1. Besuch bei Arigonas Familie im Kosovo

"Wir wollen zurück"

© Andreas Lexer

1. Besuch bei Arigonas Familie im Kosovo

Fast zwei Autostunden über holprige Landstraßen von der Hauptstadt Pristina entfernt, irgendwo im Nordkosovo liegt das kleine Kaff Kalican – abseits der Hauptstraße, 150 Häuser groß. Die Straßen, die durch das Dorf führen, sind nicht asphaltiert. Ganz oben, am Ende des Dorfes, wohnt seit einer Woche Dzevat Zogaj mit seinen vier Kindern: Alban (18), Alfred (16), Albin (9) und Albona (8). Wohnen ist zu viel gesagt. Hausen trifft es eher: Vater Dzevat wohnt in einem Haus, das nur ein Zimmer hat, am Boden eine Matratze ausgelegt, kein Strom. Im Haus nebenan wohnt die Mutter von Dzevat. Sie ist krank und braucht viel Ruhe. Gleich daneben steht eine Ruine. Dzevats Haus, zerstört im Krieg ist das einzige im ganzen Dorf, das nicht wieder aufgebaut wurde.

Die vier Kinder sind einstweilen bei Nachbarn untergebracht. Zu viert schlafen sie derzeit in einem drei Mal drei Meter großen Zimmer. Ich treffe sie nebenan, im einzigen Lokal des Dorfes, das gleichzeitig auch das Geschäft ist. Nur einen einzigen Tisch gibt es hier. Die vier Kinder sprechen oberösterreichischen Dialekt: „Ich mag wieder nach Österreich“, sagt die kleine Albona.

Alles blieb zurück
Die zwei Kleinsten trifft die Abschiebung am härtesten. Sie sprechen kaum Albanisch, deswegen können sie hier auch nicht in die Schule gehen. Aber auch den zwei Älteren gefällt es nicht im Kosovo: „Wir sind seit einer Woche hier, aber es kommt mir vor, als wären es schon zwei Monate“, sagt der 18-jährige Alban. „Was sollen wir hier tun? Es gibt keine Arbeit, nichts. Alles, was sie hatten, mussten sie zu Hause zurücklassen: Möbel, Kleidung, Freunde, die beiden älteren Söhne auch ihre Freundinnen. Die Polizei gab ihnen nur kurz Zeit, um ein paar Habseligkeiten zusammen zu packen: Zwei Säcke voller Kleidung, mehr nicht, eine Jacke hat Vater Dzevat mit.

Auch die Familie wurde zerrissen: Die Mutter liegt zuhause im Spital, weil sie nach dem ganzen Stress, der die Abschiebung mit sich brachte, zusammen gebrochen ist: „Ich habe noch nie mit meiner Frau telefoniert, seitdem sie in der Klinik liegt“, sagt Vater Dzevat. „Sie darf derzeit nur von zwei Bekannten Besuch empfangen, die haben mir gesagt, dass es ihr sehr schlecht geht.“

Auch von Arigona, dem fünften Kind, dass seit Tagen vor den Behörden auf der Flucht ist und mit Selbstmord gedroht hat, sollte sie abgeschoben werden, hat die Familie nichts gehört. Die Sorge ist groß um die 15-jährige, die Angst, dass sie sich etwas antut, noch größer. „Wir trauen ihr das zu, Arigona will auf keinen Fall mehr zurück in den Kosovo“, sagt Alban. „Weißt du, die kleinen trifft es am härtesten“, erzählt mir der 16-jährige Alfred. „Sie weinen die ganze Zeit. Wenn wenigstens sie bei der Mutter hätten bleiben können, dann würde es ihnen zumindest besser gehen.“

"Keine Decke, wenig zum Essen"
Die abgeschobenen Zogajs wurden im Kosovo getrennt und haben kaum zu essen. Kaliqan im Kosovo ist ein Dorf, das vom jugoslawischen Bürgerkrieg gezeichnet ist. Das Haus der Zogajs im 700-Einwohner-Ort ist schwer beschädigt. Seit der Abschiebung muss der Vater deswegen bei seiner Mutter wohnen. Er wurde von seinen vier Kindern getrennt, da im Haus kein Platz ist. Die Kinder wiederum wurden auf weitere zwei Häuser aufgeteilt. „Sie weinen die ganze Zeit, die Kleinen sind das erste Mal ohne ihrer Mutter unterwegs“, erzählte Großmutter Nurie Zogaj. „Sie haben keine Decke zum Schlafen, wenig Essen. Sie wollen so schnell wie möglich zurück.“

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„Festnehmen, einsperren, abschieben“ – Leitmotive des seit 2005 gültigen Fremdenrechts. Zumindest zeigt sich dieses Motto in immer neuen „Härtefällen“ in ganz Österreich. Inzwischen begehren schon ganze Ortschaften gegen das von Innenminister Günther Platter verteidigte System der Zwangsabschiebungen gut integrierter Flüchtlingsfamilien auf. Die SPÖ, die das gnadenlose System mitbeschlossen hat, will nun sofort Änderungen und Kanzler Alfred Gusenbauer höchstpersönlich kritisiert Platter hart.

Im Wesentlichen geht es um drei Fälle, die die Emotionen hochgehen lassen:

  • In Peggau in der Steiermark wurde die Familie Milici, die aus dem Kosovo flüchten musste, gestern abgeschoben. Obwohl die Kriegsflüchtlinge bestens integriert waren, kannte die Fremdenpolizei keine Gnade. Trotz unzähliger Proteste und Interventionen wurde die achtköpfige Familie gestern mit einem Kleinflugzeug zurück in den Kosovo geflogen.
  • In Niederösterreich kämpft Denis Zeqaj (16) aus dem Kosovo mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen seine Ausweisung: Er lebt seit einer Woche im Untergrund.
  • In Oberösterreich bangt die Gemeinde Frankenburg um die 15-jährige Kosovarin Arigona Zogaj, die sich derzeit vor der Fremdenpolizei versteckt hält.

Report aus Frankenmarkt
„Tiere werden besser behandelt als Familie Zogaj“ – ein Transparent empfängt alle, die in den kleinen Ort Frankenburg einfahren. Das ganze Dorf kämpft dafür, dass die Familie bleiben darf. Und dafür, dass sich die 15-jährige Arigona wieder aus ihrem Versteck traut, in das sie sich aus Angst vor der Fremdenpolizei begeben hat.

Ihre Schulfreundinnen bangen um das Mädchen, das in einem Brief mit Selbstmord gedroht hat: „Bei ihr glaub ich, dass sie sich wirklich was antun könnte“, fürchtet die 13-jährige Sabrina Höchfurtner. Sie bereitet in ihrer Klasse mit Lehrern Transparente für eine Kundgebung vor. Im Haus, das die Familie bewohnt hat, tagt ein Krisenstab. „Wir haben eine Hilfsorganisation gegründet“, erzählt die Nachbarin Edith Hammertinger. „Diese Abschiebung ist eine Katastrophe, eine Schande. Die Familie war so beliebt im Ort. Ich hab’ die Kinder immer zum Baden mitgenommen.“

Unter dem Tisch versteckt
Hammertinger ist mit dem bereits abgeschobenen Vater und Arigonas Brüdern in Kontakt, die unter den katastrophalen Zuständen im Kosovo leiden. Die Mutter, die vorerst in Österreich bleiben darf, liegt aufgrund eines Nervenzusammenbruchs bereits den vierten Tag im Krankenhaus Vöcklabruck: „Ihr geht es noch viel schlechter, als ich erwartet habe“, berichtet ihre Freundin Sabine Leitner nach einem Besuch. „Sie hat mich zunächst nicht einmal erkannt und versteckt sich unter dem Tisch – aus Angst vor der Polizei.“

Sippenhaftung
Wen immer man in Frankenburg zur Familie Zogaj fragt, äußert sich positiv. Vor allem Arigona sei ein „besonders offenes und freundliches Mädchen“, erzählt ihr ehemaliger Lehrer Toni Steinhuber. „Sie hat genauso wie ihre Brüder irrsinnig schnell Deutsch gelernt.“ Dass einer der Buben straffällig geworden ist, ist für ihn kein Abschiebungsgrund. „Mit jungen Burschen gibt es öfter Probleme – warum soll dann gleich die ganze Familie abgeschoben werden? Das ist ja Sippenhaftung.“

Als bekannt wurde, dass der Bruder mit dem Gesetz in Berührung kam, reagierte der oberösterreichische Gemeindereferent und ÖVP-Landesrat Josef Stockinger sofort: „Wer sich nicht an die Hausordnung hält, soll abgeschoben werden.“

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