09. Juni 2010 16:04
Einen Tag nach der Entführung der drei Monate alten Nora aus einem
Salzburger Einkaufszentrum gab es am Donnerstag erste Hinweise auf ein
Motiv, das die in Bayern festgenommene 32-jährige Frau aus dem Bezirk
Kitzbühel zu dieser Tat bewogen haben könnte. Zeugen haben der Polizei
berichtet, dass die mutmaßliche Täterin in den vergangenen Wochen schon
mehrmals in ihrer Umgebung mit einem leeren Kinderwagen spazieren gegangen
sei, sagte Josef Holzberger vom Landeskriminalamt Salzburg.
Entführerin stellte Freundin Baby vor
Die Tirolerin war am
Mittwoch nach der Entführung mit dem Baby zunächst in ihre Heimat gefahren.
Sie besuchte dort eine Freundin und stellte ihr das Baby als eigenes Kind
vor, so der Kriminalist. Danach dürfte sie von Bekannten erfahren haben,
dass mit Fotos aus der Überwachungskamera nach ihr gefahndet wird, und sie
machte sich wieder auf den Weg nach Bayern. Neben dem Parkplatz eines
Supermarktes setzte die Frau die kleine Nora in ihrem Maxi Cosi ab, wenige
Minuten später wurde sie ganz in der Nähe von der Polizei angehalten.
Verfahren in Bayern oder in Salzburg?
Noch nicht geklärt ist,
ob das weitere Verfahren in Bayern oder Salzburg durchgeführt wird. "Die
Zuständigkeit wird noch geprüft", so Marcus Neher, der
Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg. "Meiner Einschätzung nach ist
eine deutsche Gerichtsbarkeit gegeben, weil es sich um ein Dauerdelikt
handelt, und die Entziehung auch in Bayern erfolgt ist." Sollten sich
die deutschen Behörden allerdings nicht zuständig fühlen, werde man die
Auslieferung der mutmaßlichen Täterin beantragen.
Die Staatsanwaltschaft Salzburg ermittelt jedenfalls in Richtung
Kindesentziehung und nicht Entführung. "Dem Tatbild entspricht
eine Entziehung. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass die Tatverdächtige
Lösegeld fordern oder das Kind etwa missbrauchen wollte. Das Kind wurde der
Obhut der Eltern entzogen", so Neher.
Die kleine Nora war am Mittwochvormittag aus einem Salzburger
Einkaufszentrum entführt worden, während die Mutter gerade Kleidung
in einer Umkleidekabine anprobierte. Das Gebäude wurde zwar nach dem Alarm
abgeriegelt, die Täterin war aber mit dem Baby bereits entkommen. Dank der
veröffentlichten Bilder aus der Überwachungskamera gingen bald Hinweise ein,
so dass die Polizei ganz gezielt nach der Tirolerin fahnden und sie fünf
Stunden nach der Entführung auch festnehmen konnte. Das Baby wurde noch am
Nachmittag den überglücklichen Eltern übergeben und ist wohlauf.
Nora und der Familie geht es gut
"Es geht uns sehr gut. Wir
wollen diesen Tag in Ruhe mit den Kindern genießen." Mike
Zwilling, dem Vater der kleinen Nora, war am Donnerstag schon an der Stimme
anzuhören, wie froh er und seine Frau Nina über den glücklichen Ausgang der
gestrigen Entführung sind.
"Alles in Ordnung"
Eigentlich wollte die Familie
Zwilling - Noras Vater Mike ist der Sohn des Salzburger Skiweltmeisters
David Zwilling - den heutigen Tag abseits des Medienrummels verbringen. Doch
bis zum späten Vormittag seien bereits 60 bis 70 Anfragen eingelangt,
erzählte der Salzburger. "Gestern haben wir uns entschieden, dass
wir keine Interviews geben wollen." Aber für ein paar Worte blieb doch
noch Zeit. Nora ist wie die ganze Familie "gesund und munter, alles ist
in Ordnung".
Dank an die Polizei
Der Donnrstag sollte für die Eltern des drei
Monate alten Babys und dessen zwei Geschwister ganz normal ablaufen, was
nach der gestrigen Aufregung und des Medienansturms wohl doch kaum möglich
ist. Die Familie bedankte sich bei den Polizisten für ihren großartigen
Einsatz.
|
Experten-Gespräch: "Natürlich haben
Baby-Entführungen sehr häufig etwas mit eigenem unerfülltem
Kinderwunsch zu tun. Es kann sich aber auch eine psychische Erkrankung
handeln", erklärte Anita Holzinger von der Universitätsklinik
für Psychiatrie am Wiener AKH im Gespräch.
Außergewöhnliche Situation Doch es müsse sich
schon um eine außergewöhnliche Situation handeln, in die eine Person
als Täter gerate, um daraus auch Entführung zu machen. Die Expertin: "Oft
kommt da noch ein traumatisierendes Ereignis in der Vergangenheit
hinzu: Ein Kinderwunsch, den der Partner ablehnt oder nicht erfüllen
kann. Manchmal ist es ein Schwangerschaftsabbruch."
Die Hemmschwellen lägen hoch: "Grundsätzlich ist es so, dass
die handelnde Person selbst ein einer Form sehr 'angegriffen' sein
muss, damit so etwas in die Tat umgesetzt wird. Der Kinderwunsch steht
im Vordergrund. Das kann auch Krankheitscharakter bekommen."
Solche Affären würden zumeist gut ausgehen. Anita Holzinger: "Eigentlich
werden die Frauen (mit den entführten Kindern, Anm.) immer gefunden.
Sie sind eher sehr kooperativ, wenn nicht eine psychische Erkrankung
im Vordergrund steht. Aber grundsätzlich halten sie das eh nicht
durch."
|