Österreich-Test bei den Ärzten

Einfach Blaumachen

© Raunig

Österreich-Test bei den Ärzten

Die Österreicher gehen immer häufiger in den Krankenstand. Durchschnittlich waren Arbeiter und Angestellte im Jahr 2009 12,6 Tage krankgeschrieben. Zwei Jahre davor waren es noch 12,0 Tage. Insgesamt waren Arbeiter und Angestellte im Vorjahr 38,7 Millionen Tage lang im Krankenstand. Sind die Österreicher so kränklich? Oder ist es so einfach, sich krankschreiben zu lassen, dass manche der Versuchung nachgeben, einfach blauzumachen? ÖSTERREICH machte den Test.

Fall 1: ÖSTERREICH-Reporterin Natalie C. besucht einen Arzt im fünften Wiener Gemeindebezirk. "Wie kann ich Ihnen helfen?" "Ich brauche freie Tage, weil meine Schwester aus Australien zu Besuch ist." Der Arzt schaut gespielt streng: "Frau C., was haben Sie?" Die Reporterin spielt mit und lacht: "Durchfall." Sofort füllt der Arzt das Formular aus. Seine letzten Worte: "Dieses Gespräch hat nie stattgefunden."

Fall 2 in Villach: Reporter Manfred Wrussnig (Bild): "Mein Sohn ist krank geworden. Ich soll nun statt ihm drei Tage in die Sonne fliegen." "Soll ich Ihren Sohn gesund machen?", fragt der Arzt. "Nein, mich krank, denn ich müsste am Fenstertag eigentlich arbeiten." Ohne mit der Wimper zu zucken, hätte auch dieser Villacher Arzt eine Krankschreibung ausgefüllt.

Fall 3 in Wien: ÖSTERREICH-Reporterin Maria K. ruft einen Arzt in 1070 Wien an und bittet telefonisch um Freistellung. "Ich bräuchte dringend ein paar freie Tage", erklärt sie der Praktischen Ärztin. "Was haben Sie denn?" "Ich habe ehrlich gesagt gar nichts, ich habe nur keine Lust, arbeiten zu gehen, und habe keinen Urlaub bekommen. Momentan ist aber wirklich nichts los im Büro." "Ich verstehe", sagt die Ärztin seelenruhig. "Kommen Sie vorbei, wir finden sicher was, was ein paar Tage dauert."

Fall 4 & 5: Bei anderen Ärzten haben sich die Reporter vergeblich bemüht. Dr. Wolfgang Landerl in Linz weigerte sich strikt, eine falsche Krankschreibung auszufüllen. Dr. W. in 1050 Wien ist nicht ganz so abgeneigt und klärt auf: "Wenn Sie mir erklären, dass Sie sich bei Ihrem Kind angesteckt haben, und es rumort im Magen, dann ja. Aber einfach erfinden kann ich so was leider nicht."

Blaumacher kosten 
bis zu einer Milliarde
Ob berechtigt oder nicht: Allein im Jahr 2009 brachten es die 3,7 Millionen Beschäftigten in Österreich auf unglaubliche 38,7 Millionen Krankenstandstage.

Schon seit Jahren stöhnen Betriebe und Krankenkassen unter den enormen Kosten. So beliefen sich die gesamtwirtschaftlichen Ausgaben der Fehlzeiten 2009 auf 17,6 Milliarden Euro. Besonders die Kosten beim Krankengeld stiegen zwischen 2007 und 2009 um rund 21 Prozent auf 509 Millionen Euro – das ist ein Plus von 89 Millionen.

Das Deutsche Institut 
für Wirtschaftsforschung schätzt: Allein in Deutschland gehen dem Staat durch falsche Krankschreibungen fünf bis zehn Milliarden Euro verloren. Auf Österreich heruntergerechnet sind das bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr!

Experten wissen: In wirtschaftlich schlechten Zeiten ist die Angst um den Jobverlust groß, es wird weniger krankgeschrieben. Derzeit ziehen die Zahlen wieder an.

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