12. März 2010 21:48
Friedrich Z. (67) hat lange geschwiegen. 56 Jahre hat er für sich behalten,
was ihm im Stiftsgymnasium in Wilhering (OÖ) angetan wurde. Wie er im Jahr
1954, im Alter von nur elf Jahren, von einem Präfekten gequält und sexuell
belästigt wurde. Selbst seiner Frau Paula, mit der er seit 1962 zusammen
ist, konnte er sich erst nach dem Fall Groër im Jahr 1995 öffnen. „Die
Sprachlosigkeit der Opfer, die Qualen und Torturen sind das Schlimmste. Ich
bin so froh, dass mein Mann endlich darüber spricht. Er hatte sein Leben
lang Probleme damit, seine Gefühle zu zeigen.
Erst nachdem er alles erzählt hatte, wusste ich, warum“, sagt Paula Z. zu
ÖSTERREICH. Ihr Mann Friedrich erzählt im Interview, wie er zum Opfer eines
Kirchen-Mannes wurde:
ÖSTERREICH: Herr Z., was ist Ihnen im Stift Wilhering angetan worden?
Friedrich Z.: Es war im Jahr 1954, ich war elf Jahre alt. Es gab da
einen Präfekten, Pater Augustin. Er war jähzornig, brutal, hat uns Buben
verdroschen. Er hat sich dabei immer Söhne von wenig einflussreichen,
ärmeren Familien ausgesucht. Meine Eltern waren No-Name-Leute. Ich war ein
schwacher Schüler und deshalb hat er es bei mir probiert. Der wird sich
gedacht haben: Der ist ja eh nicht so lange da. Dann ist er mit mir auf
„Tuchfühlung“ gegangen.
ÖSTERREICH: Was ist dabei passiert?
Z.: In der ersten Klasse Gymnasium, ich war gerade 11 Jahre, ist er
in den Schlafsaal gekommen. Die anderen Kinder haben geschlafen. Er ist zu
mir gekommen und hat unter die Decke gefasst. Dann hat er mir aufs Schambein
gegriffen. Ich habe laut geschrien. Er hat nur gesagt: Du brauchst doch
nicht so zu schreien. Die anderen Kinder sind aufgewacht. Als er dann
gegangen ist, habe ich gesehen, dass seine Hose offen war.
ÖSTERREICH: Gab es solche Vorfälle öfter?
Z.: Berührt hat er mich nur einmal. Aber er hat immer die Beichte
abgenommen und wollte wissen, wie meine Gedanken zur Sexualität sind.
ÖSTERREICH: Es kam aber auch zu anderen Angriffen.
Z.: Einmal habe ich beim Essen mit einem Tischnachbarn gesprochen.
Der Präfekt hat mich an den Haaren hochgezogen und mir so ins Genick
geschlagen, dass meine Nase den Teller zertrümmert hat. Das haben hundert
Buben beobachtet, draußen hat er mich dann weiter angeschrien.
ÖSTERREICH: Konnten Sie mit jemandem über all das sprechen?
Z.: Nein, die Eltern haben mir das nicht geglaubt. Mit anderen
Schülern haben wir mit zunehmendem Alter schon gesprochen. Als es immer mehr
Gerüchte über das sexuelle Verhalten des Präfekten gab, wurde er versetzt.
Zunächst nach Niederösterreich. Später wurde er Pfarrer von Gramastetten,
danach sogar Dechant von Gallneukirchen. Vor einigen Jahren ist er
schließlich gestorben, als Ehrenbürger von Gramastetten und Herzogsdorf.“ P.
Reidinger