Natascha Kampusch

 

"Es ist mein Buch und nicht seines"

FRAGE: Hat die Arbeit am Buch Ihre Sicht auf die Tat verändert?
Natascha Kampusch:
Viele Erkenntnisse hatte ich schon vorher, mit dem Buch wurde es noch mal deutlicher. Mit dem Buch musste ich das Ganze aussprechen. Dass das Ganze mir sehr viel genommen hat, dass da ununterbrochen Menschenrechtsverletzungen passiert sind – das war mir schon währenddessen klar. Aber die Tragweite und Tragik dessen auf der Gefühlsebene, das ist mir erst durch das Buch klar geworden.
FRAGE:
In Ihrem Buch wird Wolfgang Priklopil durchgängig nur "Täter“ genannt. Wie ist das entstanden?
Kampusch:
Das war sehr kompliziert. Weil, wie sollte man ihn nennen?! Es wäre seltsam, ihn mit Wolfgang zu bezeichnen. Das Buch ist ja für andere Menschen geschrieben, und ich wollte nicht, dass die dann so auf „Du und Du“ mit dem Täter sind. Das wäre unpassend und würde dem Ganzen ein bisschen den Ernst nehmen und wieder von dem ablenken, was mir passiert ist und wie das für mich war. Es ist ja mein Buch und nicht seines. Und es stehen ja auch kaum Vermutungen drin, warum er so oder so gehandelt hat. Wie’s auf mich gewirkt hat, steht drin – aber keine Abhandlungen über ihn.
Frage:
Welche Bezeichnung haben Sie persönlich für ihn?
Kampusch:
Es gibt eigentlich keine wirkliche Bezeichnung, weil er ist im Grunde genommen nichts zu mir. Er hat sich das alles erzwungen, er ist nicht mit mir verwandt. Es war ja seine Tätigkeit – er war ja ein Verbrecher in Bezug auf mich. Deshalb finde ich Täter ganz gut, weil es auch so eine Distanz wahrt. Der Leser hat eine gewisse Distanz zum Täter – und ich auch. Das ist wichtig.
Frage:
Hat Ihnen die Arbeit geholfen, die Zeit in Gefangenschaft zu verarbeiten?
Kampusch:
Ja, es hat schon geholfen. Mir ist das Ganze noch mal so entgegengesprungen. Als wäre die Geschichte jemand anderem passiert. Aber als ich das dann gelesen habe, ist mir klar geworden, wie schrecklich das eigentlich war. Mir hat die Person, der das passiert ist, dann so leidgetan. Ich tue mir aber eigentlich nicht leid – das war wie eine Rückkoppelung.

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