Der Tag, als 
Österreich unterging Der Tag, als 
Österreich unterging

Anschluss vor 75 Jahren

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Der Tag, als 
Österreich unterging

11. März 1938
Rücktritt von Österreichs Bundeskanzler Schuschnigg – er wird zunächst in seiner Dienstwohnung im Belvedere unter Hausarrest gestellt, später inhaftiert und ins KZ Dachau deportiert.

12. März 1938
Hitler stellt die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich aus – Deckname: „Unternehmen Otto“. Tags darauf marschieren Soldaten der Wehrmacht und Polizisten – insgesamt rund 65.000 Mann mit teils schwerer Bewaffnung – in Österreich ein.

12. März, Nachmittag
Begleitet von Glockengeläut überschreitet Hitler bei Braunau die Grenze und erreicht bald Linz. Dort hält er vom Balkon des Rathauses aus eine Ansprache: Er wolle seine teure Heimat dem Reich wiedergeben.

13. März 1938
Im Linzer Hotel Weinzinger wird von Hitler und dem neuen Bundeskanzler Seyß-Inquart das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vereinbart. Der 13. März gilt als juristisches Datum des Anschlusses.

15. März 1938
Hitler verkündet auf dem Wiener Heldenplatz den „Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“. Er bezeichnet Österreich als „älteste Ostmark des Deutschen Volkes“ und „jüngstes Bollwerk der Deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches“. Viele Österreicher bejubeln den Anschluss.

In den ersten Märztagen wurden 72.000 inhaftiert

März 1938 …
Bereits in den ersten Tagen nach der Machtübernahme inhaftieren die neuen Machthaber – unter Mithilfe österreichischer Anhänger – 72.000 Menschen. Darunter zahlreiche Politiker und Intellektuelle der 1. Republik wie vor allem Juden.
 

"Unsere Lehre aus dem Anschluss …"


ÖSTERREICH:
Herr Dr. Portisch, wer waren die Hauptschuldigen am Anschluss?
HUGO PORTISCH: Beim sogenannten Anschluss waren zwei Kräfte am Werk: Als Hitlers Militär am 12. März 1938 einmarschierte, hatten bereits in der Nacht die österreichischen Nazis in einigen Landeshauptstädten die Macht ergriffen. Die ideologischen Voraussetzungen für den „Anschluss“ waren in den Jahren davor die populistischen Versprechungen der Nazis, alles würde besser werden, für jeden würde es Arbeit geben. So haben viele Österreicher den „Anschluss“ bejubelt. Sie haben die Not in den 20er-Jahren erlebt, die Pleite Österreichs zu Beginn der 20er-Jahre, die enorme Arbeitslosigkeit, und sie glaubten an den wirtschaftlichen Aufschwung. Aber da gab es auch andere Triebkräfte: Den immer schon vorhandenen Antisemitismus und den Verdruss mit der Politik, die zuerst zum Bürgerkrieg und dann in den Ständestaat geführt hatte.

ÖSTERREICH: Die politische Landschaft der 1. Republik war heillos zerstritten.
PORTISCH: So trugen auch die Politiker der ersten Republik Mitschuld am „Anschluss“, die statt eines Miteinanders ein Gegeneinander praktizierten. Und das wäre auch die Lehre, die wir heute aus den Ereignissen der 1. Republik und dem „Anschluss“ ziehen sollten: Als übergeordnetes politisches Gebot muss immer das Miteinander gelten. Selbstverständlich muss es ideologische Auseinandersetzungen geben, selbstverständlich streben die Parteien und deren Politiker verschiedene Ziele an. Für den Gesamtstaat aber müssen sie gemeinsam Verantwortung tragen. Sie müssen wissen, wo Kompromisse notwendig sind, wo die Opposition die Regierung stützen und wo die Regierung auf die Opposition hören sollte.
Um nicht missverstanden zu werden: Dazu sind keine Großen Koalitionen notwendig. Jede Regierungsform ist, solange sie demokratisch ist, legitim. Aber die Verantwortung für das Staatsganze und für die Bevölkerung haben alle Parteien zu tragen. Und das funktionierte in der 1. Republik überhaupt nicht. Die parteipolitischen Gegensätze waren zu stark. Jede Partei, jeder Politiker glaubte: Nur meine Überzeugung kann das Land retten; und die anderen führen das Land ins Verderben.

ÖSTERREICH: Zum Schluss versuchten die zerstrittenen Parteien, das Ruder herumzureißen.
PORTISCH: Erst unter dem drohenden Druck von Hitlers Ultimaten erklärten sich auch die Revolutionären Sozialisten und sogar die Kommunisten aus dem Untergrund bereit, mit „Ja zu Österreich“ zu stimmen. Aber da war es bereits zu spät. Bundeskanzler Schuschnigg trifft da eine immense Verantwortung: Denn als Hitler ihn nach Berchtesgaden bestellt hatte und da schon ultimative Forderungen erhob, hätte Schuschnigg umgehend ein Versöhnungsangebot an die Sozialdemokraten unterbreiten und alle aufrechten Kräfte Österreichs sammeln müssen. Das verabsäumt zu haben, war eine folgenschwere Unterlassung.

ÖSTERREICH: Hätte er den
Anschluss verhindern können?
PORTISCH: Vielleicht nicht. Aber es hätte vor allem den Widerstandswillen in Österreich gestärkt. Und es hätte vermutlich die westlichen Demokratien verpflichtet, Österreich zumindest diplomatisch beizustehen. Die widerspruchslose Hinnahme der Einverleibung Österreichs durch Hitler-Deutschland hat zweifellos Hitler sehr ermutigt, seine Aggressionspolitik weiterzuführen.

Interview: C. Hirschmann

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