16. März 2010 19:37
Die Unterwelt kennt die goldene Regel bei jedem Polizeiverhör: „Sagst Du ja,
bleibst Du da, sagst Du nein, gehst Du heim.“ Der 45-jährige Kaufmann Ernst
H., einst Vertrauter und Geschäftspartner von Kampusch-Entführer Wolfgang
Priklopil, versuchte es mit einem Jein – und fuhr ein.
Am 23. August 2006, dem Tag von Nataschas Flucht, hatte ihn Priklopil um ein
Treffen gebeten. Danach ließ sich der Kidnapper von einem Zug überrollen.
„Er war im Retourgang schneller als die
Funkstreife vorwärts.“
Ernst H. über Priklopils Rage
Wahrheit.
Über die letzte Aussprache lieferte Ernst
H. der Polizei zwei Versionen: Weil er „nicht in den Fall hineingezogen
werden wollte“, erzählte der Wiener. Priklopil habe nur sein Herz
ausschütten wollen, weil er betrunken in ein Planquadrat geraten sei und um
seinen Führerschein bange. Drei Jahre sagte Ernst H. der Soko-Natascha, die
den Akt noch einmal aufrollte, die Wahrheit: Priklopil hat ihm beim Treffen
sein Verbrechen gestanden und eine Lebensbeichte abgelegt. Dann stieg er aus
dem Auto, um Selbstmord zu begehen.
Wahnsinn.
Das Eingeständnis hat Folgen, denn Staatsanwalt
Hans-Peter Kronawetter hat jetzt gegen Ernst H. einen Strafantrag wegen
„Begünstigung“ eingebracht. Weil er den Entführer „der Strafverfolgung
entzogen“ habe, drohen Ernst H. bis zu zwei Jahre Haft. Den Angeklagten
trifft der Prozess „wie ein Schlag in den Magen“.
„Natascha kommt wieder nicht zur Ruhe – Wahnsinn. “
Anwalt M. Ainedter
Sein Anwalt Manfred Ainedter vermutet: „Offenbar soll die Neuauflage der
Untersuchungen zum Fall Kampusch jetzt mit Gewalt gerechtfertigt werden.“
Nachsatz: „Auch für Natascha ist das ein Wahnsinn, weil sie mit dem Thema
weiterhin nicht abschließen kann.“ Prozesstermin: noch vor dem Sommer.
h3. Wie sich Ernst H. verteidigt – das Interview
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ÖSTERREICH: Sie sind jetzt der einzige Angeklagte im
Entführungsfall Kampusch. Ein Keulenschlag – oder nehmen Sie’s mit
Galgenhumor? ERNST H.: Zum Lachen war mir in dieser Sache
noch nie. ÖSTERREICH: Der Abschlussbericht der Soko
Natascha hat Sie von jedem Verdacht befreit, Mitwisser oder gar
Mittäter Wolfgang Priklopils gewesen zu sein … Ernst
H.: So ist es. Trotzdem darf ich offenbar nicht in Ruhe leben. Man
braucht ein Bauernopfer. ÖSTERREICH: Die
Staatsanwaltschaft wirft Ihnen „Begünstigung“ vor. Im Klartext: Sie
hätten Priklopil nach seiner Lebensbeichte bei der Polizei abliefern
sollen, haben ihn aber einfach aussteigen lassen. ERNST H.: Ich
bin neben einem gewaltbereiten Schwerverbrecher im Auto gesessen, der
gerade als Nataschas Entführer aufgeflogen war. Der war in seiner
Verzweiflung zu allem entschlossen. Bei
Mc Donald’s ist zufällig eine
Funkstreife vorbeigefahren. Priklopil war im Retourgang schneller als
die vorwärts. Hätte sich ihm wer in den Weg gestellt, wäre er tot
gewesen. Was also hätte ich tun sollen? Nebenbei war er mir auch
körperlich überlegen, weil ich nie ein großer Athlet gewesen bin. ÖSTERREICH:
Aber Sie waren doch sein Freund? ERNST H.: Auch das ist
eine ständige Falschmeldung. Wir waren Geschäftspartner und haben uns
lange gekannt. Aber ich habe ihn in all den Jahren nur zweimal daheim
besucht. ÖSTERREICH: Wie lebt man damit, seit drei
Jahren immer wieder in die Schlagzeilen zu geraten? ERNST H.:
Die ständigen Gerüchte und falschen Verdächtigungen bringen mich um.
Es ist furchtbar – auch im Beruf. Ich habe heute drei Mails
geschrieben, dann konnte ich nichts mehr tun, so fertig bin ich. ÖSTERREICH:
Sehen Sie dem Prozess gelassen entgegen? ERNST H.: Ich bin
überhaupt nicht gelassen. Die vier oder fünf Monate bis zur
Verhandlung werden wieder die Hölle. Ich bin unschuldig – aber wen
interessiert das schon?
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