haben, schon, dass ich berichte, wie es mir geht.

Auf der Einkaufsstraße „Rambla“
Christoph Feurstein: Sie haben einmal, wie wir vor einem Jahr miteinander gesprochen haben, oder eigentlich auch vor einem halben Jahr, haben Sie gesagt, dass es eigentlich wirklich sehr schwer ist, sich auf die Menschen einzustellen, weil Sie es ja nicht gewöhnt sind. Wie geht es Ihnen denn jetzt so im Umgang mit anderen Menschen?
Natascha Kampusch: Ja, ich habe ein klein wenig meine Scheu vor anderen Menschen verloren, und diese Ängstlichkeit ist weggegangen. Anfänglich hatte ich recht schnell, wenn mich jemand ansprach oder ich ein lautes Geräusch vernahm, hatte ich einen Schreckmoment, und mir ist es danach recht schlecht gegangen. Jetzt geht es mir sukzessive besser, obwohl ich noch immer recht schreckhaft bin und ich immer noch meine Kreislaufprobleme habe.

Christoph Feurstein: Können Sie schon vertrauen?
Natascha Kampusch: Vertrauen. Ja das mit dem Vertrauen ist so eine Sache, ich glaube, das wird noch lange dauern, bis ich irgendjemand wirklich voll vertrauen kann. Es gibt natürlich auch viele Menschen, die versuchen, das Vertrauen, was man in sie setzt, zu missbrauchen, und das ist schlimm.

Christoph Feurstein: Haben Sie schon Freunde gewonnen?
Natascha Kampusch: Freunde gewonnen. Ich habe für mich noch nicht herausgefunden, wie man Freundschaft definiert.

Christoph Feurstein: So Enttäuschungen im vergangenen Jahr. So in Freiheit zu sein und eigentlich ein neues Leben zu beginnen. Hat es da so gravierende Momente gegeben, wo man sagt, das kann doch nicht wahr sein?
Natascha Kampusch: Ja, so was gab es eigentlich auch, aber Herr Feurstein, weil mir gerade die Tränen kommen, könnten sie vielleicht die Kamera abdrehen? Ich glaub das ist das Salzwasser.

Christoph Feurstein: In der Gefangenschaft, das haben wir ja gehört, da ist Ihnen ja viel Schlimmes passiert.
Natascha Kampusch: Ja.

Christoph Feurstein: Wie begleitet Sie das? Oder wie gehen Sie damit um? Jetzt ein Jahr nachher?
Natascha Kampusch: Das kommt manchmal schon wieder, aber auf der anderen Seite, dadurch, dass ich jetzt auch andere Menschen kennen lernen konnte, sehe ich, dass die Menschen gar nicht so vor verschiedenen Problemen stehen wie ich. Ich habe auch Frauen gesehen, von denen ich gedacht habe, dass sie eventuell misshandelt werden, oder Menschen, die unter Druck gesetzt werden. Mir tun zum Beispiel auch Tiere oder kleine Kinder extrem leid, wenn man sie schlecht behandelt, aber man kann es nicht beweisen, das ist nur so unterschwellig da, aber man spürt es.

Christoph Feurstein: Es war ja eine, kann man so sagen, recht intensive Zeit, die Sie mit Wolfgang Priklopil verbracht haben. Acht Jahre, Sie mussten sich arrangieren, er hat Ihnen schreckliche Dinge angetan. Wie sehen Sie ihn jetzt ein Jahr später?
Natascha Kampusch: Ich glaube mein Bild hat sich nicht groß verändert. Was ich nur sagen kann, dass er mir nach und nach immer mehr Leid tut. Das ging damals eben auf Grund der Aktualität der schlimmen Erfahrungen mit ihm nicht so.

Christoph Feurstein: Inwiefern tut er Ihnen Leid?
Natascha Kampusch: Naja, einfach eine arme Seele, verloren und fehlgeleitet. Das was er mir antat ist einfach weiter in die Ferne gerückt, und es verblasst zwar nicht und es kommt immer wieder hoch und ich versuche einfach so gut wie möglich mit diesen Erinnerungen umzugehen und sie auch aufzuarbeiten. Was denken Sie sich denn zu meinem Schicksal, Herr Feurstein?

Christoph Feurstein: Acht Jahre, das ist sehr lange, und dass man aber in diesen acht Jahren einen Alltag entwickelt und dass man hier nicht alles von vorne herein sagen kann, das ist alles schlecht, weil man im Alltag auch positive Dinge erlebt. Und gerade Sie, wie Sie sich arrangiert haben mit dieser Situation und wie Sie auch gesagt haben, Sie haben immer versucht das Beste daraus zu machen.
Natascha Kampusch: Genau, ich versuche regelmäßig das Beste aus meiner Situation zu machen und auch der wie soll man sagen, der unvorteilhaftesten Situation doch einen Nutzen abzugewinnen. Ich winde sozusagen das Schwammtuch bis zum letzen Tropfen Wasser aus und das habe ich auch die acht Jahre gemacht, und ich wollte auch keine negativen Energien einbringen, warum soll ich negativ oder böse sein. Man soll nicht Böses mit Bösem vergelten.

Christoph Feurstein: Hat es in diesen acht Jahren, in denen Sie sich mit diesem Entführer arrangieren mussten, hat es da auch gewisse gleiche Interessen gegeben, die man geteilt hat?
Natascha Kampusch: Er war auch sehr genau und zielstrebig, und das war gut und von Vorteil. Er hat zum Teil versucht mich zu manipulieren, so wie er mich gerne hätte haben wollen. Das ließ ich teilweise zu, teilweise ließ ich es nicht zu bzw. konnte ich ihn im Gegenzug auch manipulieren, es war so einem Ringkampf gleich, wenn sie verstehen was ich meine. Es war ein Ringen.

Christoph Feurstein: Sie sind sehr belesen. Sie haben viel gelesen, Sie interessieren sich für Kultur, Theater, Sprachen, Politik. War er auch kulturell und politisch interessierter Mensch?
Natascha Kampusch: Eigentlich ist es seltsam, aber ich glaube er war nicht so sehr kulturell interessiert. Ihm lag eher an praktischen Dingen.

Christoph Feurstein: Wie konnten Sie ihr Bewusstsein so stärken? Kam das aus dem Widerspruch?
Natascha Kampusch: Das weiß ich nicht, das frage ich mich selbst. Aber in meinen Gedanken war ich ja immer frei, da konnte ich selbst in den schwierigsten Situationen frei denken und meine Fantasie ist auch so ausgeprägt, dass ich mir alles Mögliche vorstellen kann und herholen kann. Das wird es wahrscheinlich gewesen sein.

Christoph Feurstein: Ihre Mutter hat einige Wochen nach ihrer Flucht einmal zu mir gesagt, dass um Sie herum alles sehr turbulent ist und dass es erst Frieden und Ruhe geben wird für die Familie, wenn die ganze Familie auf einem Boot ist, und sie sich nur auf sich konzentrieren kann. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben und tourt mit diesem Buch durch Europa, was empfinden Sie dabei?
Natascha Kampusch: Wenn sie das gerne möchte. Sie muss das für sich selbst vertreten können und offenbar ist das so und das kann ich nicht ändern. Wenn meine Mutter in die Medien gehen möchte, wenn meine Mutter in Fernsehen, Print und Rundfunk erscheinen möchte, und das als richtig erachtet, dann kann ihr das keiner nehmen. Dann soll sie das ruhig tun. Ich würde anders handeln, das ist klar, jeder hat sein eigenes Gewissen und jeder wiegt für sich ab, was ethisch und moralisch vertretbar ist bzw. was angebracht ist, und so eben auch meine Mutter.

Christoph Feurstein: Ich möchte trotzdem noch auf ein Zitat Ihrer Mutter kommen. Und zwar schreibt sie da, dass Sie sich am Sarg von Wolfgang Priklopil verabschiedet haben. Warum war Ihnen das wichtig?
Natascha Kampusch: Erstens einmal möchte ich etwas dazu sagen, dass das im Buch erwähnt wurde. Ich hatte Gelegenheit mir dieses Buch durchzulesen und auch gewisse Passagen zu verändern, aber ich wollte nicht das ganze Buch verändern. Eigentlich habe ich meiner Mutter das gezeigt mit dem, ich hatte schon das Gefühl ich könnte ihr vertrauen und es war eigentlich klar, dass sie das niemanden weitererzählt, dass ich ihr diese, ich habe ihr das auf meinem Handy gezeigt, im Buch stand, dass es ein Foto sei, was nicht stimmt. Ich hab das trotzdem im Buch gelassen, und ich stehe auch dazu, ich habe mich verabschiedet, warum auch nicht. Das war mir schon wichtig, weil ich habe ihn zuletzt lebend gesehen, als er mir den Rücken zuwandte und ich Hals über Kopf einfach weggelaufen bin. Ich habe mich aber nur vom Sarg verabschiedet, ich habe ihn dann nicht mehr gesehen. Das wollte ich eigentlich nie in die Öffentlichkeit gelangen lassen.

Christoph Feurstein: Ich meine ja auch, dass das ja überhaupt nichts Ungewöhnliches ist, das Bedürfnis zu haben, sich von einem Menschen zu verabschieden, von dem man ja verschiedene Seiten kennt, und um einen Abschluss zu finden.
Natascha Kampusch: Ja, außerdem, ich weiß nicht, ich habe das zynisch gemeint, aber ich habe gesagt, eines Tages werde ich auf deinem Grab tanzen. Das war natürlich nicht der Fall, aber es war schon auch eine gewisse Genugtuung dabei, so eine Art Sieg, so im Sinne von, es war immer klar, es konnte nur einen von uns beiden geben und ich war das, letztendlich, und er nicht. Das war auch so ein bisschen bedauern dabei, Mitleid.

Christoph Feurstein: Ihre Mutter bezeichnet ihren Vater als Alkoholiker. Sie spricht permanent von ihm als „Der Koch“. Wie empfinden Sie das?
Natascha Kampusch: Das ist etwas, das ich rein objektiv gesehen, als respektlos und als unangebracht empfinden würde. Selbst wenn es sich um eine ganz andere Thematik und ganz andere Personen handelt. Man kann jemand privat eben gewisse Bezeichnungen geben, aber das sollte doch im Privaten bleiben.

Christoph Feurstein: Wenn jetzt die Mutter ein Buch schreibt, wo sie den Vater angreift, jetzt entgegnet der Vater wieder. Und das wird eigentlich wieder zu einer öffentlichen Familientragödie.
Natascha Kampusch: Ja das wäre dann so was wie die Ozzys oder wie die Lugners. So wäre das dann, das wäre dann äußerst geschmacklos und äußerst ungemütlich.

Christoph Feurstein: Haben Sie Angst vor so etwas?
Natascha Kampusch: Angst nicht, aber es ist natürlich im Bereich des Möglichen, aber ich denke, alle Parteien sind hier so vernünftig oder werden hier so vernünftig sein, es nicht so weit kommen zu lassen und wenn, dann muss ich mich einfach distanzieren, auch wenn es mir selbst Leid tut.

Christoph Feurstein: Ich habe irgendwie so mitbekommen, das ihr Vater, wenn Sie ihn besucht haben, Fotografen bestellt hat, die dann fotografiert haben. – Ja – Wie haben sie das erlebt?
Natascha Kampusch: Ja ich denke mein Vater ist eben im Umgang mit Medien recht naiv und lässt sich leicht beeindrucken, durch irgendwelche materiellen Dinge. Das ist sicherlich nicht richtig, aber ja, mein Vater hat es eben noch nicht gelernt. Ich respektiere meinen Vater, so wie jeder seine Eltern respektieren sollte, aber trotzdem ist das nicht richtig, und es wäre einfacher für mich ins normale Leben integrieren zu können, wenn es mir mein Vater nicht so schwer machen würde, durch diese diversesten Mediengeschichten.

Christoph Feurstein: In österreichischen Tageszeitungen, aber auch auf der Titelseite der Bild-Zeitung war zu lesen, Sie hätten einen Freund, und dazu hat man ein Foto gesehen, wo Sie zu sehen sind mit einem jungen Mann, der ihnen irgendwas ins Ohr flüstert.
Natascha Kampusch: Es ist halt nur seltsam, dass der junge Mann nicht erkenntlich drauf ist. Dass ich einmal alle Jubeljahre in die Passage gehe und da auch nur auf Einladung, und zufällig ist ein Pressefotograph dort, aber es ist so lächerlich. Wenn sie sich das „SOOO SÜSS“ oder was da stand, das ist doch totalst geschmacklos.

Christoph Feurstein: Und einmal abgesehen davon. Wenn sie einen Freund hätten, wäre das ja wirklich schön, aber es ist noch dazu erfunden.
Natascha Kampusch: Ja, es wäre schon schön, nicht? Aber nein, es ist erfunden und das ist eben das Witzige daran, weil die wissen das ja nicht und behaupten das einfach so.

Christoph Feurstein: Wie war das für Sie, wie die Bilder in der Zeitung waren?
Natascha Kampusch: Ich nahm es gelassen hin, wissen sie, vorher hatte man ja versucht mich zu erpressen. Ich sollte einer Zeitung ein Interview geben und dafür hätten sie die Fotos verschwinden lassen. Aber ich wollte mich da nicht zu irgendetwas zwingen lassen.

Christoph Feurstein: Sind Sie wirklich so stark wie Sie sich immer präsentieren?
Natascha Kampusch: Ich weiß nicht? Komme ich so stark rüber? Oder... – Offensichtlich - ...präsentiere ich mich als stark? Sie werden mich selten oder überhaupt gar nie in der Öffentlichkeit weinen sehen oder schluchzen, zusammenbrechen. Das regle ich für mich privat.

Christoph Feurstein: Diese Stärke, die Sie zeigen, die Sie ja auch haben, die ein Teil von Ihnen ist. Kommt das auch daher, dass Sie manchmal denken, dass es niemand wirklich gibt, der das Schreckliche, was ihnen auch passiert ist, verstehen kann?
Natascha Kampusch: Ich habe immer diese Probleme, das Schreckliche für mich selbst definieren zu können. Dass es niemand verstehen kann, will ich nicht behauptet haben, dass es dafür keine Worte gibt und keine Definition, das wohl eher, weil wie definiert man Schmerz oder Leid oder Qual. Wie definiert man das?

Christoph Feurstein: Jetzt ist Ihnen ja im vergangenen Jahr wahnsinnig viel passiert. Sie werden teilweise verfolgt von Kameras.
Natascha Kampusch: Ja das ist wirklich unangenehm.

Christoph Feurstein: Gibt’s etwas, was Sie sich wünschen würden?
Natascha Kampusch: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen etwas sensibler umgehen würden und nicht einfach irgendwie drauf los fotografieren. Ich gebe auch keine Autogramme. Am Flughafen hier, bei der Ankunft, ist mir ein kleines Mädchen nachgerannt, mit einem Autogrammheft oder Buch und ich habe mich nicht umgedreht, weil, ich weiß nicht, ich gebe keine Autogramme. Ich bin ja auch kein Superstar.

Christoph Feurstein: Ist ja auch eigentlich komisch.
Natascha Kampusch: Ja, ich bin ja kein Hollywoodstar.

Christoph Feurstein: Haben Sie das Gefühl, dass man manchmal versucht, das aus Ihnen zu machen?
Natascha Kampusch: Hollywoodstar vielleicht nicht, obwohl, als Kind wollte ich ja so was ähnliches werden, Schauspielerin, aber, nein ich glaube die wollen eher so eine Art Partyluder oder einen Mausi-Lugner-Verschnitt, Mausi-Lugner-Paris-Hilton-Verschnitt aus mir machen.

Christoph Feurstein: Wie war das Erlebnis heute am Meer?
Natascha Kampusch: Sehr abwechslungsreich muss ich sagen.

Christoph Feurstein: Was hat Ihnen am besten gefallen?
Natascha Kampusch: Ich weiß nicht, von den Wellen weggetragen zu werden. Die Wellen wecken so Assoziationen mit dem Meer, nicht? Blödsinn! Die Wellen wecken so Assoziationen mit Atmung und so.

Christoph Feurstein: Mit Atmung?
Natascha Kampusch: Naja, das Auf und das Ab, das Ein und das Aus, nicht? Herr Feurstein, Sie müssen sich schon anstrengen, Sie können nicht einfach so 08/15 Fragen stellen.

Christoph Feurstein: Naja, dann drehen wir mal den Spieß um, interviewen Sie mich.
Natascha Kampusch: OK. Herr Feurstein, wie ist das so für Sie? Kommen Sie nie in Verlegenheit, wenn sie Menschen sehr intime Dinge fragen?

Christoph Feurstein: Ich sag immer, wenn jemand etwas beantworten will, muss er es ja nicht beantworten. Auf jeden Fall scheue ich mich nicht solche Fragen zu stellen, weil es mich wirklich interessiert und wenn mir die Menschen das erzählen wollen, dann tun sie es oder tun sie es nicht, oder sie lügen, ja das kann man eh oft nicht steuern.
Natascha Kampusch: Merken Sie wenn Menschen lügen?

Christoph Feurstein: Ich glaub schon, dass ich merke wenn Menschen lügen. Wir drehen hier, wir arbeiten also hier auch. Ist es für Sie trotzdem entspannend, weil Sie einfach weg sind und was anderes erleben?
Natascha Kampusch: Es ist entspannend, ich habe mich eigentlich die ganze Zeit gewehrt, ins Ausland zu gehen, da mir meine Neurologin eher abgeraten hat zu fliegen, zumindest ein Jahr lang. Aber jetzt ist ja fast ein Jahr vergangen und ich denke zwei Stunden sind tolerierbar.

Christoph Feurstein: Was hat Ihnen bis jetzt am Besten gefallen?
Natascha Kampusch: Oh, wo fange ich da an? Eigentlich alles Mögliche, vielleicht doch der Strandausflug, hierher, zum Schwimmen, das war doch schön.

Alltag in Wien: U-Bahn fahren
Christoph Feurstein: Wie reagieren Mitmenschen auf Sie, wenn Sie sich jetzt in der Öffentlichkeit frei bewegen?
Natascha Kampusch: Ja da gibt es verschiedenste Reaktionen, es gibt Menschen, die mir heulend um den Hals fallen oder fallen wollen, es gibt Menschen, die irgendwelche Gebete murmeln, es gibt Menschen, die so abschätzig über mich sprechen, „Das ist die Kampusch“ und so, „Was will die da?“, das kommt auch vor, dann gibt es junge Männer, die so ekelhaft begehrliche Blicke zuwerfen, die so abstoßend sind, ja. Dann gibt es halt Menschen, die mir ihr Mitgefühl bekunden und so.

Natascha Kampusch beim Bogenschießen
Christoph Feurstein: Frau Kampusch, warum haben Sie sich diesen Sport ausgesucht?
Natascha Kampusch: Ich war ja doch acht Jahre zwar schon muskulär beansprucht, aber ich war ja geschwächt von meiner Gefangenschaft, da dachte ich mir das könnte mir bei Wiedererlangen der körperlichen Vitalität helfen.

Christoph Feurstein: Hat es auch was mit Konzentrationsfähigkeit zu tun für Sie? Um auch auf andere Gedanken zu kommen?
Natascha Kampusch: Durchaus, es gibt ja soviel Irritierendes, was momentan auf mich einströmt und da ist Bogenschießen ein Methode, um die Gedanken fokussieren zu können.

Christoph Feurstein: Wenn man mit unterschiedlichen Menschen spricht, sagen viele die Frau Kampusch ist jetzt steinreich.
Natascha Kampusch: Sie sehen mich als Celebrety und nicht als Mensch und nicht als Entführungsopfer. Sie klammern das aus. Und es gibt auch so Karikaturen, sie lasst sich kurz einsperren, 8 1/2 Jahre, und kommt als Berühmtheit raus. Das Geld, was mir zugedacht war, habe ich für meine Zukunftsabsicherung veranlagt und ich bekomme einen gewissen Teil davon ausgezahlt. Ich habe nicht mehr und nicht weniger als so manch anderer regelmäßig zu meiner Verfügung und ich bestreite mein Leben recht bescheiden. Gut, ich muss mich kleiden, ich muss mich ernähren, ich muss laufende Kosten zahlen, wie jeder andere auch. Das ist ein Irrtum, das ich jetzt in Saus und Braus lebe.

Christoph Feurstein: Das haben Sie auch gesagt, dass man sagt Sie sind arrogant.
Natascha Kampusch: Ich glaube eher nicht, das ist eher Unsicherheit, sie wissen ja, ich grenze mich gerne ab, und das wir oft als Arroganz ausgelegt. Diese acht Jahre haben mich eben heute zu dem gemacht, was ich jetzt bin und wie ich vor Ihnen sitze. Das ist es eben. Ich kann sie nicht ableugnen, ich kann nicht sagen, da war nichts, das waren eben 8 1/2“ Jahre. Das ist sehr lange.

Zurück in Barcelona
Christoph Feurstein: Wie geht’s Ihnen in der Schule?
Natascha Kampusch: Ja mir geht’s gut.

Christoph Feurstein: Was lernen Sie gerade?
Natascha Kampusch: Das ist gemischt, aber ich soll mich nach den Ferien mit Biologie befassen. Ja, das wird recht spannend.

Christoph Feurstein: Sie müssen das ja alles nachhohlen. Wie läuft das ab? Wie lange ist das geplant? Oder richtet sich das nach dem, wie Sie das wollen?
Natascha Kampusch: Das richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen. Ich werde jedoch nach den Ferien danach trachten, dies bald möglichst abzuschließen um dann eben eine Studienber.....entweder mache ich die Matura oder eben eine Studienberechtigungsprüfung.

Christoph Feurstein: Sie haben in unserem ersten Interview einen Spendenaufruf gestartet, wo Sie div. Hilfsprojekte unterstützen wollten . Wie steht es mit den Hilfsprojekten?
Natascha Kampusch: Da ist bis dato noch nichts passiert. Ich musste mich erst um mich selbst kümmern, denn kaum bin ich da, kann ich mich nicht um andere kümmern, aber die Absicht anderen Menschen zu helfen, besteht weiterhin. Das Geld kam eben auf gewisse Spendenkonten, um die sich meine Anwälte gekümmert hatten. Sobald ich mich wirklich regeneriert habe und auf festen Beinen stehe, werde ich mich um die Hilfsprojekte kümmern.

Christoph Feurstein: Sie haben einmal gesagt, dass Frau Priklopil auch viel leiden muss, die Mutter von Wolfgang Priklopil. Sie haben auch davon gesprochen, dass Sie sie treffen wollen. Ist es je zu so einem Treffen gekommen?
Natascha Kampusch: Nein, solch ein Treffen kam bis jetzt noch nicht zustande. Das lag aber nicht an mir, das lag eher an Frau Priklopil, die sich noch nicht bereit dazu gefühlt hat.

Christoph Feurstein: Ganz am Anfang hat es einmal geheißen, dass Sie auch das Haus wollen. Was ist mit dem Haus jetzt?
Natascha Kampusch: Es steht mir von Rechtswegen einfach eine Entschädigung zu aus dem Vermögen. Üblich wäre es das Haus zu veräußern, aber das möchte ich nicht. Sie können sich vorstellen, dass ich das nicht so mögen würde, wenn das so eine Art Pilgerstätte wäre oder irgendwer Verrückter das kauft, oder wenn das Verlies in falsche Hände geraten würde. Das wäre nicht in meinem Sinne.

Christoph Feurstein: Können Sie sich vorstellen, so wie wir da jetzt sitzen, dass Sie in diese Haus zurückgehen? Nicht in diesem Haus zu leben, sondern einfach nur hingehen.
Natascha Kampusch: Ja ich war bereits wieder in diesem Haus. Ich kann mir das schon vorstellen. Das Haus ist ja eigentlich nur ein Schauplatz.

Christoph Feurstein: Also das ist jetzt auch nicht zu angstbesetzt?
Natascha Kampusch: Es kommen schon gewisse Erinnerungen hoch, wenn sie da diesen dicken Betonblock sehen und sich denken, da waren sie drinnen eingesperrt. Manchmal sogar im Dunkeln und es passiert ihrem Peiniger etwas, dann kommen sie da nie wieder lebend raus und müssen Hungersqualen und Durst erleiden. Obwohl, Wasser war ja vorhanden, aber sie sterben da langsam und es wird nie jemand ihre Leiche finden und nie jemand über ihr Schicksal erfahren.

Christoph Feurstein: Ihre Mutter schreibt auch in ihrem Buch, dass Sie Kleidung aus der Gefangenschaft aufbewahrt haben. – Ja. – Und dass Sie teilweise diese Kleidung heute noch tragen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Natascha Kampusch: Ja die Kleidungsstücke können nichts dafür, und solange die Materialen nicht verschleißt sind, trage ich sie weiter. Außerdem haften da natürlich auch gewisse Erinnerungen daran und ja, diese Socken und T-Shirts haben mich eben gewärmt und man muss das schon aufbewahren. Zumindest einige Zeit lang.

Natascha Kampusch: Ich habe mich auch gewehrt, dass mir mein Entführer persönliche Gegenstände von vorher wegnimmt. Weil das sind einfach meine Sachen. Er kann nicht einfach meine Sachen einfach verbrennen, nur dass er möchte, dass ich irgendwie völlig Abschied nehme vom meinen vorherigen Leben. Und genauso geht das nicht, dass meine Mutter sagt, schmeiß die ganzen Sachen auf den Müll. Das geht nicht, das sind meine Sachen. Die haben nur indirekt mit meinem Schicksal zu tun. Das sind meine persönlichen Sachen. Die habe ich 8 ½ Jahre zu meinen persönlichen Sachen gemacht.

Natascha Kampusch: Ich habe mir sehr viel Trost in Gegenständen gesucht. Ich hatte nicht sehr viel mich zu freuen dort, aber ich habe halt gelernt, auch in den kleinen Dingen das Große zu erkennen.

Rückflug
Christoph Feurstein: Was hat Ihnen am Besten gefallen?
Natascha Kampusch: Die Menschen dort sind ganz anders als in Wien.

Christoph Feurstein: Inwiefern?
Natascha Kampusch: Naja, nicht so hektisch, einfach anders.

Christoph Feurstein: Das Meer?
Natascha Kampusch: Es war alles so natürlich. Ja das Meer war auch schön. Diese riesen Dampfer. Ich habe noch nie so große Schiffe gesehen

Christoph Feurstein: Das war ja Ihr erster Auslandsaufenthalt. Wie war das für Sie? Auch von der Energie her?
Natascha Kampusch: Naja, es war doch kraftraubender als ich dachte, aber es war doch, alle waren recht entspannt. Das ganze Team. Und die Umgebung auch und das hat abgefärbt und wir haben uns gar nicht zerstritten

Ankunft
Natascha Kampusch: Ich möchte ernst genommen werden und dass der Fall auch ernst genommen wird, dass die Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden. Es ist schon möglich, dass so eine Art Metamorphose mit mir stattgefunden hat, so zuerst die Raupe und dann der Schmetterling, aber mehr nicht.

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