Der Superhirn über seine Abzocke Der Superhirn über seine Abzocke

5 Mrd. einbehalten

© TZ ÖSTERREICH / FALLY

 

Der Superhirn über seine Abzocke

Werner Rydl macht Schlagzeilen: Zuerst sorgte er Mittwoch vergangener Woche für Aufsehen, weil er nach Jahren brasilianischer Schubhaft in Wien wegen Betrugs vor Gericht stand. Der nächste Aufreger folgte zwei Tage später, als der 52-Jährige trotz Verurteilung zu sechs Jahren Haft aus dem Gefängnis spazierte (weil ihm 5 Jahre Auslieferungshaft in Brasilien angerechnet wurden).

Das erste Interview in Freiheit gab Rydl ÖSTERREICH. Beim Spaziergang und Kaffeehausbesuch in der Kurstadt Baden – wo er momentan bei seiner fürsorglichen Schwester Doris untergekommen ist – versuchte der kleine Mann mit dem großen Sendungsbewusstsein seine Version des jahrzehntelangen erbitterten Kampfs mit den heimischen Finanzbehören zu vermitteln und lässt gleich eine Bombe platzen. Er habe insgesamt unglaubliche fünf Milliarden Euro Steuergeld einbehalten, nachdem er im Dezember 1989 ein „Steuerembargo“ ausgerufen hatte.

Damals begann, wie berichtet, die endlose Geschichte „Rydl versus Österreich“. Auslöser: Ein Steuerberater hatte ihm den Tipp gegeben, in seine Erklärung an den Fiskus Fehler einzubauen und somit um rund 100.000 Schilling mehr zu zahlen, denn „man muss die was finden lassen, um sie zu befriedigen“. Angesichts dieser, wie er es bezeichnet „Unart, die sich eingebürgert hat“, schritt Rydl zum Totalprotest.

Sichtlich erregt schilderte der Mann, der es als „Superhirn“, „Robin Hood der Steuerzahler“ oder „Staatsfeind Nr. 1“ zu fragwürdiger Berühmtheit gebracht hat, dann im Interview, wie er in Österreich ein Warenkarussell in Schwung setzte, an dessen Ende er selbst stand und die Umsatzsteuer einbehielt. Wie er 167 Millionen Schilling am Strand von Recife verbrannte, „weil sie ihm Stress bereiteten“, und wie er sich seine Zukunft vorstellt – nämlich gar nicht. Denn der inzwischen Staatenlose wurde nach eigenen Angaben in der Haft in Brasilien „erleuchtet“ und will sich nicht mehr mit profanen Dingen beschäftigen: „Das würde nur meine Energie verschwenden.“ Das vorenthaltene Geld will er der Finanz aber trotzdem nicht zurückgeben.

Werner Rydl im Gespräch über Milliarden, Menschen und eine mögliche Zukunft als Finanzbeamter sowie Schachpartien mit Helmut Elsner.
ÖSTERREICH: Was haben Sie als erstes gefühlt, als Sie nach knapp fünf Jahren Haft den ersten Schritt in die Freiheit machten?
Werner Rydl: Ich dachte, muss ich mir jetzt ein Taxi rufen? Dann bin ich aber doch abgeholt worden.
ÖSTERREICH: Das Gefängnis hat sie also nicht zermürbt?
Rydl: Ich hatte die Möglichkeit, Ruhe zu finden, die Haft hat mich gestärkt. Gleichmut bekommt man erst, wenn man die Kämpfe mit den eigenen Emotionen beendet. Liebe, Hass, Geld ist alles nicht von Bedeutung. Sogar meine Verwandten, die durch die Sache ebenso in Haft saßen, wurden dadurch in ihrer Persönlichkeit gestärkt. Nur Idioten bereuen, was sie getan haben.
ÖSTERREICH: Warum haben sie Ihr Steuerembargo so rigoros durchgesetzt?
Rydl: Um Veränderung zu provozieren und Handlungsbedarf aufzuzeigen. Das Vorsteuersystem wurde erfunden, um eine zweite Kasse für den Staat zu errichten, die man für stille Subventionen verwenden kann. Ich habe keinen Embargo-Euro für mich genommen, das Geld nur nicht abgeführt.
ÖSTERREICH: Von welchen Summen reden wir und wie war das mit dem Verbrennen von Millionen?
Rydl: Die 167 Millionen Schilling habe ich verbrannt, weil ich sie nicht mehr einwechseln konnte und sie mir nur Stress bereiteten. Ab 1995 habe ich Geld nicht mehr gezählt, sondern nur noch gewogen. Ich habe in 20 Jahren knappe fünf Milliarden Euro einbehalten. Jährlich verliert Österreich durch Steuertricks 2,5 Milliarden.
ÖSTERREICH: Daher haben Sie auch Finanzminister Pröll ihre Hilfe angeboten?
Rydl: Das war nicht zynisch gemeint, aber mir fehlt die wichtigste Voraussetzung als Finanzbediensteter: korrupt zu sein.
ÖSTERREICH: Wie geht es jetzt mit Ihnen weiter?
Rydl: Der Staatsanwalt hat mir gesagt, er wird eine weitere Anklage erheben. Ich werde dem Zustimmen und das alles hier hinter mich bringen. Ich plane nicht voraus, das würde nur meine Energie verschwenden.
ÖSTERREICH: Wie empfinden Sie im Rückblick Ihren Kampf mit der Finanz?
Rydl: Todernst, aber emotionslos. Es war wie ein edles Pokerturnier.
ÖSTERREICH: Gespielt haben Sie ja auch in Haft, ihr Schachgegner war Helmut Elsner. Wer hat gewonnen?
Rydl: Ich habe immer für Ausgleich gesorgt. Diese Banker leben allerdings auf Wolke Sieben. Elsner ist auf jeden Fall pumperlgsund.
ÖSTERREICH: Welchen Rat würden Sie österreichischen Steuerzahlern geben?
Rydl: Sie sollten zum Kern der Sache vordringen. Wir erwarten Rechtsstaatlichkeit. Der Kern ist aber, dass der Staat sich selber und nicht die Bürger schützt. Mein Geld zahle ich nicht an die Finanz zurück, ich lasse es höchstens wieder in die österreichische Wirtschaft einfließen.
ÖSTERREICH: Ihr Motto?
Rydl: Die Menschen lieben es, wenn man ihnen sagt, was sie tun sollen. Aber noch mehr lieben sie es, nicht das zu tun, was man ihnen sagt.

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