Fritzl ist ein

Gerichtsgutachten

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Fritzl ist ein "emotionaler Analphabet"

Aus gerichtspsychiatrischer Sicht sei Josef F. eine umfassende schwere Störung zu attestieren, sagte die Sachverständige Adelheid Kastner. Sie ging in ihrem Gutachten ausführlich auf die in der Kindheit liegenden Gründe für sein Verhalten ein. Jahre der Erniedrigung, Angst und Isolation wurden durch Machtausübung kompensiert, sprach Kastner von schweren emotionalen Defiziten. Nach dem Gutachten wurde die Öffentlichkeit wieder vom Prozess ausgeschlossen.

Kindheit Fritzls als Ursache
Geisteskrankheit, Minderbegabung, tiefgreifende oder eine gleichwertige Bewusstseinsstörung - rechtliche Gründe für Nichtschuldfähigkeit - seien auszuschließen. Wer aber gegen die innere Ordnung über einen so langen Zeitraum hindurch derart geplant und zielgerichtet handle, müsse schwer gestört sein. Bei der Ursachensuche müsse man bis in die Kindheit des Angeklagten zurückgehen, bis zu seinen Großeltern lagen hochproblematische Familienverhältnisse vor. Für seine Mutter, die selbst außerehelich gezeugt wurde, war er eine Belastung, und bekam keine Zuwendung. Kinder in einer Ehe "hineinzuadoptieren" kannte er also aus der eigenen Familie.

"Emotionaler Analphabeth"
Das Klima im Elternhaus war geprägt von Schlägen, von Angst vor und zugleich Angst um die Mutter, die die einzige Bezugsperson war. Sie habe ihm alles andere als ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, er erlebte kein Urvertrauen. Die Fähigkeit zu lieben entwickle sich nur, wenn man diese Gefühle auch erfährt, so Kastner. Andernfalls werde man zum "emotionalen Analphabeten".

Fritzl wollte einen Mensch ganz für sich haben
Ein Leben unter Angst sei auf Dauer nicht auszuhalten, die Gegenstrategie, Gefühle wegzuschieben. Diese ließen sich aber nicht auf Dauer verdrängen. F. wusste aber, dass er gescheit war und die Möglichkeit hatte, etwas aus sich zu machen. In der Pubertät kam der Wendepunkt, sich von der Mutter nichts mehr bieten zu lassen, die Situation umzudrehen - das Machtbedürfnis wuchs, und gleichzeitig der Wunsch, einen Menschen ganz für sich zu haben, wo man keine Angst mehr haben muss, ihn zu verlieren.

E. gezielt als Opfer ausgesucht
Josef F. hat sich seine drittgeborene Tochter ganz bewusst als Opfer ausgesucht. Die Tochter, die der Mann 24 Jahre in seinem Keller gefangen gehalten haben soll, sei ihm "am Ähnlichsten" gewesen. Dem Angeklagten sei es darum gegangen, gerade ihren Willen zu brechen, sagte Kastner.

Fritzl wusste, dass er Unrecht tat
Dabei sei Josef F. stets klar gewesen, dass er unrecht und schuldhaft handelte: "Er hat gewusst, er handelt gegen die Regeln des menschlichen Zusammenlebens. Dieses Wissen war immer vorhanden."

Der Mann habe jedoch die Eigenschaft, unliebsame Dinge einfach wegblenden zu können: "Sobald er aus dem Keller rausgegangen ist und die Tür zugemacht hat, war es weg. Er hat die Möglichkeit gehabt, sein Leben oben unbelastet vom Leben unten zu leben." Lediglich kurz vor dem Einschlafen und unmittelbar nach dem Aufwachen hätte Josef F. sein Gewissen gedrückt, meinte Kastner: "Immer dann ist es ihm schlecht gegangen".

Nimmt seine bösartige Seite selbst wahr
Kastner sprach von einem Vulkan: Unter der Oberfläche brodelten Bedürfnisse nach Dominanz und Herrschen: "Josef F. nimmt seine bösartige Seite selbst wahr", auch, dass er zum Vergewaltiger geboren sei. Er könne sich ganz gut kontrollieren, aber wenn er die Kontrolle lockere, breche das durch, erinnerte die Psychiaterin an eine begangene Vergewaltigung.

Fantasien wurden Lawine
Das Bedürfnis, mächtig zu sein, habe Josef F. dann in seiner Familie ausgelebt - den Bereich der Sexualität jedoch nicht in ausreichendem Maß, sagte die psychiatrische Sachverständige. Fantasien entstehen, werden gewissermaßen zur Lawine - bis man irgendwann beginnt, reale Voraussetzungen für ihre Umsetzungen zu schaffen.

Als Beispiel für den Mechanismus "man weiß, man soll etwas nicht tun, aber es ist eh nicht so schlimm, man kann ja jederzeit aufhören" führte Adelheid Kastner den Kampf von Rauchern gegen ihre Sucht an. Man korrumpiere sich sozusagen selbst.

Tochter durch Kinder an ihn gebunden
Eine grandiose Situation sei für Josef F. entstanden, als "er's geschafft" hat: Er kann seine sexuellen Bedürfnisse ausleben, es gibt keinen Widerspruch mehr, kein Risiko - und hat einen Menschen ganz für sich allein. Auch Kinder zu zeugen hätte einen Grund gehabt: Mit mehr Kindern würde die Tochter noch mehr an ihn gebunden und zugleich für andere Männer unattraktiv.

"Sicher verwahren"
Sie riet dazu, Josef F. "so lange sicher zu verwahren, bis aus der Behandlung ein Erfolg resultiert". Grundsätzlich sei der Angeklagte therapierbar, sofern er Strategien gegen seine Persönlichkeitsstörung entwickle. Ansonsten seien zukünftig von ihm Straftaten zu befürchten, betonte Kastner: "Es ist alles denkbar, was seine Machtansprüche befriedigt."

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